Bei der Radtour über den Winterstein wird man nach einem mühsamen Aufstieg mit tollen Ausblicken, teilweise bis nach Frankfurt belohnt.
+
Bei der Radtour über den Winterstein wird man nach einem mühsamen Aufstieg mit tollen Ausblicken, teilweise bis nach Frankfurt belohnt.

Winterstein

Radtour in der Wetterau: Mit dem E-Bike über den Winterstein

Holprige Wege, heftige Steigungen - eine Radtour über den Winterstein hat seine Tücken. Aber am Ende wird man belohnt.

Am besten, Sie folgen mir einfach. Start ist an der Stadthalle Friedberg. Über den Äppelwoiweg geht’s nach Ockstadt, wo die erste »Challenge« wartet: Die Flickenteppiche der Dorfstraßen rütteln mich durch. Bei meinen Radtouren bin ich stets bestrebt, die heimische Wirtschaft anzukurbeln. Deshalb mache ich einen Abstecher zu Edeka-Winkes, wo ich ein Kaltgetränk kaufe.

Auf der Flickenteppich-freien Bachgasse, auf der ein Verkehr herrscht wie in der Frankfurter Innenstadt (unter HG-Fahrern hat sich der Bau der B3 noch nicht herumgesprochen), hole ich Anlauf und fliege - mit Unterstützung der Firma Bosch - mit 20 bis 25 Sachen die Usinger Straße hoch. Zwei Rennradfahrer hängen sich an mich dran, folgen im Windschatten. Das fühlt sich gut an, sonst überholen die mich immer. Nach knapp zwei Kilometern erreichen wir die Brücke über die A 5, der erste Anstieg ist geschafft. Und gleich folgt der nächste.

Radtour in der Wetterau:

Die Winterstein-Tour ist eine Tour der Leiden. Anstieg folgt auf Anstieg. Hinter der Autobahnbrücke halte ich mich links, nach einer Kurve rechts, dann immer bergauf. Am Wegrand liegen Baumstämme, auf den Wegen Holzreste und Rinde. Je höher man steigt, desto größer sind die Trümmerfelder links und rechts des Wegs. Stürme, der Borkenkäfer und die heißen Sommer haben riesige Schneisen in die Fichtenbestände geschlagen.

Wer von Friedberg aus zum Fernmeldeturm schaut, erkennt direkt unterhalb einen großen grauen Fleck. Das ist eine von mehreren Schneisen. Für Naturfreunde ein Horrorbild, dennoch ist man von dem Anblick gebannt: Unter abgestorbenen Baumriesen wächst Fingerhut, wunderschön, aber hochgiftig. Auf dem Winterstein ist die Ästhetik des Schreckens zu bewundern. Der Blick über die Wetterau ist atemberaubend. Nicht mal die Autobahn hört man. Über grauen Ästen und riesigen Feldern zersplitterter Rinde herrscht gespenstische Friedhofsstille.

Radtour in der Wetterau: Wintersteinturm steht nicht auf dem Winterstein

Die Sonne knallt gnadenlos vom Himmel, der Schweiß läuft. Jetzt zahlt sich der Abstecher zu Edeka-Winkes aus. Nach sieben Kilometern muss ich absteigen und schieben. Die jüngsten Gewitter haben Humus abgetragen und tiefe Mulden in den Waldboden gerissen. Auf dem Weg liegt Geröll, die Wasserrinne ist einen Meter tief ausgehöhlt. Dafür entschädigt mich ein Vogelkonzert, untermalt vom Rauschen des Windes in den Blättern der Baumriesen. Bevor ich erzählerisch in den Kitsch abgleite, sollte ich erwähnen, dass hinter dem Schild »Naturruhezone« gleich das nächste Trümmerfeld folgt.

Nach zehn Kilometern und 35 Minuten zeigt sich linkerhand der Fernmeldeturm. 105 Meter ist er hoch und wird Wintersteinturm genannt, obwohl er gar nicht auf dem Winterstein steht. Dort steht der Aussichtsturm. Der Fernmeldeturm steht auf dem Steinkopf, mit 518 Metern die höchste Erhebung des Winterstein-Taunuskamms. Auf den letzten Metern bis zum Gipfel wird die Strecke immer steiler. Ich quäle mich über grobes Geröll, fahre so langsam, dass ich fast umkippe, schaffe aber heldenhaft, wie ich mir nachher selbst einrede, den Gipfelsturm und kann über die Bergetappen der Tour de France fortan nur noch lächeln.

Radtour in der Wetterau: Als Lohn winkt eine rasante Abfahrt

Warum mute ich mir das zu? Warum muss ich da hoch? Ich antworte mit Sir Edmund Hillary, Erstbesteiger des Mount Everest, der auf die Frage, warum wir auf Berge steigen, sagte: »Weil sie da sind.« Und weil jetzt die Abfahrt folgt, ebenfalls in mehreren Etappen.

In sanften Kurven geht es dreieinhalb Kilometer weit bergab bis zum Parkplatz Winterstein, dann noch mal zwei Kilometer bis zum Autobahntunnel an der Raststätte Wetterau. Über meine Höchstgeschwindigkeit kann ich aus verkehrsrechtlichen Gründen keine Angaben machen. Nur soviel: Hui! Es folgt das Gestüt Hasselheck bei Bad Nauheim, von wo man einen atemberaubenden Blick auf Friedberg hat. Nun folgen der Waldsportplatz und die Möglichkeit der Einkehr (Waldhaus, italienische Küche) bzw. Einlieferung (Hochwaldkrankenhaus, Knochenbrüche und Ermüdungserscheinungen).

Radtour in der Wetterau: Schleife über den Johannisberg

Über Hochwald-, Ring-, Schwalheimer und Friedberger Straße sowie zwei Verkehrskreisel geht’s zurück nach Friedberg, wobei zwei Dinge hervorzuheben sind: der komfortable Radweg an der Kreisstraße und der Bau des neuen Kreisels am Burgfeld. Nichts ist schöner für Radfahrer, als an einem Autostau vorbeizusausen. Zur Stadthalle gelangt man auf schnellstem Weg über die Vorstadt zum Garten und die Seewiese. Dann kommt man aber nicht an der Eisdiele vorbei und kann sich keine Familienportion Erdbeereis holen, das hilft, die Kalorien, die man gerade verbrannt hat, ratzfatz wieder draufzuschaffen.

Am Ende stehen 24,3 Kilometer auf dem Tacho. Ich war zweieinhalb Stunden unterwegs. Reine Fahrtzeit: eine Stunde, sechs Minuten. Wer noch Kraft in den Oberschenkeln hat, kann im Bad Nauheimer Wald hinter der Hasselheck links zum Flugplatz abbiegen und über die Große Schleife den Johannisberg und den Frauenwald durchqueren. Kurz vorm Golfplatz (Vorsicht vor Schlaglöchern!) biegt man am Wasserbehälter nach Nieder-Mörlen ab. Auf der Frankfurter Straße wurde ein Radstreifen aufgezeichnet, für Radfahrer ein echter Komfort. Es muss aber davor gewarnt werden, Autofahrer, die dort widerrechtlich parken, im Vorbeifahren auf ihren Gesetzesverstoß hinzuweisen, selbst wenn man einen sachlichen Ton wählt. Je niedriger der Intelligenzquotient des Falschparkers, desto höher die Wahrscheinlichkeit, als »Idiooot« betitelt zu werden, mit langem »O«, als hätte man einem Brüllochsen auf den Schwanz getreten. Autofahrer halt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare