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Rainer Hoffmann hat den Schlüssel zur Wunderkammer

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Von: Jürgen Wagner

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Schlüsseldienst: Rainer Hoffmann ist einer von 20 Ehrenamtlichen, die als Kirchenöffner dafür sorgen, dass die Friedberger Stadtkirche an zumindest fünf Tagen in der Woche besichtigt werden kann. © Nicole Merz

In der Friedberger Stadtkirche finden Besucher Ruhe und Halt. Möglich machen dies die Stadtkirchenöffner. Zuletzt musste ein Öffnungstag gestrichen werden, es fehlt an Ehrenamtlichen.

Diese Stille. Man kann sie förmlich spüren, in diesem weiten, hohen Raum mit den schlanken, gen Himmel strebenden Pfeilersäulen. Steht die Sonne im Süden, zaubern die Glasmalereien der Friedberger Stadtkirche »Unserer lieben Frau« bunte Flecken auf den Fußboden, schillernd und flirrend, ein warmes, sanftes Farbenspiel. »Hier sieht man es am besten«, sagt Rainer Hoffmann und deutet auf den Boden des rechten Seitengangs der gotischen Hallenkirche. Das Fenster »Jesus, der gute Hirte« von 1901 leuchtet, als wollte es etwas verkünden.

Die Glasmalereien haben es Hoffmann besonders angetan. Eine schöner als die andere. Da geht es ihm wie den Besuchern, die sich nun einstellen, nachdem er erst das Brautportal und dann die große Tür unterm Glockenturm aufgeschlossen sowie die Lichter angeschaltet hat. Den Schlüssel zum Kirchenportal hat er vorher in einem Geschäft auf der Kaiserstraße abgeholt.

Man muss kein Kunsthistoriker sein

Viel haben Kirchenöffner nicht zu tun. Hoffmann und seine Kolleginnen und Kollegen führen eine Strichliste der Besucher, führen Aufsicht und beantworten schon mal Fragen. Eine Stadtkirchenführung aber würde sich Hoffmann nicht zutrauen. »Ich bin so vergesslich«, lacht er. Natürlich hat er sich, als er vor vier Jahren dieses Ehrenamt antrat, über das Gebäude und seine Geschichte informiert. Aber man müsse kein Kunsthistoriker sein, und der Stadtkirchen-Förderverein versorge einen mit Infomaterial. Hoffmann, der in Ossenheim Vorsitzender des Kultur- und Traditionsvereins ist und viel über die Ossenheimer Geschichte forscht, kam durch Zufall zu diesem Ehrenamt. Monika Schäfer, eine Freundin, habe ihm davon erzählt.

Der 76-jährige Diplom-Ingenieur und seine Frau besichtigen im Urlaub gerne gotische Kirchen. Hoffmann ist passionierter Hobbyfotograf, hat ein Auge für den richtigen Blickwinkel und die Beleuchtung. Er schwärmt von nordfranzösischen Kathedralen und von Jugendstilkirchen in Südtirol. Die Friedberger Stadtkirche müsse sich da nicht verstecken, sagt er. Sofort war er bereit, beim Öffnungsdienst mitzumachen.

Gibt es unangenehme Situationen? Probleme mit Menschen, die sich nicht benehmen können? »Nein«, sagt Hoffmann. Hat er noch nicht erlebt. Einmal schloss er das Brautportal auf, die Tippelbrüder auf der Treppe davor boten ihm ein Bier an. »Ich trinke nicht mehr«, antwortete er scherzend. Worauf die Tippelbrüder im Chor antworteten: »Wir aber schon.«

Als er am Mittwoch um 14 Uhr das Kirchenportal aufschloss, stand schon eine junge Dame davor und begehrte Einlass. Wir besuchen sie im Raum über der Saktristei, wo ein Klavier steht. Wir müssen nur dem Ariengesang aus der Oper »Salome« von Richard Strauss folgen. Violeta Samon (26) ist ausgebildete Opernsängerin, stammt aus der Ukraine und darf hier Koloraturen üben. Sie stamme aus »Kyiv«, sagte sie und bittet darum, den Namen der Hauptstadt ukrainisch zu schreiben und nicht in der üblichen russischen Version. Dann stimmt sie ein ukrainisches Volkslied an, »Wohin gehst du?« lautet der Titel übersetzt, und der kleine Probenraum über der Sakristei füllt sich mit elektrisierend flirrenden Tönen, anmutig und stolz.

Glasmalereien begeistern Besucher

Unter den Besuchern der Stadtkirche seien immer wieder auch Friedberger, die das Gebäude zum ersten mal betreten, sagt Hoffmann. Das verwundere ihn ein wenig. »Bei diesem herrlichen Bau!« Manchmal kämen nur wenige Leute, meist seien zwischen 10 und 20 innerhalb seines zweieinhalbstündigen Dienstes. »Die schauen sich die Kunstwerke und die Ausstattung an, entzünden Kerzen am Opferstock oder meditieren.« Wird er nach Besonderheiten gefragt, deutet Hoffmann, der ein großer Lugendstil-Liebhaber ist, auf ein Fenster, das von Großherzog Ernst Ludwig gestiftet und besonders farbenprächtig gearbeitet wurde. Leider ist die Sonne schon weitergezogen. Aber das macht nichts, sagt Hoffmann. Die Stadtkirche sei an fünf Tagen in der Woche geöffnet: »Einfach wiederkommen.«

Freiwillige gesucht

Bis zu 25 000 Besucher pro Jahr werden in der Friedberger Stadtkirche gezählt, zuletzt ging diese Zahl aber zurück. Der Förderverein der Stadtkirche sucht Freiwillige für den Kirchenöffnungsdienst. Aktuell ist die Stadtkirche mittwochs bis freitags von 14 bis 16.30 Uhr sowie samstags, sonntags und an Feiertagen von 11 bis 16.30 Uhr geöffnet. »Wir suchen Freiwillige, die jeweils eine Zweieinhalb-Stunden-Schicht übernehmen«, sagt Andreas Mehling vom Förderverein. Er koordiniert den Einsatz der Kirchenöffner. Derzeit gebe es 20 Freiwillige. Das reicht aber nicht. Zuletzt musste der Dienstag als Öffnungstag gestrichen werden. »Wer sich zu dem Dienst bereit erklärt, bestimmt selbst, wann und wie oft er zum Einsatz kommt«, sagt Mehling. Der Förderverein stelle Infomaterial zur Verfügung, »man benötigt kein Spezialwissen«. Der Lohn ist ein himmlicher, wenn man so will: Die Dankbarkeit der Menschen dafür, dass sie die Stadtkirche, dieses einzigartige Bauwerk, besichtigen können, sagt Andreas Mehling. Wer sich für das Ehrenamt interessiert, kann sich bei ihm unter der Telefonnummer 0 60 31/6 70 76 64 melden.

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