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Rache statt Gerechtigkeit

  • vonGerhard Kollmer
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Friedberg(gk). "Die Welt hat mich zur Hure gemacht. Ich werde sie zum Bordell machen." Dieser Ausspruch der Milliardärin Claire Zachanassian, die nach 45 Jahren in ihre Heimatstadt Güllen zurückkehrt, taugt als Motto für Friedrich Dürrenmatts 1956 uraufgeführtes Stück "Der Besuch der alten Dame". Die "tragische Komödie" (wie er es selbst nennt) über die grenzenlose Macht des Geldes und die Käuflichkeit der Menschen wurde ein Welterfolg. Ganz offenbar hatte das rabenschwarze Drama, das ursprünglich den Untertitel "Komödie der Hochkonjunktur" trug, einen Nerv der Zeit getroffen.

Dass dem heute, zwei Generationen danach, noch immer so ist: Davon zeugte der lang anhaltende Applaus, den das Helden-Theater für seine mitreißende Präsentation von Dürrenmatts Klassiker am Wochenende im Theater Altes Hallenbad (in drei ausverkauften Aufführungen) erhielt. "Präsentation": Das bedeutet "Vergegenwärtigung". Genau das, die Demonstration der Zeitlosigkeit dieses Meisterwerks, ist den 20 Akteuren unter der künstlerischen Leitung von Burkhard Struve und Andreas Arnold in zwei spannenden Stunden voll gelungen.

Opferung auf dem Altar

Die Handlung in Kürze: Die Bewohner der verarmten Kleinstadt Güllen erwarten den Besuch der Milliardärin (Ingrid Hamer), die vom allseits beliebten, angesehenen Kaufmann Alfred Ill (Ralf Reitze) zu einer Stiftung zugunsten der Stadt veranlasst werden soll. Claire soll einen würdigen Empfang erleben - der gänzlich daneben geht. Alle Figuren werden - ganz im Sinn des Autors - gnadenlos ins Lächerliche gezogen, obwohl dem Zuschauer das Lachen sehr bald vergeht.

Claire Z. will zwar die unvorstellbare Summe von einer Milliarde locker machen. Doch der Preis dafür ist hoch: Alfred Ill, der sie einstmals mit dem gemeinsamen Kind unterm Herzen sitzen ließ, soll um der angeblichen Gerechtigkeit willen auf dem Altar des Mammons wie ein Tier geopfert werden. Geld gegen Leben: So lautet die Devise. Die anfängliche Empörung der Güllener erweist sich schnell als Heuchelei. Ill, der ehemalige Sunnyboy, erfährt, was ihm bevorsteht, versucht zu fliehen, und ergibt sich in sein "Schicksal". Er betrachtet den ihm bevorstehenden Mord als "Sühne" für begangenes Unrecht und Ende eines "sinnlosen Lebens". Das Stück "kulminiert" in einem makabren Spießrutenlauf mit tödlichem Ausgang. Den Gefallen, sich selbst ins Jenseits zu befördern, hat der Gejagte seinen Jägern nicht getan.

Die untrennbare Mischung aus Tragik und Banalität will schauspielerisch umgesetzt sein. Den Theaterhelden aus Friedberg ist es voll gelungen. Die blinden Kastraten Koby (Rose Wolff) und Loby (Barbara Willkom-Dingeldey) - Claire hat sie wegen Falschaussage vor Gericht verstümmeln lassen - verkörpern am krassesten diesen Doppelcharakter aller Hauptfiguren.

Überzeugende Verkörperung

Schauen wir auf die "Honoratioren": Bürgermeister (Andreas Arnold), Polizist (Melanie Rix), Pfarrer (Eva Römer), Lehrer (Svenja Illenberger) und Arzt (Rebekka Radgen) bis hin zu Ills Frau (Nelli Dell) gleichen sich einerseits in ihrer "nur schwachen, nicht bösen" (Dürrenmatt im Nachwort) Habgier, andererseits erscheint jeder auch als Individuum - und als "einer von uns", dem man letztlich nicht böse sein kann.

Ingrid Hamer und Ralf Reitze dominieren das Geschehen mit ihrer überzeugenden Verkörperung einer seelisch gebrochenen, von gelegentlichen melancholischen Reminiszenzen heimgesuchten, beziehungsunfähigen Zynikerin der Macht auf der einen und auf der anderen Seite eines seelisch geläuterten Mannes, der dem absurden Geschehen einen Sinn geben kann, indem er seine Abschlachtung als Sühne für begangenes, wenn auch jahrzehntelang zurückliegendes Unrecht widerstandslos hinnimmt.

Jeder Akteur, jede Akteurin hat die Spezifik seiner beziehungsweise ihrer Rolle plastisch herausgearbeitet: Besseres lässt sich über die Aufführung eines anspruchsvollen Klassikers nicht sagen.

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