Herantasten an den Ruhestand: Schulleiter Dieter Bretz an einem hochmodernen Schülerarbeitsplatz.	(Fotos: Nici Merz)
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Herantasten an den Ruhestand: Schulleiter Dieter Bretz an einem hochmodernen Schülerarbeitsplatz. (Fotos: Nici Merz)

Schulleiter Bretz hat einen Quantensprung mitgestaltet

Friedberg (bk). Ohne Fingerspitzengefühl geht in der Johann-Peter-Schäfer-Schule gar nichts. Auch 190 Jahre nach ihrer Erfindung ist die Brailleschrift im Unterricht für Blinde das wichtigste Werkzeug. Dabei hat Dieter Bretz, der heute nach 25 Jahren als Schulleiter in den Ruhestand geht, in seiner Amtszeit einen »technischen Quantensprung« erlebt, der das Lernen und Leben für die Betroffenen deutlich erleichtert hat.

Der Schreibtisch ist geräumt, kein Computer mehr zu sehen, keine Aktenstapel. Dieter Bretz, der heute seinen letzten Arbeitstag als Leiter der Johann-Peter-Schäfer-Schule (JPSS) für Blinde, Seh- und Mehrfachbehinderte hat, musste vor dem Ausscheiden in den Ruhestand viele vertrauliche Papiere durch den Reißwolf jagen, Akten für die Beseitigung nach datenschutzrechtlichen Bestimmungen bereitstellen. Er hinterlässt in der JPSS ein bestelltes Feld.

Bretz konnte 1990 als neuer Leiter der Johann-Peter-Schäfer-Schule unter fast optimalen Voraussetzungen starten. Die Bildungseinrichtung war gerade aus dem Zentrum in den Neubau am Stadtrand von Friedberg umgezogen, wo ein Gebäudeensemble samt großer Freifläche deutlich bessere Bedingungen bietet. Auch in den folgenden Jahrzehnten wurde kräftig investiert, um die Möglichkeiten der Computertechnik in den Unterricht zu integrieren. »Heute verfügt jeder Schüler über einen Computer-Arbeitsplatz. Diese Ausstattung finanziert sich nicht von alleine. In vielen Gesprächen mit Land und Landeswohlfahrtsverband als Schulträger haben wir erfolgreich für mehr Chancengleichheit geworben«, erzählt der 65-jährige Bretz.

Während Sehbehinderte von speziellen Vergrößerungsprogrammen beim Lesen an Bildschirmen oder auf iPhones Hilfe erhalten, tippen Blinde im Zehn-Finger-System auf Tastaturen und ertasten Texte mithilfe der Punktschrift auf der Braillezeile. Fast 20 000 Euro kann ein solch hochmoderner Arbeitsplatz kosten.

Die JPSS ist für die Betreuung aller blinden und sehbehinderten Schüler in Mittelhessen verantwortlich. 180 Kinder und Jugendliche – davon 70 im Internat – lernen in Friedberg, zudem kümmern sich die Lehrer und Erzieher um rund 300 Blinde und Sehbehinderte, die in Regelschulen im Rahmen der Inklusion unterrichtet werden. »Durchlässigkeit« ist ein wichtiges Stichwort. Ein Beispiel: Ein Kleinkind wird im Rahmen der Frühförderung zu Hause betreut, geht dann auf eine »normale Grundschule«, um später auf der JPSS die Real- und Berufsschule zu besuchen.

Bretz und sein Stellvertreter Achim Merget-Gilles haben früh auf eine bundesweite Vernetzung mit anderen Förderschulen gesetzt. »Es kam vor, dass mehrere Schulen gleichzeitig an der Übersetzung desselben Schulbuchs in Brailleschrift gearbeitet haben. Zeit und Ressourcen wurden verschwendet«, sagt Merget-Gilles. Das Medienzentrum der JPSS habe deshalb eine Internet-Datenbank entwickelt, die schnell Aufschluss darüber gibt, welche Lernmittel in Blindenschrift vorliegen oder in Arbeit sind. »Damit haben wir deutschlandweite Standards gesetzt«, sagt Bretz. Das gelte auch für die Produktion von Schulbüchern, E-Books und Lernprogrammen für den Unterricht. Das Medienzentrum versorge damit alle blinden und sehbehinderten Schüler in Hessen. Rund 5000 Titel seien verfügbar. »Viel Überzeugungsarbeit bei den Schulbuch-Verlagen, die auf ihr Urheberrecht pochten, war notwendig«, berichtet der Schulleiter. »Früher hat der Opa das Lateinbuch in Blindenschrift übersetzt – mit den entsprechenden Fehlern«, sagt der 59-jährige Merget-Gilles, der wahrscheinlich die Nachfolge von Bretz antreten soll.

Die Inklusion macht spezialisierte Förderschulen nach Überzeugung der beiden Pädagogen nicht überflüssig, beide Systeme ergänzten sich. In der JPSS werde großer Wert auf praktische Lebenshilfe gelegt. Viele Klassenräume sind mit einer kleinen Küche ausgestattet. »Blinde können oft wunderbar erklären, wie gekocht wird. Oft hapert es aber bei der Umsetzung«, erzählt Bretz.

»Die Eltern unserer Schüler sind alle zufrieden, weil wir für jedes Kind ein individuelles Förderprogramm entwickeln«, betont der 65-Jährige. Sein potenzieller Nachfolger Merget-Gilles will sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen. In Arbeit ist die Ausrüstung der Gebäude und des Schulgeländes mit einem Leitsystem für Blinde, um die Orientierung zu erleichtern. Selbst entwickelt hat der stellvertretende Leiter ein spezielles Beleuchtungskonzept für die Häuser. Auch personelle Wünsche hat der 59-Jährige: Psychologen und Sozialpädagogen seien für die Betreuung von großer Bedeutung.

Von überregionaler Bedeutung

Vor 166 Jahren hat Johann-Peter Schäfer die Blindenanstalt in Friedberg gegründet. Die später nach ihm benannte Schule zog 1990 vom heutigen Rathaus-Standort in der Mainzer-Tor-Anlage auf ein riesiges Areal am Stadtrand. Heute werden in der Johann-Peter-Schäfer-Straße etwa 180 Schüler – 70 sind im Internat untergebracht – in Grundschule mit Vorklasse, Haupt- und Realschule sowie in der Berufsschule mit Schwerpunkt Wirtschaft und Verwaltung betreut. Etwa 200 Lehrer und Erzieher kümmern sich außerdem um die Frühförderung von blinden, seh- und mehrfachbehinderten Kindern in deren Familien oder in Kindergärten. Weiter gehören zur JPSS das Medienzentrum sowie das Beratungs- und Förderzentrum (BFZ) – beide mit überregionaler Bedeutung. In den Zuständigkeitsbereich des BFZ gehört auch die Begleitung von Blinden und Sehbehinderten, die im Rahmen der Inklusion Regelschulen besuchen.

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