Prof. Christoph Schoener spielt "Prélude et danse fuguée" des französischen Organisten Gaston Litaize, bei dem Schoener auch studiert hat. FOTO: GK
+
Prof. Christoph Schoener spielt "Prélude et danse fuguée" des französischen Organisten Gaston Litaize, bei dem Schoener auch studiert hat. FOTO: GK

Auf den Schultern eines Riesen

  • vonGerhard Kollmer
    schließen

Friedberg(gk). "An Wasserflüssen Babylon, da saßen wir mit Schmerzen. Als wir gedachten an Sion, da weinten wir von Herzen." So beginnt das auf Psalm 137 basierende Kirchenlied, das erstmals 1525 im protestantischen Straßburg erschien und dessen Melodie schnell Popularität erlangte. Martin Luther nahm es 1545 in sein Gesangbuch auf. Im 17. Jahrhundert entstanden dann zahlreiche Orgelbearbeitungen des Chorals - als bedeutendste davon die des Hamburger Organisten Johann Adam Reincken.

1701 ging der 16-jährige Johann Sebastian Bach in die Hansestadt, um sich von Reincken im Orgelspiel ausbilden zu lassen. 1720 kehrte er noch einmal nach Hamburg zurück, weil er sich für die Stelle des Organisten an St. Jakobi beworben hatte. Aus diesem Anlass soll er eine halbe Stunde lang über den o. g. Choral improvisiert haben. Frucht dieser Besuche ist seine eigene Bearbeitung des Chorals (BWV 653).

Prof. Christoph Schoener, über 20 Jahre lang als Kirchenmusikdirektor und Organist an Hamburgs Hauptkirche St. Michaelis tätig, brachte Bachs selten gehörtes Werk im Rahmen der diesjährigen Sommerkonzerte in der Stadtkirche zu Gehör und empfing dafür viel Beifall.

Höhepunkt des Abends war dann Schoeners darauf folgende mitreißende Interpretation von Bachs in seiner Zeit als Organist am Weimarer Hof entstandenem Präludium und Fuge D-Dur, BWV 532. Dieses nicht nur technisch glanzvolle Werk des jungen Tonsetzers zieht Hörer und Hörerin regelrecht in den Sog seiner Melodien herein. So beginnt gleich das Präludium mit einer mitreißenden, vom Pedal gespielten D-Dur-Tonleiter. Nicht nur hier nimmt das Pedal einen zentralen Platz im Werk ein.

Dem Interpreten gelang es meisterhaft, die schnell aufeinanderfolgenden Stimmungswechsel klar herauszuarbeiten. Die strahlende Fuge steht dem Präludium in nichts nach. Das Werk endet so, wie es begonnen hat - mit einem rasanten Pedalsolo.

Der blinde Komponist

Auf den Schultern eines musikalischen Riesen stehend und den Blick in unabsehbare Weiten genießend: Ungefähr so müssen sich Hörer dieses grandiosen Werks fühlen. Christoph Schoener, der dieses Erlebnis ermöglichte, erhielt für seine brillante Interpretation rauschenden Applaus vor der Pause.

Bereits zuvor erklang ein weiteres Werk Bachs - seine "Pièce d’orgue" benannte Fantasie G-Dur, BWV 572. Die häufig gespielte dreiteilige Komposition fasziniert durch Kontrastreichtum und die Klarheit ihrer Konstruktion.

Carl Philipp Emanuel, Bachs ältester Sohn, war am Sonntagabend - neben seinen Variationen über die seinerzeit populäre Melodie "La Folie d’Espagne" vertreten. Das heiter-unbeschwerte Werk im Stil des Rokoko gehört bereits einer anderen musikalischen Welt als der des Vaters an, der sechs Jahre zuvor - 1750 - verstorben war.

Der von Geburt an blinde, 1909 geborene französische Organist und Komponist Gaston Litaize ist Nicht-Fachleuten wenig bekannt. Schoener, der 1981/82 bei Litaize studierte, brachte nach der Pause dessen 1964 entstandenes "Prélude et danse fuguée" zu Gehör und entführte die Hörer in eine gänzlich andere Welt als die von Bach Vater und Sohn. Extreme Spannungen, abrupte Tempo- und Rhythmuswechsel, schrille Dissonanzen prägen dieses bizarre Werk, das dem Interpreten viel Können und Empathie abverlangt.

Einer von Litaizes Lehrern war der 1870 ebenfalls mit einer schweren Sehbehinderung (die zur späteren Erblindung führte) zur Welt gekommene Louis Vierne. Mit der Interpretation von zwei Sätzen seiner 6. Orgel-Symphonie h-Moll, op. 59 aus dem Jahr 1930 endete das außergewöhnliche Konzert Christoph Schoeners in der Stadtkirche.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare