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Dr. Matthias Eigelsheimer muss für »Kultur auf der Spur« seinen Vortrag virtuell halten.

Säulen des christlichen Abendlandes

  • vonGerhard Kollmer
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Friedberg (gk). Endlich wieder »Kultur auf der Spur«: Zumindest virtuell.

»Kirchenväter« - schon mal gehört? Die mit diesem verstaubten Sammelbegriff bezeichneten frühchristlichen Theologen des 2. bis 4. Jahrhunderts zählen schon lange nicht mehr zum allgemeinen Bildungsgut. Ist das ein Verlust?

Allerdings! Wer es genauer wissen wollte, konnte kürzlich - leider nicht - die steile Treppe ins Dachgeschoss der Bindernagel’schen Buchhandlung an der Kaiserstraße erklimmen, um Dr. Matthias Eigelsheimer bei seinem 75-minütigen faszinierenden Vortrag im Rahmen von »Kultur auf der Spur« über die geistesgeschichtliche Rolle dieser Gestalten aus ferner Zeit zu lauschen.

Immerhin: Moritz Herrmann sorgte dafür, dass man den Ausführungen des Referenten am heimischen Computer beziehungsweise online folgen konnte.

Die frühen Christen lebten im eschatologischen Bewusstsein, dass es mit der irdischen Welt bald zu Ende gehen werde. Dieser Fall trat jedoch nicht ein. So galt es, sich auf Dauer im Diesseits einzurichten und - neben der Schaffung fester Gemeindestrukturen - auch die theologischen Fundamente der jungen Religion zu legen.

Dazu gehörte vorrangig die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem antiken Erbe. Sollte die Philosophie eines Platon, Aristoteles oder des neuplatonischen Zeitgenossen Plotin (mit seiner Lehre von einer allumfassenden »Weltseele«) pauschal als »heidnisch« verworfen werden? Gott sei Dank - so möchte man sagen - war dies bei den meisten »Vätern« nicht der Fall.

Stattdessen begann der sich über die gesamte Spätantike erstreckende Prozess einer produktiven Anverwandlung vor allem an die platonische Ideenlehre. Die heidnischen Mythen mit ihrer »naturalistischen« Götterwelt wurden dagegen im Namen des einen Gottes verworfen. Wie hätte auch eine Koexistenz zwischen Mono- und Polytheismus aussehen sollen? In dieser zentrale Frage konnten die »Väter« auf antikes stoisches Gedankengut zurückgreifen.

Dr. Eigelsheimer wies weiter darauf hin, dass der antike Begriff des »logos spermatikos« (des fruchtbringenden »Weltenworts«) bereits Eingang in das um 110 entstandene Johannesevangelium fand (»Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott«).

Während die von der Anfangslosigkeit des Kosmos ausgehende Philosophie beziehungsweise Kosmologie eines Aristoteles keinen »Schöpfungs«-Begriff kennt, wird bei den »Vätern« die Idee einer »creatio ex nihilo« (einer göttlichen Schöpfung aus dem Nichts) zentrale Bedeutung gewinnen.

Zwischen Vernunft und Glaube

Betrachtet man dagegen die darauf fußende Idee einer »creatio continua« (einer fortdauernden Schöpfung, die bis zum Weltenende anhält), so ergeben sich auch hier Überschneidungen mit antikem Gedankengut.

Der Referent kam außerdem auf das Verhältnis von Vernunft und Glaube zu sprechen. Antiker Philosophie ist der »Glaubens«-Begriff fremd. Christliches Denken reflektiert dagegen von Beginn an das spannungsvolle Verhältnis von Glaube und Vernunft. Muss ich glauben, um (die Welt) begreifen zu können (credo, ut intelligam)? Oder erwächst Glaube nicht vielmehr aus rationalem Verstehen? Kann es vielleicht sogar eine Art »Vernunftglauben« geben?

Dass diese theologische Zentralfrage überhaupt gestellt werden konnte, verdankt die christliche Theologie antikem rationalen Denken.

Und wie heißen die ehrwürdigen Herren »Kirchenväter« (auf die hier nicht näher eingegangen werden kann)? Eine kleine Auswahl muss genügen: Der im 2. Jahrhundert lebende Justinus Martyr starb für seinen Glauben. Minucius Felix (ebenfalls 2. Jahrhundert) zählt zur Gruppe der »Apologeten«, das heißt, derjenigen, die den neuen Glauben gegen heidnische Anschuldigungen verteidigten.

Clemens von Alexandrien (geb. um 150) und Origenes (um 185) erfuhren ihre Prägung in der Kulturmetropole Alexandria. Bedeutendster Kopf der »Väter« ist der im 4. Jahrhundert lebende Aurelius Augustinus. Sie alle - und noch viele andere - dürfen als Säulen des christlichen Abendlands gelten.

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