Poetry Slammer erinnern mit Texten an den Holocaust

Friedberg (vpf). Die Großmutter kann sich nicht mehr an den Namen ihres Enkels erinnern. Sie sitzt im Sessel, ihr Gesicht ist gezeichnet von all dem Leid, das sie erfahren hat. Irgendwann beginnt es, aus ihr herauszusprudeln, und sie erzählt dem namenlosen Enkel alles, was sie in den Jahren des Krieges erleben musste.

Als sie stirbt, kümmert sich ihr Enkel um das Grab, wischt Staub von ihren Lebensdaten: geboren 2001, gestorben 2081. Als Dominik Rinkart diesen Text vorträgt, ist kein Laut zu hören im Friedberger Jugendhaus Junity.

Der Abend ist dem Gedenken an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz 1945 gewidmet, sechs junge Poeten tragen Texte vor, die sich auf die Geschehnisse im Dritten Reich beziehen. In seinem Text beschäftigt sich Rinkart damit, dass diejenigen, die persönlich von den Schrecken des Holocaust berichten können, immer weniger werden: »Also habe ich selbst einen Zeitzeugentext geschrieben, aus einer Zeit, die uns eine Warnung sein sollte.«

Die Brücke zu heutigen Geschehnissen schlagen, sich erinnern, zu welchen Taten Menschen in der Lage sein können, das ist auch das Anliegen des Poeten Thorsten Zeller: »Dass wir uns erinnern, ist extrem wichtig, um daraus lernen zu können. Wir müssen erkennen, dass wir gerade vieles davon wieder erleben, zum Beispiel durch die Taten des IS.

« Um nicht auf Abwege zu kommen, kennt der 41-jährige Zeller eine Waffe: »Beherrschtheit«. Er erzählt von den kleinen und großen Momenten, in denen Menschen ihre Beherrschung verlieren, und davon, wie wichtig es ist, sich in Beherrschtheit zu üben, täte man das nicht, sei ein »triebgeführter Sturm« das Ergebnis.

Die Poeten des Abends sind junge Menschen, ihr Bezug zum Holocaust ist kein direkter mehr. Dennoch: Jeder von ihnen findet Zugang zu den Erinnerungen, den Warnungen dieser Zeit. Für Lea Weber war ein Besuch des Konzentrationslagers Buchenwald der Moment, in dem sie intensiv begann, über das grenzenlose Leid dieser Zeit nachzudenken. »Dort war ich direkt mit den Geschehnissen konfrontiert, es wurde plötzlich greifbar.« Ein einfacher Löffel, den die 19-Jährige während der Besichtigung entdeckte, war die Inspiration für ihren Text. Neben ihren eigenen Worten geben die Poeten auch wahren Zeitzeugen des Holocaust eine Stimme und tragen Texte aus Erlebnisberichten vor.

Auch aus Sicht eines Täters

Auch ein Täter kommt indirekt zu Wort, als der Poet Merlin Veith aus der Mitschrift des Auschwitz-Prozesses um Oscar Gröning vorträgt. »Wir waren dressiert« gibt Veith dem Täter eine Stimme, der gegenüber dem Richter versucht zu erklären, wie eine solche Skrupellosigkeit möglich gewesen sei.

»Ich bin groß geworden mit den Geschichten meines Opas, der den Zweiten Weltkrieg miterlebt hat«, erklärt Artur Nevsky. Von den Ausführungen seines Großvaters inspiriert, schrieb der 26-Jährige den Text »Meine kleine Schwester«. Es geht unter die Haut, als Nevsky aus der Sicht eines großen Bruders spricht, der versucht, seiner Schwester im Angesicht seines eigenen Todes Mut zuzusprechen.

Das Gedenken an die Befreiung vom 27. Januar 1945 könne ein Symbol sein, uns immer wieder selbst zu befreien, sagt Dominik Rinkart am Ende des Abends und mahnt: »Wir können immer noch größer sein als unsere Vergangenheit. Aber dazu müssen wir ihr zuhören.«

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