Unterricht übers Internet: Der Kreisschulelternbeirat kritisiert, dass das Land die Forderung nach Klassenteilung mit Wechselunterricht ab der achten Klasse nicht unterstützt.
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Unterricht übers Internet: Der Kreisschulelternbeirat kritisiert, dass das Land die Forderung nach Klassenteilung mit Wechselunterricht ab der achten Klasse nicht unterstützt.

Kreisschulelternbeirat

Scharfe Kritik an Corona-Politik in Hessen: Plan B für Schulen „muss endlich her“

  • Rüdiger Geis
    vonRüdiger Geis
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Geschlossene Schulen: Für Eltern ein Horrorbild. Die Corona-Pandemie hat das Land fest im Griff, hohe Infektionszahlen sorgen für erhebliche Einschränkungen des Lebens - und des Lernens.

  • Der bundesweite Lockdown ab Mittwoch sieht erneut eine Schließung der Schulen vor.
  • Im Interview übt der Kreiselternbeirat des Wetteraukreises scharfe Kritik an der Corona-Politik des Landes.
  • Er fordert unter anderem Wechselunterricht ab der achten Klasse und bessere E-Learning-Angebote.

Neue Einschränkungen durch den Lockdown: Die Zahl der Corona-Infektionen bleibt hoch. Das wirkt sich auch auf den Schulbetrieb aus. Kürzlich sorgte eine Studie der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) zum Lüften von Klassenräumen für heftige Kritik bei Elternvertetern.

Doch dieser Streit ist nicht der einzige Aspekt in der Diskussion um einen sicheren Schulbetrieb. Wie der aussehen könnte erläutern Volkmar Heitmann, Carolina Schmelz und Thomas Seeling aus Sicht des Kreiselternbeirats.

Kreiselternbeirat Wetterau: Kritik an THM-Studie zum Lüften

Sie üben scharfe Kritik an einer THM-Studie zum Stoßlüften und plädieren vehement für den ergänzenden Einsatz von Luft filtergeräten, um die Aerosolkonzentration in Klassenräumen zu mindern. Wie begründen Sie Ihren Standpunkt?

Heitmann: Kontaktvermeidung und AHA+L Regeln sind Mindestanforderungen zum Schutz vor Corona. In Schulen ist dies durch fehlenden Abstand in den Klassen eingeschränkt. Unsere Kinder unterliegen der Schulpflicht, ausweichen zur Kontaktvermeidung ist nicht möglich. Die Fürsorgepflicht verlangt unseres Erachtens von Schulträger und HKM, zusätzliche Schutzmaßnahmen zu treffen. Dies wird aber mit Verweis auf solche Studien verweigert. Daher unsere Kritik an der THM-Studie, jedoch vor allem an der Verweigerungshaltung der Schulbehörden.

Wo sehen Sie einen Fehler der THM-Studie?

Heitmann: In der Ausgangsstudie untersuchte Prof. Curtius die Wirksamkeit von Luftreinigungsgeräten unter realen Unterrichtsbedingungen, Prof. Seipp misst hingegen die Wirkung des Stoßlüftens mit einem künstlichen Aerosol in einem leeren Klassenraum, in dem sechs große Fenster geöffnet wurden. Welcher normale Klassenraum kann da mithalten?

Was kritisieren Sie an der THM-Studie konkret?

Heitmann: Die Messungen von Prof. Seipp werfen viele Fragen auf. Warum nimmt zum Beispiel die gemessene Aerosolmenge nach dem Lüften stärker ab als während des Lüftens? Die Realität sieht anders aus: Wäre eine Person im Raum, die Covid-19-Viren ausatmet, stiege die Virenkonzentration in der Raumluft nach dem Lüften wieder an. Kritik von Prof. Seipp an Luftreinigungsgeräten zielt unter anderem auf mögliche Bedienungsfehler und ein falsches Sicherheitsgefühl. Dabei zeigen seine eigenen Messungen, wie unsicher auch die Wirkung des Lüftens ist: Richtiges Lüften ist nicht trivial und hängt von vielen Faktoren ab, beispielsweise den Strömungsverhältnissen im Raum. Das regelmäßige Fensteröffnen kann auch in falscher Sicherheit wiegen. Daher plädiert der Kreiselternbeirat für beides: Lüften und Luftreinigung.

