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Riesenschritte in der Malereigeschichte

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Von: Gerhard Kollmer

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Prof. Peter Schubert aus Friedberg erklärt das Thema sehr anschaulich. © Gerhard Kollmer

Friedberg (gk). »Welch’ süßes Ding ist die Perspektive!« Dieser Ausruf der Begeisterung wird dem Maler Paolo Ucello, der von 1397 bis 1475 lebte, zugeschrieben. Der bedeutende Vertreter der italienischen Frührenaissance gilt als (Mit-)Erfinder der sogenannten Zentralperspektive - einer bildkünstlerischen Revolution, die den kommenden anderthalb Jahrhunderten ihren Stempel aufprägen sollte.

Faszinierende Einblicke

In einem exzellenten 105-minütigen, medial bestens veranschaulichten Vortrag, gab Prof. Peter Schubert aus Friedberg am Montagabend im großen Saal des Theaters Altes Hallenbad faszinierenden Einblick in die Hauptmerkmale dieser Mal- und Zeichenweise. Es geht dabei um das Problem, wie sich dreidimensionaler Raum auf einer zweidimensionalen Bildfläche darstellen lässt.

Aus der Perspektive eines Lokführers scheinen sich parallele Schienenstränge mit wachsender Entfernung immer mehr anzunähern, bis sie schließlich ineinander übergehen. Er weiß jedoch, dass dies nicht der Realität entspricht - dank der von Leonardo da Vinci sogenannten »Intelligenz des Auges«, die die verzerrte Wahrnehmung »automatisch« korrigiert. Ohne diese Fähigkeit wäre auch ein zentralperspektivisches Bild nicht verständlich.

In seinem Traktat »Della Pittura« (Über die Malkunst) von 1435 zeigt der Kunsttheoretiker Leon Battista Alberti anhand einer geometrischen Zeichnung auf, wie eine zentralperspektivische Darstellung »konstruiert« wird. Mittelpunkt der Zeichnung ist der sog. »punto del centro« - der Zentral- beziehungsweise Blickpunkt, auf den sich alles Sichtbare bezieht. Er steht stellvertretend für den Bildbetrachter.

Entscheidender Wechsel

Das vom eingangs erwähnten Paolo Ucello ebenfalls um 1435 geschaffene Fresko vom »Tempelgang Mariens« im Dom von Prato bei Florenz gilt als erstes zentralperspektivisches Bild überhaupt - ein »Paradigmenwechsel« nicht nur in der Kunstgeschichte, sondern auch im menschlichen Selbstverständnis schlechthin. Der als Ellipse gemalte Rundtempel, zu dem die kleine Maria hinaufsteigt, erscheint von einem geometrisch genau bestimmbaren »punto del centro« aus als kreisrund.

Verfuhr die (religiöse) Malerei des Mittelalters noch nach dem Prinzip der »Bedeutungsperspektive«, das heißt, wurde hier alles Bedeutende - zum Beispiel Christus, Maria, die Heiligen - unabhängig von seiner Position im Bild entsprechend groß hervorgehoben, so unterwarfen die nach Ucellos revolutionärem Fresko entstandenen Bildkunstwerke auch das »heilige Personal« den Geboten der Zentralperspektive.

Ist das mittelalterliche Bild noch raumlos-zweidimensional, so schafft die zentralperspektivische Bildkunst eine dreidimensionale Synthese zwischen dargestellten Bildfiguren und dem sie umgebenden Bildraum - ein weiterer Riesenschritt in der Malereigeschichte.

Neben Ucello gilt Massacio mit seiner »Trinità« in der Kirche Sta. Maria Novella in Florenz als weiterer Pionier der zentralperspektivischen Malerei. Das Fresko zeigt den gekreuzigten Christus mit Maria und Johannes zu Füßen. Die Szene ist von einem sich perspektivisch verkürzenden Tonnengewölbe »überdacht« und »auf Untersicht« gemalt. Wenn trotz streng geometrischer Konstruktion ein Bild nicht schematisch-trocken, sondern höchst lebendig wirkt, dürfe von einem echten Meisterwerk gesprochen werden.

Tintorettos um 1570 entstandene »manieristische«, bewusst a-perspektivische Abendmahlsdarstellung in der venezianischen Kirche San Giorgio Maggiore zeugt dagegen vom Ende der auf mathematischen Prinzipien beruhenden zentralperspektivischen Malerei der Renaissance.

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