jw_Plakat3_190321_4c_1
+
Nach der Wahl müssen die Parteien in Friedberg wieder zusammenrücken. Rechnerisch ist eine CDU-Grünen-Koalition möglich, aber wohl kaum wahrscheinlich. Großer Verlierer der Wahl ist die SPD, die vier Parlamentssitze einbüßt.

Kommunalwahlergebnis aus der Kreisstadt

Rot-Grüne Verschiebung im Friedberger Stadtparlament

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
    schließen

Die Grünen sind die Gewinner der Kommunalwahl in Friedberg. Die CDU behauptet sich ebenso wie die kleinen Parteien, großer Verlierer ist die SPD. Eine Koalition ist eher nicht zu erwarten.

Die Befürworter eines Windparks auf dem Winterstein haben im Wahlkampf viel Wind gemacht. Klimaschutz ist ein zentrales Thema der Zeit, das zeigte sich auch an den Wahlurnen. Mit 29,55 Prozent sind die Grünen in der Friedberger Kernstadt die stärkste Kraft. Selbst nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima kamen die Grünen »nur« auf 19,4 Prozent, danach schrumpften sie etwas. Jetzt sind sie beinahe gleichauf mit der CDU, das weckt Ansprüche. Einerseits personeller Art, etwa bei der Wahl eines oder einer Hauptamtlichen im Rathaus, andererseits aber inhaltlicher Art. Die Grünen - die in Ossenheim mit 25,82 Prozent ihr bestes Ergebnis holen - wollen Friedberg klimafreundlicher machen.

Die CDU kann in Friedberg auf eine treue Wählerschaft setzen. Gegenüber den beiden letzten Kommunalwahlen gab es nur leichte Verluste. Die Christdemokraten profitierten von der Popularität des Bürgermeisters, der die meisten Einzelstimmen holte. Doch wie geht es im Stadtparlament weiter? CDU und Grüne kommen zusammen auf eine Mehrheit von 25 Sitzen, liegen bei vielen Themen inhaltlich aber weit auseinander.

Die SPD wird sich fragen müssen, was sie falsch gemacht hat. War sie bei der Frage des Windparks zu zögerlich? Vier Sitze verlieren die Sozialdemokraten im Stadtparlament. Derzeit stellen sie die Erste Stadträtin; Marion Götz ist bis Mitte 2024 gewählt. Spätestens dann dürften die Grünen Anspruch auf diesen Posten erheben.

Bei der politischen Arbeit wird es wohl bei wechselnden Mehrheiten bleiben. In den nächsten Tagen wird es dazu Gespräche geben. Die kleinen Parteien könnten das Zünglein an der Waage spielen. Die UWG lag 2011 noch bei mageren 5,8 Prozent, büßte diesmal zwar leicht Stimmen ein, konnte aber ihre fünf Sitze verteidigen. Starke 11,14 stehen in Dorheim zu Buche; im Heimatort von Bürgermeister Antkowiak (CDU) büßte die CDU fast sechs Prozentpunkte ein. Auch in Ossenheim verlor die CDU deutlich an Punkten.

Die FDP bleibt mit fast 10 Prozent und weiterhin vier Sitzen im Stadtparlament ein starker Faktor in Friedberg. 13,1 Prozent in Bruchenbrücken, 14,07 in Ockstadt, 13,52 Prozent in Ossenheim holten die Liberalen. Die Linke legte leicht zu, landete knapp unter 6 Prozent. Mit 9,91 Prozent ist die Linke in der Kernstadt besonders stark, konnte sich auch in Ossenheim und Bauernheim steigern.

