Nach Berlin

Rosinenbomber auf zwei Rädern

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Die Luftbrücke nach Berlin hat Menschen gerettet. Der Friedberger Bernd Hallmann ist die Strecke nachgefahren – mit Fahrrad, Care-Paket und einem Problem.

Eigentlich wollte er bereits am nächsten Morgen aufgeben, am Ende kam er nach vier Tagen ans Ziel: Der Friedberger Bernd Hallmann hat an der Candy-B.-Graveller-Bikepacking-Abenteuerfahrt teilgenommen, mit seinem Rennrad in vier Etappen eine 660 Kilometer lange Strecke von Frankfurt nach Berlin zurückgelegt. 69 Teilnehmer starteten am Frankfurter Flughafen, die Hälfte von ihnen kam in Berlin an.

Pannen, Gesundheit oder zu viel Anstrengung – auf der Strecke entlang des Flugkorridors der Berliner Luftbrücke hatte nicht jeder seinen gewünschten Erfolg. Die Luftbrücke aus den Jahren 1948/49 gab der Fahrt den Namen "Candy B. Graveller" (Candy-Bomber für Rosinenbomber, und gravel heißt Schotter). Entsprechend der mittlerweile 69 vergangenen Jahre seit der Luftbrücke für die Versorgung der eingeschlossenen Menschen in West-Berlin starteten 69 Teilnehmer ihre Abenteuerfahrt. "Kein Wettbewerb, kein offizielles Rennen", sagt Hallmann. "Eher eine Radtour unter Bekannten."

Hallmann war von Gunnar Fehlau auf die Tour aufmerksam gemacht worden. Fehlau ist Radfahrbegeisterten unter anderem wegen des Magazins "Fahrstil" ein Begriff. "Mich reizte aber vor allem der karitative Gedanke", erklärt Hallmann seine Teilnahme. Es gab keine Startgebühren, stattdessen spendeten die Teilnehmer für den guten Zweck, was bereits 3500 Euro im Vorfeld einbrachte. Die Teilnehmer gingen einen Schritt weiter, packten Care-Pakete mit Spielsachen, die in Berlin Kindern zugutekommen sollten. Die Verteilung übernahm der Verein Arche. "Eine Tour, die sich somit nicht nur für mich persönlich lohnte, sondern auch für andere."

Als Bikepacking-Tour im Selbstversorger-Modus galt es, das Rennrad entsprechend zu bestücken. "Das brachte gleich acht bis zehn Kilogramm zusätzliches Gewicht mit sich", berichtet Hallmann. "Man muss sich bei einer Panne ja selbst helfen können, das notwendige Gepäck daher gut durchdacht auswählen." Hallmann hat diesbezüglich schon viele Erfahrungen gesammelt, er hatte bereits eine 1100 Kilometer Strecke von Freiburg an die Cote d’Azur zurückgelegt.

Hallmann beschreibt die ersten 18 Stunden der Candy-B.-Tour als "schmerzvoll". "Ich dachte anfangs, es sei die Aufregung, aber ich hatte einen Magen-Darm-Infekt." So wollte er nach der ersten Nacht unter freiem Himmel auch aufgeben. Der Friedberger entschied sich schließlich, seine Fahrt fortzusetzen, und erreichte somit am zweiten Tag um 14 Uhr Fulda.

Durch den Spessart, die Rhön, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg ging es weiter Richtung Hauptstadt, mal über Schotterwege und schlechte Seitenstraßen, dann wieder über unbefestigte Wald- und Feldwege. "Für mich war der Gegenwind dabei das Schlimmste, 300 Kilometer lang", erinnert sich Hallmann, der täglich acht Liter Flüssigkeit zu sich nahm. "Andere Teilnehmer haben über den Brandenburger Sand geflucht." Ein weiteres Problem war die Konzentration bei Dunkelheit. Tagsüber hingegen hätten die schönen Landschaften, gerade auch in der Rhön, für alle Anstrengungen entschädigt.

Die Tour sollte nicht zu einem Egotripp werden. "Es gab ja keine Zeitbeschränkung. Im Vordergrund stand für mich das Erlebnis statt das Ergebnis." Und das hat sich am Ende mehr als gelohnt. Nach vier Tagen erreichte Hallmann Berlin. Zurück ging es erst nach einer längeren Pause, und zwar mit der Bahn – "nach einem Aufenthalt in Stralsund". Dort warteten Ehefrau und Sohn, eine Woche wurde gemeinsam entspannt.

Sieben Pfund hat Hallmann bei der Tour verloren, pro Tag 10 000 Kalorien verbraucht.

Seine Tour-Erlebnisse beschreibt er in einem Tour-Tagebuch im Internet unter jacominasenkel.de,. Dort lassen sich auch lustige Anekdoten finden.

Seine nächste Tour hat Hallmann bereits geplant: Im September geht es von München nach Venedig. Außerdem möchte er doch gerne mal seine Grenzen ausloten, sich auf das Rad setzen und schauen, wie weit er ohne Schlaf kommt. "Ich glaube, bei 250 Kilometern ist noch nicht Schluss", sagt Hallmann. "Mal schauen, was zumutbar ist."

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