Post aus den USA: Ein ehemaliger US-Soldat hat dem Förderverein der Stadtkirche ein "Souvenir" aus der Stadtkirche geschickt. Der Schmuckstein war einst Teil des gotischen Sakramentshauses, das erst kürzlich saniert wurde.
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Post aus den USA: Ein ehemaliger US-Soldat hat dem Förderverein der Stadtkirche ein »Souvenir« aus der Stadtkirche geschickt. Der Schmuckstein war einst Teil des gotischen Sakramentshauses, das erst kürzlich saniert wurde.

Stadtkirche

Eingesteckter Schmuckstein kehrt nach Friedberg zurück – Ex-US-Soldat plagte das Gewissen

  • Jürgen Wagner
    VonJürgen Wagner
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Ein Schmuckstein des gotischen Sakramentshauses der Friedberger Stadtkirche ist wieder aufgetaucht - ein Ex-US-Soldat hatte ihn eingesteckt. Nun plagte ihn offenbar das schlechte Gewissen.

Friedberg – Das Sakramentshaus in der Friedberger Stadtkirche ist ein herausragendes Beispiel für gotische Sakralkunst. Als der Förderverein mit dem Vorsitzenden Prof. Peter Schubert an der Spitze das Werk von Restaurator Stefan Klöckner jüngst in Augenschein nahm, staunten die Mitglieder über die gelungene Arbeit. Nun bekam Schubert Post aus USA.

Bereits vor einigen Monaten hatte sich bei Schubert ein ehemaliger US-Soldat gemeldet. Der Mann aus Florida war vor Jahrzehnten in Friedberg stationiert gewesen. Sein Weg durch die Altstadt führte ihn damals auch in die Stadtkirche, wo er nach eigenen Angaben »ein kleines Objekt« auf dem Boden liegen sah. Ein Schmuckstein, offenbar ein abgebrochenes Teil des Sakramentshauses. Er sei unsicher gewesen, habe den Stein aber eingesteckt, schrieb er.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es in Deutschland (wie in vielen anderen Ländern auch) zu Plünderungen. Soldaten machten Kriegsbeute. Die NSDAP hatte die Kunstplünderungen gar professionalisiert. Reichspropagandaleiter Joseph Goebbels ließ 1940 eine geheime, 319 Seiten umfassende Liste der »unbedingt zu plündernden Kunstwerke in ausländischem Besitz« erstellen. Nach der Niederlage Nazideutschlands begannen die Plünderungen der Siegermächte, wobei besonders in Ostdeutschland viele Kunstgegenstände geraubt wurden. In Westdeutschland waren die Soldaten der Aliierten an Souvenirs interessiert. Das dürfte auch für den US-Soldaten gelten, der einen Stein aus einem gotischen Sakramentshaus mit über den Ozean nahm.

Friedberg: Fundstück ist kein Original von 1500

»Nach 40 Jahren hat sich bei dem Mann offenbar das Gewissen gemeldet«, sagt Schubert. Dem ersten Augenschein nach handele es sich um ein Bauteil, das aus der Restaurierung von 1900 stamme. »Also kein Original aus dem Mittelalter.« Der Stein sei wohl auch nicht herausgebrochen worden.

Die Restaurierung des Sakramentshauses ist abgeschlossen, er werde den Stein dem Wetterau-Museum übergeben, sagte Schubert. Im Laufe der Jahre seien immer mal wieder Bruchstücke des Sakramentshauses gefunden worden. Die Restaurierung der 1960er-Jahre wurde jüngst von Fachleuten als »Verschlimmbesserung« bezeichnet. Viele Fehler wurden gemacht, mancher Eingriff war weniger Restauration als Pfusch am Bau. Das zeigte sich, als die Handwerker das Baustellengerüst aufgestellt hatten und eine Person bei einer Besichtigung plötzlich ein Stück Stein in der Hand hielt. Es saß so locker, dass es auch hätte herunterfallen können.

Ohne Zweifel hat der kleine Stein für Kunsthistoriker einen ideellen Wert. Ob er auch darüberhinaus wertvoll ist? »Das ist schwer zu sagen«, meint Museumsleiter Johannes Kögler. »Ein Restaurator müsste sich das Teil anschauen.« Kögler stimmt Schubert aber zu: Es handele sich wohl nicht um Originalsubstanz aus dem 15. Jahrhundert, der Stein stamme von einer der Restaurierungen.

Friedberg: Marienstatue bleibt verschwunden

Dass solche »Fundstücke« zurückgegeben werden, sei selten. Was nicht verwunderlich ist. Kögler: »Da bewegt man sich in einer Grauzone: Es kann sich um Diebstahl handeln.« Und das gibt niemand gerne zu. Immerhin gebe es ein Begleitschreiben zu dem Fundteil, die Zuordnung zum Sakramentshaus sei daher unstrittig.

Über ein anderes Fundstück würden sich Kögler, Schubert und die Mitglieder des Fördervereins Stadtkirche viel mehr freuen: Zwei Figuren am Sakramentshaus stellten einst eine Verkündigungsszene dar: ein Engel und Maria, die Mutter Gottes. Die Marienstatue fehlt, wurde in den 1950er-Jahren gestohlen. »Das war Diebstahl«, sagt Kögler. Der Dieb habe auf dem Kunstmarkt sicherlich einen hohen Preis erzielt. »Wir wären total dankbar, wenn diese Figur wieder auftauchen würde. Und wir würden dafür auch Geld bezahlen.« Strafrechtlich sei die Sache ohnehin verjährt. Kögler hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass der Postbote irgendwann ein weiteres Paket bringt, in dem die Marienstatue liegt.

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