Seeling: Worauf es uns hauptsächlich in der ganzen Angelegenheit ankam und ankommt, ist das Verhalten der beiden Ministerien für Soziales und Kultus, eine Studie zu bestellen, dies aber als »Einholen einer Zweitmeinung« zu bezeichnen. Die THM verzichtet in ihrer Pressemitteilung vollständig auf eine Offenlegung dieser Tatsache, und durch diese intransparente Trickserei kann nun die Einzelmeinung der THM bundesweit durch Politiker ausgeschlachtet werden, um bloß kein Geld für Filtergeräte ausgeben zu müssen.

Kreiselternbeirat Wetterau: Weitere Kritik an THM-Studie

Im Geräuschepegel der Geräte sehen Sie kein Problem für den Unterricht?

Schmelz: Natürlich sollten möglichst leise Geräte auf bestem technischen Stand gewählt werden. Hier wünschen wir uns Engagement von Behörden und Forschungseinrichtungen. Uns liegen Berichte von privat angeschafften Geräten für Klassenräume vor, dass der Geräuschpegel akzeptabel ist. Auch Maske, Abstand und Lüften sind unangenehm - aber eben notwendig!

Sie kritisieren die Fokussierung auf das Stoßlüften auch mit Blick auf die Raumtemperatur. Warum?

Heitmann: Die Messungen der THM wurden bei milden Herbsttemperaturen durchgeführt. Und sie berücksichtigen nicht, dass durch das Lüften aller Klassenräume das Gebäude insgesamt auskühlt. Uns erreichen jedenfalls immer mehr Klagen über Klassenräume, in denen die Schüler/innen so stark frieren, dass es die Konzentration beeinträchtigt. Daher halten wir die Beschränkung allein auf das Lüften für nicht sachgerecht, sondern plädieren für eine möglichst breite Kombination von Maßnahmen!

Schulbetrieb: Wechselunterricht ab der Mittelstufe gefordert

Welche Maßnahmen können außerdem zur Aufrechterhaltung des Schulbetriebs beitragen? Wechselunterricht?

Seeling: Am 1. Dezember haben wir eine Online-Petition gestartet, die genau dies formuliert. Wir fordern eine Kombination von Maßnahmen, um die einzelnen Schulgemeinden zu schützen und auch das allgemeine Pandemie-Geschehen zu bremsen. Dazu gehören technische Maßnahmen ebenso wie Wechselunterricht ab der Mittelstufe und konsequente, nachvollziehbare Quarantänemaßnahmen des Gesundheitsamtes. Unser Ziel ist, einen kompletten Lockdown mit Schulschließungen zu verhindern. Denn das wäre für unsere Kinder die schlechteste aller Maßnahmen. Aber auch für diesen schlimmsten Fall muss endlich der Plan B für den Distanzunterricht her.

Manche Schule hat noch keinen Internetanschluss. Es gibt zu wenig Tablets - etwa für Unterricht zu Hause. Wie können Sie sich da einbringen?

Seeling: Der Schulträger hat 2300 Tablets angeschafft und proportional der Schülerzahl an die Schulen verteilt. Die Dauerleihe ist aufwendig, zum Beispiel wegen der Versicherung gegen Schäden. Die Ausstattung mit Software ist fragwürdig und spärlich. Für effektives Arbeiten fehlt beispielsweise eine echte Tastatur. Es gibt Elternbeiräte und Fördervereine, die bereit wären, bei Ausstattung und Support zu unterstützen. Was fehlt sind definierte Rahmenbedingungen: Wie sieht das Unterrichtskonzept aus? Was wird dafür genau benötigt? Welche Software darf im Schulnetzwerk genutzt werden?

An vielen Schulen fällt der AG-Unterricht aus. Wie werden diese freien Lehrerstunden genutzt? Sehen Sie da Ansatzpunkte für Ihre Arbeit?

