bk_preis_070421_4c
+
Online-Preisverleihung durch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil an Tim Schleicher (unten l.) und Alessandro Schneider (oben r.), zugeschaltet sind außerdem ihre Mitarbeiterin Lisa Gotzian (unten r.) und Anke Brinkmann (oben l.) von der Berliner Stadtreinigung.

Berufsalltag erleichtert

Preis für KI-Projekt von Wetterauer Start-up

  • vonAnnette Hausmanns
    schließen

Um anderen den Berufsalltag zu erleichtern, haben Tim Schleicher und Alessandro Schneider Programme mit Künstlicher Intelligenz entwickelt. Das Projekt dient den Berliner Stadtreinigungsbetrieben.

Man stelle sich den Straßenverkehr beispielsweise rund um den Bad Nauheimer Eleonorenring an einem »normalen« Schultag vor - in einer Zeit, da an Corona noch niemand dachte. Privat-»Taxis« und Schulbusse geben sich morgens und mittags zur Rushhour ein turbulentes Stelldichein. Zugleich möchten die Mitarbeiter der städtischen Straßenreinigung ihrer Aufgabe nachkommen. Sie tun gut daran, derartige Engpässe zu meiden und tagesaktuelle Routen auszutüfteln. Ohne die Hilfe von EDV ein unmögliches Unterfangen.

Hochgerechnet auf eine Metropole wie Berlin ist die logistische Herausforderung um ein Vielfaches größer. Umso interessierter zeigten sich unlängst die Berliner Stadtreinigungsbetriebe mit ihren 5000 Mitarbeitern an der Möglichkeit einer Zusammenarbeit mit zwei jungen Männern, die just vor einem Jahr in ihrer Wahlheimat Berlin ihr eigenes Start-up gegründet haben.

Tim Schleicher aus Ober-Mörlen und Alessandro Schneider aus Bad Nauheim gaben ihrer Firma den Namen »LEAD Machine Learning GmbH«. Dahinter verbirgt sich ein Unternehmen mit derzeit fünf Mitarbeitern, das Menschen im Berufsalltag das Leben erleichtern will: mithilfe von pfiffigen Ideen und Künstlicher Intelligenz (KI), die gemeinsam mit den jeweiligen Organisationen entwickelt wird.

Wetterauer haben ein Ziel: KI „entzaubern“

»Wir wollen die Künstliche Intelligenz aus ihrer Wolke runterbrechen auf den Alltag«, erklärt Alessandro Schneider. KI habe nichts mit Science Fiction zu tun oder mit Robotern, die Menschen die Arbeit wegnehmen. Ganz im Gegenteil: »Wir geben mit unseren KI-Anwendungen ein zusätzliches Tool an die Hand, um Abläufe angenehmer zu machen.« Ihr Ziel: Menschen für Künstliche Intelligenz begeistern und die KI zugleich entzaubern. Als ein Beispiel nennt Tim Schleicher den KI-gestützten Stopp von Abwanderungen bei Mitgliedsorganisationen. Hierbei werden Austritte prognostiziert, damit der Entwicklung im Vorfeld begegnet werden kann.

»Das lässt sich hervorragend auch in mittelständischen Unternehmen einsetzen und nicht nur in der Großstadt«, berichten die beiden Jungunternehmer. »Wir fragen, wo der Schuh drückt, überlegen uns datenwissenschaftliche Hilfsmittel und betten sie sinnvoll in die Abläufe ein«, berichten die beiden ehemaligen Schüler des St.-Lioba-Gymnasiums in Bad Nauheim. »Wir haben uns über die Nachhilfebörse an der Schule kennengelernt«, erzählen die beiden im Videochat mit der Wetterauer Zeitung grinsend.

Wetterauer Gründer ergänzen sich perfekt

Der zwei Jahre ältere Alessandro sei schon immer »der mit Mathe behaftete Genius« gewesen, sein damaliger Mathe-Nachhilfeschüler Tim war leidenschaftlich eher in Richtung Gesellschaft orientiert. Die Nachhilfestunden haben nicht nur zu einer engen Freundschaft zwischen den beiden geführt, sondern Tim später auch ermöglicht, das Mathe-lastige Fach Data Science (Datenwissenschaften) zu studieren. Heute ergänzen sich die Firmengründer aus der Wetterau perfekt.

Als Tim Schleicher im vergangenen Jahr bei einem Kongress rund um Künstliche Intelligenz zufällig Anke Brinkmann traf, Gesundheitschefin der Berliner Stadtreinigung, war man sich schnell einig, dass sich eine Zusammenarbeit lohnen würde. Ziel des Projekts ist es, dass die Stadtreinigungs-Mitarbeiter in Ruhe gut geplante Touren fahren können. Wie es der Zufall wollte, hatte das Bundesministerium für Arbeit und Soziales just um diese Zeit unter dem Titel »Gemeinsam wird es KI« erstmalig einen Ideenwettbewerb für gemeinwohlorientierte Projekte mit Künstlicher Intelligenz ausgeschrieben. Entstehen sollten innovative KI-Projekte nahe am tatsächlichen Bedarf, indem sie beispielsweise die Arbeitsorganisation in einem Betrieb verbessern, mehr Inklusion für Menschen mit Behinderung ermöglichen oder die soziale Teilhabe fördern.

Das traf genau den Anspruch von Tim Schleicher und Alessandro Schneider. Sie nahmen teil - und gewannen.

Wetterauer freuen sich über Preis für KI-Projekt

Gemeinsam gingen das Start-up von Tim Schleicher und Alessandro Schneider mit den Berliner Stadtreinigungsbetrieben auf der »Civic Innovation Platform« (CIP) an den Start. Ihr Wettbewerbsbeitrag: KI-basierte Tourenplanung für verbesserte Mitarbeitergesundheit und nachhaltigen Straßenverkehr. »Wir wollen die Gesundheit der Beschäftigten verbessern, indem Stress und Corona-relevante Kontakte reduziert werden«, erklären Schleicher und Schneider. Dafür entwickelten sie im engen Schulterschluss mit der Berliner Stadtreinigung die Skizze einer KI-Anwendung für eine optimale Ressourcen- und Tourenplanung. »Zugleich soll die Verkehrssicherheit erhöht und ein Beitrag zum Klimaschutz geleistet werden.«

Unter über hundert Teilnehmern gewann ihre Projektidee einen der 25 hochdotierten Preise, unlängst verliehen durch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil in digitaler und gleichwohl feierlicher Form. »Mit der Auszeichnung haben wir 20 000 Euro Förderung erhalten für die Weiterentwicklung und Prototypisierung der Idee«, freuen sich die beiden gebürtigen Wetterauer. Gemeinsam mit den Beschäftigten und auf der Grundlage großer Datenbestände gehen sie an die passgenaue Arbeit. »Im Sommer können wir uns dann damit für weitere 250 000 Euro aus dem Ministerium bewerben.«

Nähere Informationen gibt es im Internet unter www.lead.berlin/ml und www.civic-innovation.de.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare