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Eklig? Keine Sorge, die Schabe ist aus Plastik. Dafür ist der Burger voller Käferlarven.

Eklig oder lecker?

So schmecken Insektenburger aus dem Supermarkt

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Seit kurzem stehen sie in Wetterauer Supermarktregalen: Insektenburger. Was manchen Gänsehaut beschert, wird von Forschern als nachhaltig gelobt. Die große Frage: Wie schmeckt’s?

Auf dem Teller liegt ein Insektenburger. Er sieht gut aus, auch der Geruch ist verlockend, und trotzdem sagt der Bauch: Bitte nicht. Während Maden, Heuschrecken und Co. in Asien schon lange auf der Speisekarte stehen, ekelt sich ein Großteil der restlichen Welt vor den Krabbeltierchen. Dabei ist ihr Konsum nur vernünftig. Laut UN werden in 35 Jahren über 9 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Mit der heutigen Art der Lebensmittelproduktion wird man sie nicht satt bekommen. Insekten könnten ein Teil der Lösung sein: Also her mit dem Burger.

Größere Nachfrage in Städten

Die Patties aus Buffalowürmern stehen seit Kurzem in Wetterauer Supermärkten in den Tiefkühlregalen. Zu haben sind "Deutschlands erste Insektenburger", wie die Hersteller sie anpreisen, bei Tegut in Wölfersheim, Bad Nauheim, Friedberg, Okarben, Karben, Altenstadt-Lindheim und Bad Vilbel sowie bei Rewe in Karben, Bad Vilbel und Bad Nauheim. In einigen Märkten gibt es noch weitere Lebensmittel mit Insekten wie Nudeln aus Käferlarven oder Brot aus Heuschrecken.

"Das Essen von Insekten vereint zwei Megatrends", sagt Anne Biendara von Tegut. "Zum einem erleben wir einen Trend zu proteinreicher Ernährung, zum anderem wird das Bewusstsein für Nachhaltigkeit und Klimaschutz größer - gerade in jüngeren Generationen." Zwar seien Lebensmittel mit Insekten noch Nischenprodukte, allerdings mit erheblichem Wachstumspotenzial. Mit den Verkaufszahlen seit der Einführung im Februar sei man sehr zufrieden.

Die Bratlinge bestehen aus Gemüse, Bio-Soja und Buffalowurm-Mehl. Der Buffalowurm ist eigentlich kein Wurm, sondern ein Käfer. Genauer gesagt nennt man so die mehlwurm-ähnliche Larve des Glänzendschwarzen Getreideschimmelkäfers. Gezüchtet werden sie in den Niederlanden und von der "Bugfoundation" aus Norddeutschland zu Burgern verarbeitet.

Überhaupt erst seit 2018 erlaubt

"Das muss ich unbedingt probieren", sagt ein 38-jähriger Tegut-Kunde mit einem Lächeln über die Insektenburger. In einem anderen Regal hat er auch schon in braune Tüten verpackte Heuschrecken und Mehlwürmer entdeckt, sofort fotografiert und seinen Freunden geschickt. "Das reizt mich schon", sagt der Hobbykoch. Seine Freundin verzieht das Gesicht "Ich finde das eklig", sagt sie.

"Natürlich traut sich nicht jeder Kunde, die Patties zu probieren", sagt Ann-Christin Geers von der Rewe-Group, die die Burger seit Mai verkauft. Die Reaktionen der Kunden seien überwiegend positiv. Auch bei Tegut seien die Burger gut angenommen worden, teilt Biendara mit - aber nicht überall. Die Nachfrage in Städten mit vielen jungen Menschen, wie Unistädten, sei hoch. In ländlich geprägten Regionen falle die Vermarktung dagegen schwerer.