Parteienstimmen

»Die CDU ist sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Wir haben nur leichte Verluste und konnten unsere 14 Sitze halten«, sagt Bürgermeister Dirk Antkowiak, der als Spitzenkandidat seiner Partei antrat. Das Mandat wird er nicht annehmen, dass er die meisten Einzelstimmen erhielt, wertet er als »Bestätigung meiner und unserer Arbeit«. Ob es Koalitionsgespräche gebe, darüber entscheide die Partei, sagte Antkowiak. Zum Anspruch der Grünen, Friedberg fit für die Zukunft zu machen, sagte der Bürgermeister, dies wollten alle Akteure. »Manche wollen das mit Augenmaß, manche eher nicht. Ich sage immer: Alles muss auch bezahlbar sein.« Die wichtigsten Projekte blieben Kaserne und Kaiserstraße, letztere werde sofort nach Abschluss des ISEK-Prozesses in Angriff genommen.

Die Grünen sehen das »historisch beste Ergebnis als Auftrag unserer Wähler, gegen den Stillstand in Friedberg zu kämpfen«, sagt der ehrenamtliche Stadtrat und Grünen-Sprecher Markus Fenske. »Erfreulich ist, dass verstärkt Frauen gewählt wurden.« Würden wichtige Projekte im Stadtparlament blockiert, würden die Grünen versuchen, »diese Projekte mit engagierten Gruppen umzusetzen«. Als Beispiele nennt Fenske die Gründung einer Bürgergenossenschaft für Windkraft und eine Kleinmarkthalle für regionale Produkte in der Innenstadt. »Friedberg braucht ein Klima, in dem bürgerschaftliches Engagement durch die Stadt gefördert und nicht blockiert wird.«

»Wir sind enttäuscht über das Ergebnis, das uns aber erst recht anspornt«, sagt SPD-Sprecher Dr. Klaus-Dieter Rack. »Unser Einsatz für die Stadtentwicklung, etwa bei der Schaffung von bezahlbarem Wohnraum, wurde vom Wähler nicht so honoriert wie erhofft. Die Grünen haben sich mit Themen wie der Verkehrspolitik oder dem Klimaschutz offenbar besser präsentiert.« Was Rack betont: »Es gibt keine Verschiebung der politischen Lager, nur eine Verschiebung von Rot nach Grün.« Die Mehrheitsverhältnisse im Stadtparlament blieben bestehen, die Grünen würden daher bei der Verwirklichung ihrer »Hyper-Initiativen« an Grenzen stoßen. Eine Koalition werde es nicht geben, sagt Rack voraus. In der Vergangenheit sei es ihm immer wieder gelungen, Brücken zwischen den verschiedenen Lagern zu bauen. »Wir sind zu Kooperationen bereit.«

Achim Güssgen-Ackva ließ es sich nicht nehmen, das »großartige Ergebnis der FDP« zu kommentiert - vom Krankenbett aus, direkt nach der OP; der liberale Fraktionsvorsitzende hatte sich am Wahlabend den Arm gebrochen. »Es war ein anstrengender Wahlkampf, ich bin ausgesprochen erfreut über das Ergebnis. Wir nehmen das mit Dankbarkeit und Demut an.« Der Erfolg ruhe auf vielen Schultern. »Da haben viele hart dran mitgearbeitet.« Erstmals habe die FDP ein Ergebnis in dieser Höhe halten können. An Spekulationen über mögliche Koalitionen beteilige er sich nicht, sagte Güssgen-Ackva, warnte die Wahlsieger aber vor zu großen Forderungen. Mit Blick in die Zukunft lobte er die »exzellente Fachkompetenz« der Ersten Stadträtin Marion Götz (SPD), deren Wiederwahl die FDP »selbstverständlich« unterstützen werde. »Und mit dem Bürgermeister sind wir auch nicht unzufrieden.«

»Wir sind offenbar mit einem dunkelblauen Auge davongekommen«, sagt UWG-Vorsitzender Friedrich Wilhelm Durchdewald. »Nach jetzigem Stand haben wir 2,29 Prozentpunkte verloren, aber die fünf Sitze gerade noch halten können. Dafür sind wir dankbar. Friedberg wird sich auch weiterhin darauf verlassen können, dass wir uns der Sachpolitik widmen und konsequent für Friedberger Interessen eintreten. Parteitaktische Spielchen sind uns fremd.« In Sachen Koalitionspräferenzen teilt Durchdewald mit, die kommenden Gespräche mit den anderen Parteien lasse man »ganz entspannt« auf sich zukommen: »Wir haben uns in der letzten Wahlperiode mit wechselnden Mehrheiten recht wohl gefühlt. Und als Seelenverkäufer werden wir keinesfalls auftreten.«

