Kleiner Mann ganz groß: Dr. Ralf Streum übergibt den Staffelstab an Kirsten Hasenau, mit dabei Rainer Mühlhaus (l.) und Thomas Mächtle.
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Kleiner Mann ganz groß: Dr. Ralf Streum übergibt den Staffelstab an Kirsten Hasenau, mit dabei Rainer Mühlhaus (l.) und Thomas Mächtle.

Dr. Ralf Streum verabschiedet: Die 27 als Lebensbegleiter

Friedberg (har). Die Zahl 27 hat eine besondere Bedeutung im Leben von Dr. Ralf Streum. Sein erster Arbeitstag bei der Lebenshilfe Wetterau war am 27. Februar 2000, seinem Geburtstag. In den Ruhestand verabschiedet wurde er am Dienstag, da war der 27. Mai.

Der erste Berufsabschluss, sein Kapitänspatent, die Immatrikulation an der Uni Frankfurt, der Abschluss zum Sozialarbeiter und der Doktortitel – "alles an einem 27.", verriet der langjährige Leiter des Fachbereichs "Unterstütztes Wohnen".

Die Gäste der Verabschiedungsfeier staunten nicht schlecht über die vielen Brüche in Streums Leben, die er mit viel Humor vortrug. Streum war Bildungsreferent im Bistum Limburg, bevor er wieder zur Uni ging und Ethnologie, Philosophie und Pädagogik in der Dritten Welt studierte. Er kam viel herum: Malaga, Cambridge, Freiburg, Göttingen, Wien. Streum wurde Verlagslektor, Assistent eines Professors in Vancouver, Referent für ethnische Fragen bei der kanadischen Botschaft, Kulturbeauftragter in Wiesbaden und Maintal, assistierte zwei Jahre dem hessischen Umweltminister Joschka Fischer. "Und ich war zwei Jahre Hausmann, damals noch einer der ersten, der viel belächelt wurde, weil er zwei Kinder behütete."

"Er hat Pionierarbeit geleistet"

Nach einem persönlichen Schicksalsschlag und dessen positiver Wendung kehrte er in die Sozialarbeit zurück, kam in die Wetterau, war zwei Jahre lang Wohnbereichsleiter der Behindertenhilfe Wetterau, bevor er das Angebot der Lebenshilfe annahm, eine Wohnstätte zu planen und ein Konzept für "Betreutes Wohnen" zu entwickeln. "Die Begegnung mit Menschen mit Behinderung war faszinierend. Dieses vordergründige Anderssein, dieser Willen nach Leben und Normalität begeisterte mich", bekannte Streum, der sich als "Brückenbauer und Übersetzer der unterschiedlichen Daseinsformen" sieht. Sein Dank galt den Hausbewohnern: "Ich weiß jetzt, das die Sonne nicht nur im Osten, sondern auch im Herzen aufgeht".

Lebenshilfe-Vorstandsvorsitzender Rainer Mühlhaus und Geschäftsführer Thomas Mächtle würdigten Streums ruhige und beharrliche Art, er habe Pionierarbeit im Betreuten Wohnen geleistet. Dass er die Künstlergruppe "Hephaistos" initiierte (der er als Kurator erhalten bleibt), ist nur eines von vielen weiteren Betätigungsfeldern. Zum Abschied überreichte Mächtle zwei Eintrittskarten für den Tigerpalast und ein Buch. Der Erste Kreisbeigeordnete Helmut Betschel-Pflügel sagte, Streum habe "als kreative und ausgleichende Persönlichkeit an der Sozialstruktur des Kreises mitgearbeitet".

Heinz Brauburger, der ein Fotobuch überreichte, dankte im Namen aller Hausbewohner: "Betreutes Wohnen ist echt gut, es gefällt uns sehr und wir haben viel von Dir gelernt." Hanne Schirmer, Vorsitzende der Liga der freien Wohlfahrtsverbände in der Wetterau, nannte Streum einen "Visionär, der an eine gute Gesellschaft für alle Menschen glaubt".

Nach den Dankesworten überreichte Streum seiner Nachfolgerin Kirsten Hasenau einen goldenen Staffelstab. Hasenau war als Studentin seine erste Mitarbeiterin im Betreuten Wohnen. Die Staffelübergabe wurde jedoch überraschend unterbrochen. Die Tür ging auf, etliche Hausbewohner kamen mit zwei selbst gebackenen Kuchen herein, um sich von Streum zu verabschieden und seine Nachfolgerin zu begrüßen. "Die sind für Euch", sagte Bewohnerin Silke.

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