Der Verkauf von Lebensmitteln aus Insekten ist in der Europäischen Union seit Anfang 2018 durch die Novel-Food-Verordnung geregelt. Novel Foods (englisch für neuartige Lebensmittel) sind Lebensmittel, die vor dem 15. Mai 1997 nicht in nennenswertem Umfang in der EU für den menschlichen Verzehr verwendet wurden. Sie müssen einer gesundheitlichen Bewertung unterzogen werden, bevor Sie auf den EU-Markt kommen. Das betrifft zum Beispiel auch Produkte mit Chiasamen oder Vitamine aus Pilzen.

Frage der Zeit?

"Wir gehen davon aus, dass sich Produkte mit Insekten in den kommenden Jahren etablieren und die Nische verlassen", sagt Biendara von Tegut. Auch Bio-, glutenfreie und vegane Produkte hätten anfangs Zeit benötigt. Professionalisierung und steigende Nachfrage könne für den Insektenburger, der derzeit mit rund sechs Euro für zwei Stück recht teuer ist, künftig konkret heißen: er wird günstiger. Biendara: "Es bedarf noch etwas Zeit, bis sich deutsche Verbraucher an den Verzehr von Insekten gewöhnen. Wir sind uns jedoch sicher, dass dies kommen wird."

Und was ergibt der Selbstversuch? Die Konsistenz überzeugt, das Pattie ist knusprig. Geschmacklich ist der Burger okay, er erinnert an Soja und Getreide. Also durchaus essbar - vor allem dank einer großzügigen Portion Ketchup, Senf und Mayo.

Nachhaltig und proteinreich? - Fünf Fragen an Prof. Andreas Vilcinskas

Viele Leute finden die Vorstellung, Insekten zu essen, eklig. Was spricht dafür?

Prof. Andreas Vilcinskas:Angesichts der wachsenden Weltbevölkerung und steigender Ansprüche stehen wir vor großen Herausforderungen in der Ernährung. Wenn wir nicht die Weltmeere leerfischen und die Regenwälder für Soja als Tierfutter abholzen wollen, müssen wir uns etwas überlegen, um unseren Proteinbedarf auch zukünftig zu decken. Insekten sind dafür gut geeignet, da man sie mit organischen Reststoffen füttern kann, sie produzieren keine Treibhausgase, brauchen wenig Platz und Wasser.

Also ist das Potenzial von Insekten als Lebensmittel eher gering?

Vilcinskas:Natürlich kann man sie auch selbst essen. In vielen Ländern stehen Insekten auf dem Speiseplan, etwa in Asien. Wenn in einem deutschen Supermarkt solche Produkte auftauchen, ist das aber eher exotisch.

Wie kann man Insekten oder Stoffe aus Insekten in Lebensmitteln einsetzen?

Vilcinskas:Man nutzt hauptsächlich Proteine aus Insekten. Die kann man Lebensmitteln beimischen, etwa Nudeln oder Burgern.

Welche Insekten sind besonders geeignet?

Vilcinskas:Es geht darum, welche man gut züchten kann. Mehlwürmer und Soldatenfliegen werden weltweit am häufigsten gehalten und sind für die Proteinproduktion am besten erforscht. Man kann auch Heuschrecken essen, aber sie werden global in kleinerem Umfang gezüchtet.

Werden wir künftig häufiger Insekten auf unseren Tellern haben?

Vilcinskas:In Großstädten gibt es bereits Restaurants, die nur Insekten anbieten. Aber es ist ein Unterschied, ob wir von einzelnen Restaurants oder von Millionen Tonnen Insekten für die Tierernährung sprechen. Da liegt das eigentliche Potenzial. Wenn wir die Insekten als Schweine- oder Hühnerfutter zulassen, wird es früher oder später mindestens über diesen Umweg auf unseren Tellern landen.

Prof. Vilcinskas leitet das LOEWE-Zentrum für Insektenbiotechnologie an der Universität Gießen und die Projektgruppe "Bio-Ressourcen" des Fraunhofer Instituts für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie.

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