Die Linke hat ihre drei Sitze in der Stadtverordnetenversammlung verteidigt. »Wir haben an Stimmen hinzugewonnen. Das ist ein gutes Ergebnis, sagt Parteisprecher Sven Weiberg. »Wir danken den Wählenden für ihr Vertrauen und werden weiter für einen sozial-ökologischen Wandel in Friedberg kämpfen.« Glückwünsche richtet Weiberg an die Grünen als Gewinner der Wahl. »In den letzten fünf bis zehn Jahren gab es fast keine greifbare Entwicklung in Friedberg: Bezahlbarer Wohnraum, Kaserne, Verkehrswende, Kaisertraße, Kaufhaus Joh, Armutsbekämpfung, Wetterau-Museum. An den Mehrheitsverhältnissen hat sich nichts geändert. Wir fürchten weitere Jahre des Stillstands.«

Die neuen Stadtverordneten

Die 45 gewählten Stadtverordneten stehen fest, doch es wird noch Verschiebungen geben. Bürgermeister Antkowiak wird sein Mandat nicht annehmen. Einige Kandidaten rücken in den Magistrat auf. Zur Tabelle: »Briefwahl I« ist die Kernstadt, »Briefwahl II« fasst die Ortsteile zusammen.

CDU (14 Sitze) : Dirk Antkowiak, Hendrik Hollender, Bernd Wagner, Martina Pfannmüller, Merle Ljung, Olaf Beisel, Norbert Simmer (von 13 auf 7), Patrick Stoll, Gunther Best, Christoph Haub, Axel Pabst, Dieter Olthoff, Philipp Götz, Sybille Wodarz-Frank. Nachrücker: Claudia Eisenhardt, Gerhard Bohl, Stephan Ewald.

Grüne (11 Sitze) : Alexia Anders, Markus Fenske, Julia Cellarius, Runa Neuwirth, Florian Uebelacker, Bernd Stiller, Isabella Schmidt, Pascal Miller, Vivian Gäde, Dr. Nicholas Hollmann und Gudrun Friedrich. Erste Nachrücker wären Mehmet Turan, Dr. Doris Jensch und Michaela Schremmer.

SPD (8 Sitze) : Dr. Klaus-Dieter Rack, Evelyn Weiß, Ulrich Hausner, Heike Strack, Erich Wagner, Mark Bansemer, Berivan Colak-Loens und Peter Haas. Strack (von Platz 10 auf 4) und der frühere Fraktionsvorsitzende Bansemer (von 25 auf 6) rückten nach vorne. Die nächsten Nachrücker sind Simona Hahn-Wiltschek, Benjamin Ster und Ruth Mühlenbeck.

UWG (5 Sitze) : Friedrich Wilhelm Durchdewald, Matthias Ertl, Bernd Messerschmidt, Alfons Janke und Timo Haizmann (UWG). Nächstfolgende Nachrücker sind Matthias Kölsch und Ulrike Ertl.

FDP (4 Sitze) : Achim Güssgen-Ackva, Dr. Regina Bechstein-Walther, Dr. Reinhold Merbs und Dr. Jochen Meier (FDP). Nachrücker sind Sabine Fuchs und Roger Götzl.

Linke (3 Sitze) : Bernd Baier, Lena Binsack und Sven Weiberg. Nachrücker: Enja El-Fechtali und Fatma Demirkol.

Die 45 gewählten Stadtverordneten stehen fest, doch es wird noch Verschiebungen geben. Bürgermeister Antkowiak wird sein Mandat nicht annehmen. Einige Kandidaten rücken in den Magistrat auf. Zur Tabelle: »Briefwahl I« ist die Kernstadt, »Briefwahl II« fasst die Ortsteile zusammen.

