Die Anklage wirft einer 38-jährigen Mutter vor, 50 Tabletten in Wasser aufgelöst und ihre Tochter aufgefordert zu haben, davon zu trinken. Nur dank des besonnenen Handelns des zehnjährigen Kindes sind beide noch am Leben. Jetzt steht die Frau vor Gericht.	SYMBOLFOTO: DPA
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Die Anklage wirft einer 38-jährigen Mutter vor, 50 Tabletten in Wasser aufgelöst und ihre Tochter aufgefordert zu haben, davon zu trinken. Nur dank des besonnenen Handelns des zehnjährigen Kindes sind beide noch am Leben. Jetzt steht die Frau vor Gericht.

Erweiterter Suizidversuch

Prozess in der Wetterau: Dramatischer Notruf einer Zehnjährigen

  • vonOliver Potengowski
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In der Fortsetzung des Prozesses gegen eine 38-Jährige aus der Wetterau, die versucht haben soll, sich und ihre Tochter zu töten, wird klar, wie dramatische die Situation für die Zehnjährige war.

Ich kann mich gut an den Einsatz erinnern, weil der Notruf relativ dramatisch war«, sagt der Notarzt vor dem Landgericht Gießen. Er hatte im November 2019 mit der Besatzung von zwei Rettungswagen um das Leben von Mutter und Tochter gekämpft. Er lässt keine Zweifel daran, dass ohne die von der Tochter alarmierte Hilfe beide die Einnahme von zahlreichen Schlaftabletten nicht überlebt hätten.

Dazu erläutert er die Wirkungsweise des Medikaments, von dem die Mutter mutmaßlich eine ganze Großpackung mit 50 Tabletten in einem Becher Wasser aufgelöst hat. Zunächst forderte sie die Tochter auf, davon zu trinken, anschließend leerte sie den Becher. Dass die Tochter nur wenige Schlucke zu sich nahm, erwies sich als lebensrettend. »Wenn ich davon ausgehe, dass das eine volle Packung war, hätte das Kind das nicht überlebt«, betont der Notarzt. Die Wirkung des Medikaments habe bei ihr im Rettungswagen eingesetzt. Sie habe mit Sauerstoff beatmet werden müssen.

Prozess in der Wetterau: Mutter beginnt zu weinen

Diese Schilderungen zeigen bei der Mutter sichtbar Wirkung. Sie senkt den Blick und hält sich die Hand vor die Augen. Im Verlauf der Aussagen weiterer Zeugen beginnt sie zu weinen. Offenbar wird ihr durch deren Worte bewusst, wie nahe sie daran war, ihre geliebte Tochter umzubringen.

Dass sie die Zehnjährige liebt, bestätigen zwei Freundinnen und ein Familienhelfer, der nach einem Suizidversuch der Mutter im Oktober 2018 versuchte, gemeinsam mit ihr die Lebenssituation für sie und die Tochter zu verbessern. Dabei habe es durchaus Erfolge gegeben. Insbesondere unmittelbar vor der angeklagten Tat seien alle recht optimistisch gewesen, bestätigt ein weiterer Mitarbeiter des Jugendamtes.

Prozess in der Wetterau: Probleme der Mutter werden deutlich

Ebenso werden die Probleme der Mutter deutlich. Alkoholabhängigkeit, Verschuldung und gescheiterte Beziehungen. »Sie hat immer dann, wenn sie unter Druck geraten ist, Alkohol getrunken«, schildert eine befreundete Nachbarin. »Sie wurde nur enttäuscht, jeder hat sie nur ausgenutzt.«

Welcher Druck auf der Mutter lastete, erzählt der Familienhelfer. Wegen der übermäßigen Schulden sei über eine Privatinsolvenz nachgedacht worden. Weil die Monatsmiete nach zwei Erhöhungen über dem Höchstwert von 300 Euro lag, habe das Jobcenter die Angeklagte aufgefordert, sich eine andere Wohnung zu suchen. Dass die Mutter sich und ihre Tochter habe umbringen wollen, ist dem Sozialpädagogen dennoch unerklärlich. Denn man habe erreicht, dass sie die Wohnung für mindestens ein Jahr behalten dürften.

Wie stark die Tochter schon seit Jahren Verantwortung übernehmen und funktionieren musste, wird in seinen Aussagen ebenfalls deutlich. So sei nach dem ersten Suizidversuch der Mutter ein Notfallplan entwickelt worden, in den auch die Tochter einbezogen worden war. Diese sei ein Kind gewesen, das »Dinge weiß, die man in dem Alter eigentlich nicht weiß«, berichtet eine angehende Kinder- und Jugendtherapeutin. »Wie man Menschen wiederbelebt«, nennt sie ein Beispiel. Und: »Ich muss meine Mama behüten«, gibt die Ärztin die vertauschten Rollen zwischen Mutter und Tochter wieder.

Prozess in der Wetterau: Mutter jammert Tochter handelt

Es war dieser Notfallplan und die Erfahrung mit Einsätzen des Rettungsdienstes, der dazu beitrug, dass die Angeklagte und ihre Tochter die Tablettenvergiftung überlebten. Nur schlecht ist die Stimme des Kindes durch den Medikamenteneinfluss auf dem Mitschnitt des Notrufs zu verstehen. Mehr als alle anderen Aussagen macht dieses Tondokument den Konflikt deutlich, in dem das Kind seit Jahren lebte.

Immer wieder fordert sie der Mitarbeiter in der Rettungsleitstelle auf, ihre Mutter ans Telefon zu holen. Dabei ist die Zehnjährige diejenige, auf der in diesem Moment die Verantwortung für das Leben ihrer Mutter und ihr eigenes lastet. Im Hintergrund ist das hilflose Weinen und Jammern der Mutter zu hören. Dem Wunsch des Mannes am Notruf, die Mutter ans Telefon zu holen, kommt das Kind schließlich nach. Es folgt minutenlange Stille, in der er immer wieder »Hallo« ruft. Dann klingt das schwache »Hallo« der Mutter zurück, die Verbindung bricht ab. Zum Glück hatte die Tochter da schon die Adresse durchgegeben.

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