Schmelz: AGs wurden nicht nur von Lehrkräften, sondern auch von externen Kräften gegeben und fanden häufig klassen- oder stufenübergreifend statt. Der Verzicht hierauf dient auch der Kontaktreduzierung. Die Coronamaßnahmen binden gleichzeitig viele Ressourcen. AG- und Unterrichtsaufälle sind aber nicht nur pandemiebedingt. Seit langem gibt es gravierenden Lehrkräftemangel - in unserer Elternbeiratsarbeit ein Dauerthema. Der Personalmangel macht sich derzeit noch stärker bemerkbar, da es zusätzliche Ausfälle durch Erkrankungen und Quarantänemaßnahmen gibt.

Kreiselternbeirat Wetterau: Gesundheitsamt ist in der Pflicht

Manche Eltern wünschen sich mehr Informationen über die aktuelle Corona-Lage an ihrer Schule und dass der Kreiselternbeirat mehr Druck auf die Schulen ausübt. Was unternehmen Sie da tun?

Seeling: Informationen über Infektionen müssen die Persönlichkeitsrechte einzelner Schüler:innen und Lehrkräfte wahren. Nach festgestellter Corona-Infektion sollte jedoch eine sofortige Information aller Kontaktpersonen erfolgen, insbesondere der betroffenen Lerngruppe. Hier ist zuerst das Gesundheitsamt in der Pflicht. Dieses ist auch für Quarantäne und Tests verantwortlich, um eine Verbreitung des Virus zu verhindern.

Sind Sie mit dessen Arbeit zufrieden?

Seeling: Hier wird nach unserem Eindruck zu langsam und intransparent gehandelt, das führt zu Verunsicherung. Die Schulleitungen müssen dann als Lückenbüßer einspringen, auch wenn der Gesundheitsschutz nicht deren Kernaufgabe ist. Wir haben diese Probleme wiederholt gegenüber dem Wetteraukreis angesprochen, mit wenig Erfolg. Daher auch unsere Online-Petition: Wir brauchen den Druck und die Unterstützung aller Eltern, um als Kreiselternbeirat gehört zu werden.

Kreiselternbeirat Wetterau: Schulschließungen hätten vermieden werden können

Die Präsenzpflicht an den Schulen wird am Mittwoch bis 10. Januar aufgehoben. Eine richtige Entscheidung?

Seeling: Kultusminister Lorz hat wochenlang behauptet, dass in den Schulen keine Infektionen stattfinden, ohne dazu belastbare Belege vorzuweisen. Wir kritisieren seit Langem, dass Schulbetrieb mit zu vielen Schülern in zu kleinen Klassenräumen stattfindet. Des Weiteren wird mit bestellten Studien, die an der Wirklichkeit des Unterrichtsbetriebs vollkommen vorbeigehen, eine Wunschrealität beschworen.

Was wäre Ihrer Meinung nach notwendig gewesen?

Seeling: Die Klassenteilung mit Wechselunterricht ab der achten Klasse hätte schon längst stattfinden müssen, um den bisherigen Lockdown light zu unterstützen. Jetzt ist genau die Situation eingetreten, die wir mit unseren moderaten Forderungen vermeiden wollten: dass alle Schüler zu Hause bleiben sollen. Wir erhalten nun die Quittung dafür, dass die Länder Merkels Warnungen aus dem September und Oktober nicht ernst genommen haben. Stattdessen könnte nun der auch vom Abnehmen bekannte Jojo-Effekt auf uns zukommen, wenn zu früh erneut gelockert wird. Merkel hat letzte Woche schon sehr emotional beschrieben, was auf uns zukommt, wenn wir nicht massiv gegensteuern. Das Fernbleiben von der Schule halten wir für sinnvoll und lang überfällig, hätte aber vermieden werden können.

Was befürchten Sie für den Schulbetrieb nach den Ferien, wenn die Zahl der Infektionen auf einem hohen Niveau bleibt?

Seeling: Wir befürchten, dass es im Verlauf des Winters doch wieder zu kompletten Schulschließungen kommen wird, dann aber immer noch keine belastbaren Modelle für Distanzunterricht bereitstehen. Aus unserer Sicht fehlen auch Pläne, wie dieses Schuljahr mit seinem Lernstoff und den Abschlussprüfungen für die Schüler zu einem halbwegs guten Ende gebracht werden kann. Und unsere Kinder machen sich zunehmend Sorgen, dass sie aus der Schule eine Infektion mitbringen und Eltern, Großeltern und andere Angehörige anstecken.

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