CDU (14 Sitze) : Dirk Antkowiak, Hendrik Hollender, Bernd Wagner, Martina Pfannmüller, Merle Ljung, Olaf Beisel, Norbert Simmer (von 13 auf 7), Patrick Stoll, Gunther Best, Christoph Haub, Axel Pabst, Dieter Olthoff, Philipp Götz, Sybille Wodarz-Frank. Nachrücker: Claudia Eisenhardt, Gerhard Bohl, Stephan Ewald.

Grüne (11 Sitze) : Alexia Anders, Markus Fenske, Julia Cellarius, Runa Neuwirth, Florian Uebelacker, Bernd Stiller, Isabella Schmidt, Pascal Miller, Vivian Gäde, Dr. Nicholas Hollmann und Gudrun Friedrich. Erste Nachrücker wären Mehmet Turan, Dr. Doris Jensch und Michaela Schremmer.

SPD (8 Sitze) : Dr. Klaus-Dieter Rack, Evelyn Weiß, Ulrich Hausner, Heike Strack, Erich Wagner, Mark Bansemer, Berivan Colak-Loens und Peter Haas. Strack (von Platz 10 auf 4) und der frühere Fraktionsvorsitzende Bansemer (von 25 auf 6) rückten nach vorne. Die nächsten Nachrücker sind Simona Hahn-Wiltschek, Benjamin Ster und Ruth Mühlenbeck.

UWG (5 Sitze) : Friedrich Wilhelm Durchdewald, Matthias Ertl, Bernd Messerschmidt, Alfons Janke und Timo Haizmann (UWG). Nächstfolgende Nachrücker sind Matthias Kölsch und Ulrike Ertl.

FDP (4 Sitze) : Achim Güssgen-Ackva, Dr. Regina Bechstein-Walther, Dr. Reinhold Merbs und Dr. Jochen Meier (FDP). Nachrücker sind Sabine Fuchs und Roger Götzl.

Linke (3 Sitze) : Bernd Baier, Lena Binsack und Sven Weiberg. Nachrücker: Enja El-Fechtali und Fatma Demirkol. jw

Friedberg Wahl- berechtigte Beteiligung % CDU %Grüne %SPD %FDP %Freie Wähler/UWG %Die Linke %Friedberg 2021 14.210 14,69 24,09 29,55 15,95 10,21 10,29 9,91 2016 13.524 32,90 27,60 18,40 24,00 9,00 13,60 7,40 Bruchenbrücken 2021 1.440 22,43 33,83 17,62 19,12 13,10 9,52 6,81 2016 1.476 45,50 31,60 15,50 25,10 11,80 9,50 6,10 Bauernheim 2021 542 24,72 35,18 22,23 23,70 9,71 3,69 5,48 2016 550 43,10 27,70 17,90 35,10 9,70 6,40 3,20 Ockstadt 2021 2.495 15,67 44,32 21,15 8,50 14,07 8,4 3,56 2016 2.514 36,40 47,70 9,90 16,90 11,70 8,70 5,20 Ossenheim 2021 932 17,70 22,08 25,82 24,32 13,52 9,16 5,10 2016 938 39,30 28,90 16,40 36,60 10,40 4,80 2,90 Dorheim 2021 1.877 18,54 40,22 12,47 27,35 6,35 11,14 2,47 2016 1.902 38,20 34,80 7,30 38,50 6,10 9,40 3,90 Briefwahl I 2021 28,12 28,73 17,55 9,05 10,50 6,05 2016 Briefwahl II 2021 39,59 17,31 22,09 9,23 8,35 3,42 2016 35,00 12,40 25,60 9,80 13,40 3,90 Gesamtergebnis 2021 21.496 49,51 31,16 27,97 18,54 9,60 9,79 5,95 2016 20.904 48,00 32,20 15,00 25,60 9,50 12,10 5,70 Sitzverteilung 2021 14 11 8 4 5 3 2016 14 7 12 4 5 3

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare