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Der Drahtwurm nagt an den Wurzeln der Zuckerrüben und sorgt für braune Flecken im Acker (v. l.): Landwirt Steffen Bernhard, Zuckerrüben-Anbauberater Torsten Dietz und Marie Mayer vom Zuckerrübenverband zeigen die Schäden.

Drahtwurm sorgt für Ernteausfälle

Schädling auf dem Vormarsch: In der Zuckerrübe ist der Wurm drin

  • Jürgen Wagner
    VonJürgen Wagner
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Korn, Rüben, Raps und Kartoffeln geben den Feldern der Wetterau einen grün-gelben Farbanstrich. Doch zwischen den Pflanzen klaffen große braune Lücken. Der Drahtwurm macht sich breit.

Grün, wohin das Auge blickt: Die Zuckerrüben wachsen momentan, aus der Erde schaut das grüne Blattwerk heraus. Doch zwischen den Pflanzen klaffen große Lücken. So auf einem Feld zwischen Dorheim und Friedberg. Landwirt Steffen Bernhard blickt ratlos auf den Schaden, für den der Drahtwurm verantwortlich ist. »Der frisst alles auf.« Die Pflanzen gehen ein, zurück bleiben braune Flecken im Acker und die Erkenntnis, dass diesem Schädling mit herkömmlichen Mitteln nicht beizukommen ist.

Als Drahtwürmer werden die Larven des Schnellkäfers bezeichnet, erläutern Bernhard, Marie Mayer vom Zuckerrübenverband und Zuckerrüben-Anbauberater Torsten Dietz beim Pressegespräch. Drahtwürmer haben eine harte, steife Panzerung aus Chitin, daher der Name. Drei, manchmal auch mehr Jahre dauert es, bis aus der Larve ein Käfer wird. In dieser Zeit wird gefuttert, und das nicht zu knapp. Die Tierchen fressen unterirdisch die Wurzeln der Pflanzen an. Dietz: »Rüben sind betroffen, Kartoffeln, Mais, Zwiebeln.« Auch Möhren, Erbsen, Rote Beete, Spargel: Nichts ist vor dem kleinen Vielfraß sicher.

Ein Pflanzenschutzmittel, mit dem der Drahtwurm wirksam bekämpft werden kann, gibt es nicht. Vor Jahrzehnten gab es Mittel, erzählt Bernhard. Heute wisse man: »Da waren Sachen drunter, die gehören nicht unter die Leute.« Sprich: Sie sind giftig. Deshalb wurden sie hierzulande verboten. In anderen Ländern würden die Mittel noch verwendet. Der globalisierte Markt bringt die Waren dann in unsere Lebensmittelgeschäfte.

Giftige Produkte aus Übersee

Bernhard zeigt das Foto einber Pomelo-Packung: Die Pampelmusen wurden, das steht dick und fett drauf, mit Imazalil und Prochloraz bearbeitet. Bernhard hat seine Kartoffeln von einer Forschunganstalt in Speyer auf Gifte untersuchen lassen, auch auf diese beiden Mittel. Die Kartoffeln wurden mit Pflanzenschutzmittel behandelt, das sich abbaut. Kein einziger Giftstoff wurde nachgewiesen. »Produkte aus Übersee aber werden ohne Bedenken damit behandelt.«

Die Zuckerrüben werden mit einer Neonikotinoid-Beize behandelt, die nur lokal an der Wurzel wirkt. Wenn sie wirkt. Die Schäden nehmen überhand, was Bernhard an die Krautfäule der 1840er-Jahre erinnert. Damals wanderten viele Wetterauer Kleinlandwirte in die USA aus. Bernhard arbeitet seit vielen Jahren mit Wissenschaftlern zusammen. Für ihn gilt beim Einsatz chemischer Mittel: So viel wie nötig, so wenig wie möglich.

Anfang der 1980er-Jahre wurde der Boden zwischen Friedberg und Dorheim untersucht. »Dort sind helle, schluffige Böden mit mehr Tongehalt als andernorts.« Der Drahtwurm fühlt sich dort offenbar wohl. Überall braune Flecken. Sind die Wurzeln angefressen, verlieren die Pflanzen ihren Halt. Kommt, wie neulich, ein heftiger Sturm hinzu, werden die Blätter fortgeweht.

Aus Rübenacker wird Bienenweide

Oder Krähen schlagen zu. In Schwärmen von mehreren hundert Tieren stürzen sie sich auf die Pflanzen, graben die Wurzeln aus, fressen diese an und verspeisen als Nachtisch den Drahtwurm. Marie Mayer: »Man kann zusehen, wie die Rüben von Tag zu Tag weniger werden.«

Man kann Felder umgraben und neu bepflanzen. Das hat Bernhard auch getan, aber das Ergebnis war das gleiche: Der Drahtwurm setzt sich durch. Am Ende hat der Landwirt, der sich seit Jahren im Insektenschutz engagiert, auf dem umgegrabenen Acker eine Bienenweide angelegt. Wenigstens was für die Umwelt getan.

Je mehr Pflanzen geschädigt werden, desto höher ist der Ernte- und damit auch der Verdienstausfall der Landwirte. Bernhard schätzt seinen Verlust auf 25 Prozent. Bei Dietz sind es wohl 10 Prozent. Kreislandwirt Michael Schneller sagt, die Schäden in der Wetterau lägen zwischen 5 und 50 Prozent. »Der Regionalbauernverband hat eine Umfrage gestartet, wir sammeln gerade Daten.« Der Pflanzenschutzdienst habe festgestellt, dass sich die Population der Drahtwürmer gerade stark vermehre. »Die zugelassenen Mittel sind aber sehr harmlos.«

In der Wetterau werden auf rund 5000 Hektar Acker Zuckerrüben angebaut. Wie hoch der Verlust am Ende ist, kann keiner sagen. Aber was daraus folgt. Bernhard: »Dann wird mehr Zucker aus Brasilien importiert und der Regenwald wird immer kleiner.«

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