Struktur, Freizeitgestaltung, Kontakte knüpfen: Das ist für Menschen mit psychischen Erkrankungen sehr wichtig. Mit neuen Konzepten, leeren Stühlen und Abstand können die Besuchenden mit Mitarbeiterin Barbara Gehrmann am Flipchart ein Quiz spielen. 	FOTO: SIMONE PARBEL
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Struktur, Freizeitgestaltung, Kontakte knüpfen: Das ist für Menschen mit psychischen Erkrankungen sehr wichtig. Mit neuen Konzepten, leeren Stühlen und Abstand können die Besuchenden mit Mitarbeiterin Barbara Gehrmann am Flipchart ein Quiz spielen. FOTO: SIMONE PARBEL

Schwieriger Neustart

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Wetteraukreis (pm). Schrittweise und unter neuen Bedingungen öffnen nun wieder die fünf Tagesstätten sowie die Werkstatt des Diakonischen Werks für Erwachsene mit psychischen Erkrankungen. Wie alle Gemeinschaftseinrichtungen konnten die Angebote in den letzten Wochen nicht oder nur extrem eingeschränkt von den Menschen genutzt werden.

Beispielhaft für die fünf Tagestätten berichten Gottfried Oelinger und Sascha Kendel aus der Tagesstätte in Friedberg von einer besonderen und schwierigen Zeit: Vor, während und nach dem Lockdown. Die Schließung war ein herber Einschnitt: Kendel erzählt: »Von heute auf morgen durfte keiner mehr kommen. Wir haben alle Leute angerufen und gebeten, zu Hause zu bleiben.

Ein Ende war nicht absehbar, und es sei sehr schwer zu erklären gewesen, was da los ist. Man habe Möglichkeiten geschaffen, die Menschen aus der Distanz zu begleiten, sagt Gottfried Oelinger. »Als Hilfe und für den persönlichen Austausch konnten die Menschen in der Tagesstätte anrufen. Normalerweise ist das Einkaufen eine gemeinsame Alltags-Übung mit den Besuchenden, nun haben Mitarbeitende Einkäufe gemacht. So wie es möglich war, haben Mitarbeitende sich mit den Besuchenden zu Einzelbesuchen im Freien verabredet. Zu Ostern gab es einen kleinen Gruß.

Grüße per Video

Je nach Besetzung mit Personal und zugeschnitten auf die jeweiligen Besuchergruppen, hatten die fünf verschiedenen Tagesstätten insgesamt ein breites Programm gestaltet. Zum Beispiel wurden auch Videos mit Grüßen oder Kochrezepten versendet und Päckchen mit Knobelaufgaben oder Bastelanleitungen den Menschen nach Hause gebracht.« Weiter erzählen Kendel und Oelinger, dass bei jeder Verlängerung des Lockdown die Mitarbeitenden erneut mit allen telefonierten. Das Bedauern und der Kummer der Tagesstätten-Besuchenden nahmen dabei immer weiter zu und die Nachfragen wurden sehr häufig.

Kummer und Krisen

Die Telefonzeiten an den Vormittagen wurden rege genutzt für Alltagsfragen, Probleme und einfach mit dem Wunsch nach menschlichem Kontakt und Gespräch. Mit laut gestelltem Telefon wurden auch Spiele zum Gehirnjogging gespielt wie Schiffe versenken oder Stadt/Land/Fluss.

Einzelne Besuchende haben sich später, als dies wieder möglich war, auch untereinander verabredet zum Telefonieren, zu einem Spaziergang und zum gemeinsamen Gießen des Hochbeetes im Burggarten. Die Verabredungen haben die Mitarbeitenden der Tagesstätte vermittelt und gefördert. Schon vor dem Lockdown gab es Besuche bei einer Begleithundausbilderin, bei denen die Tagesstätten-Besuchenden in die Hundeausbildung einbezogen wurden.

Seit die Menschen wieder einzeln mit dem Kleinbus gefahren werden dürfen, konnten diese Besuche wieder aufgenommen werden. Für die Tagesstätten-Besuchenden ist dieses einfache Zusammensein mit einem Hund eine große Freude - die Nähe zu dem Tier und den Hund streicheln zu dürfen gibt Berührungsmöglichkeit in der sonst berührungslosen Zeit.

Besucherinnen und Besucher können sich seit 8. Juni mit Einschränkungen wieder in der Tagesstätte treffen. Zwei Gruppen mit je drei und vier Besuchenden dürfen zweimal in der Woche für drei Stunden kommen. Diejenigen, die dabei sind, seien sehr froh darüber und akzeptieren die Einschränkungen mit Maskenpflicht, geringer Personenzahlen in den Räumen und Fluren, Desinfektion. Die anderen der insgesamt 28 Tagesstätten-Besuchenden müssen aus Vorsicht wegen Grunderkrankungen noch zu Hause bleiben. Zu ihnen bestehe der gleiche Kontakt wie während des Lockdowns.

Die eingeschränkte Öffnung sei nicht leicht: Es komme zu massiven Krisen. Für einige Wenige sei es schwer nachvollziehbar, warum andere wieder kommen dürfen, sie selbst aber noch nicht. »Da fließen auch Tränen am Telefon«, erzählt Sascha Kende. Für manche Menschen mit seelischen Erkrankungen ist fehlende Beständigkeit besonders schwer. »Im Zweifel haben wir uns grundsätzlich zur Vorsicht entschieden und tun dies noch immer«, sagt Kendel.

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