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Die Bäume hängen bereits voller Kirschen. Werner Margraf, Christine Dönges und Werner Kipp (v. l.) sind mit dem Ertrag zufrieden.

Kirschenernte in Ockstadt beginnt

Saftige, rote Früchte: Jetzt ist wieder gut Kirschen essen

  • Jürgen Wagner
    VonJürgen Wagner
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Süßmäuler aufgepasst: Es geht los! An diesem Wochenende sollen die ersten Obstbuden an den Straßenrändern mit Ockstädter Kirschen bestückt werden.

Oh, da haben wir einen Fall von Vogelfraß«, sagt Werner Margraf, greift in einen jungen Kirschenbaum und pfückt einige der angefressenen Früchte. »Wenn man die Bäume nicht einnetzt, muss man auf sowas gefasst sein«, sagt Christine Dönges. Und Werner Kipp ergänzt. »Die schmeckt momentan noch nach nichts. Nur den Vögeln schmecken sie.«

Aber jetzt schmecken die Ockstädter Kirschen auch wieder den Menschen. Burlat und Souvenir de Charmes heißen die ersten Kirschensorten, die in den Straßenverkauf gehen. Ohne Vogelfraß natürlich, süß, vollmundig und auch dicker als die Exemplare, die auf einer Plantage an der Ober-Wöllstädter Straße wachsen. Die Bäumchen, erläutern die drei Mitglieder des Ockstädter Obst- und Gartenbauvereins, werden von oben abgepflückt und nicht in einem Rutsch. Es dauert mitunter drei Tage, bis alle Früchte erntereif sind.

Rund 500 Baumstücke gibt es im Kirschenberg, etwa 50 würden von den Eigentümern gepflegt, sagt Markgraf. Das macht viel Arbeit. »Aber es steigen gerade mehrere junge Leute ein, die unsere Tradition fortführen wollen.« Das Stichwort »Tradition« ist wichtig, denn die Besitzer kleinerer Baumstücke würden mit dem Kirschenanbau keinen Gewinn machen, hat Margraf vor Jahren ausrechnen lassen. »76 Cent pro Kilo - das müssen wir aufwenden, wenn man alle Kosten beachtet.« Für viele Ockstädter sei der Kirschenanbau purer Idealismus.

Wer mehr Bäume hat, setzt auf Erntehelfer. »Meine kommen seit Jahren aus Polen«, erzählt Christine Dönges. Sie hat gerade eine Fortbildung beim Spargel- und Erdbeerverband absolviert, hat die Formalitäten bereits erledigt, weiß, welche Hygieneregeln eingehalten werden müssen. »Im letzten Jahr kontrollierten Zoll und Gesundheitsamt.« Kein Problem, die Ockstädter Obstbauern sind vorbereitet.

Gesprüht wird nur bei Windstille

Reifen die Kirchen, sind die Kirschfruchtfliegen nicht weit. Dieser Schädling wird aktuell mit Pflanzenschutzmittel bekämpft, die Traktoren mit den Sprühgeräten sieht man jetzt allenthalben durch die Plantagen fahren, meistens abends und auch nur dann, wenn es unter 25 Grad warm ist. Gesprüht werde nur bei Windstille, sagt Margraf. »Das Mittel ist utopisch teuer. Das wird nicht vergeudet.«

Für die Verbraucher sei das Mittel unschädlich, man schmecke es auch nicht. Anders verhält sich dies bei Kirschen, die von der Essigfruchtfliege befallen sind. »Die spucken Sie sofort aus. Sie schmecken nicht und riechen nach Essig«, sagt Kipp.

Der verräterische Glanz der Kirschen

Dönges zeigt eine Falle für die Essigfruchtfliege: Eine trübe, rötliche Flüssigkeit in einem Becher. »Die Kunden wollen Qualitätsobst ohne Befall. Das liefern wir«, sagt Kipp. Es würden nur Bio-Mittel verwendet. »Schließlich essen wir die Kirschen selbst.« In anderen Ländern wie etwa der Türkei würden Spritzmittel verwendet, die hierzulande längst verboten seien. »Die Kirschen werden mit Lagerhaltungsmitteln eingesprüht. In den Supermarktregalen glänzen sie dann besonders.« Die Ockstädter Kirschen würden diesen Glanz nach drei Tagen verlieren. Aber kauft man Kirschen wegen des Glanzes oder wegen des Geschmacks?

Der Obstanbau macht viel Arbeit, ist mit hohen Risiken verbunden. Es habe Jahre mit Totalausfall gegeben, berichtet Markgraf. Auch diesmal sind Bäume leer, das kommt vor. Am Hang gab es Frostschäden, in den tieferen Lagern des Kirschenbergs aber nicht.

Wichtig ist die Größe der Kirsche. »Die Kunden wollen einen Durchmesser von 28 bis 30 Millimeter«, sagt Dönges. »Fast wie kleine Tomaten.« Der Handel verlangt gar einen 36er-Durchmesser. Aber Vorsicht! Kirschen mit dieser Größe könnten in den letzten Tagen der Reife - falls es dann zu stark geregnet hat - zuviel Wasser aufgenommen haben. Und Wasser schmeckt nunmal nach Wasser. Oder sie platzen auf. Dann doch lieber etwas kleinere Kirschen, die aber umso besser schmecken.

Privatdetektive machen Jagd auf Kirschendiebe

Ein leidiges Thema im und rund um den Ockstädter Kirschenberg sind die Kirschendiebe. Seit Jahren haben die Obstanbauer mit diesen Problem zu kämpfen. Seit gestern sind wieder Privatdetektive in zwei Streifen im Kirschenberg unterwegs; besonders abends und an den Wochenenden halten sie Ausschau nach Obstdieben. Auch die Bauern selbst gehen regelmäßig auf Streife und stellen dabei immer wieder Diebe. Dabei hören sie peinliche Ausreden wie »Wir wollten doch nur mal schauen«, »Wir haben hier schon immer gepflückt« oder »Hier steht aber gar kein Verbotsschild«. Dass Plantagenkirschen Privateigentum sind, hat sich offenbar noch nicht überall herumgesprochen. Christine Dönges hat neulich eine Frau auf frischer Tat ertappt: Sie flüchtete durch einen Raps-Acker zu ihrem Auto, dabei schüttete sie eine Tüte voller Kirschen aus. Gerade bei Obstdieben zeigt sich, dass viele Menschen den Bezug zur Landwirtschaft verloren haben. Oder es gibt Sprachprobleme. Einmal ertappte Dönges zwei Asiaten, die in Friedberg-West auf einem Acker Erbsenkraut pflückten. »Das sind Futtererbsen, die sind für Menschen ungenießbar. Aber das haben die nicht verstanden, die haben nur von ›gut Gemüs‹ geredet.« In Facebook setzt sich die Ahnungslosigkeit fort. Dort schrieb jemand, die Erbsen schmeckten richtig gut, die Leute sollten sie ruhig pflücken. Nur zur Erinnerung: Auch ein Erbsenacker ist Privateigentum. Und die Erbsen wurden gegen Läuse gespritzt. Der OGV-Vorsitzende Werner Kipp sieht die Sache pragmatisch: »Wer Durchfall kriegt, ist selbst schuld.«

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