Die Philosophin der kleinen Leute

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"Ich freue mich, dass ich mich an das Schöne und an das Wunder niemals ganz gewöhne. Dass alles so erstaunlich bleibt und neu. Ich freue mich, dass ich mich freu." Mit diesen Zeilen klingt Mascha Kalékos Gedicht "Sozusagen grundlos vergnügt" aus. Das wählte Rezitatorin und Chanteuse Alix Dudel (begleitet von dem Gitarristen Sebastian Albert) als Motto für ihr Programm mit Liedern und Lyrik der 1907 in Galizien geborenen und 1975 in Zürich verstorbenen deutsch-jüdischen Autorin Mascha Kaléko.

"Ich freue mich, dass ich mich an das Schöne und an das Wunder niemals ganz gewöhne. Dass alles so erstaunlich bleibt und neu. Ich freue mich, dass ich mich freu." Mit diesen Zeilen klingt Mascha Kalékos Gedicht "Sozusagen grundlos vergnügt" aus. Das wählte Rezitatorin und Chanteuse Alix Dudel (begleitet von dem Gitarristen Sebastian Albert) als Motto für ihr Programm mit Liedern und Lyrik der 1907 in Galizien geborenen und 1975 in Zürich verstorbenen deutsch-jüdischen Autorin Mascha Kaléko.

Bei "Friedberg lässt lesen" hinterließen die beiden Künstler beim zahlreich im Bibliothekszentrum Klosterbau erschienenen Publikum tiefen Eindruck. Erst nach lang anhaltendem Applaus und zwei Zugaben konnten sie den Ort des Geschehens verlassen. Sebastian Albert glänzte nicht nur mit virtuosen Soli unter anderem von Heitor Villa-Lobos, sondern war vor allem musikalischer Dialogpartner. Ohne seine Mitwirkung wäre der Abend nicht zu dem Erfolg geworden, als der er vielen Zuhörern noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Worin besteht eigentlich Mascha Kalékos Erfolgsgeheimnis, womit fasziniert sie Leser und Hörer bis auf den heutigen Tag? Es ist wohl – dafür lieferte die auf kluger Textauswahl fußende kongeniale Interpretation Alix Dudels erneut den Beweis – die Begegnung, ja Verschmelzung unterschiedlichster Temperamente und Gemütslagen, die in ihrer Lyrik und Prosa literarisch Gestalt werden. Melancholie und Weltschmerz als Grundstimmung: Mit ihrer tiefen, sonoren Stimme spricht und singt Dudel Texte, die dies unüberhörbar zum Ausdruck bringen, zum Beispiel "Ich und Du", wo es heißt: "Weil zwei Singulare noch kein Plural sind". Selbst rundum harmonisch scheinende Mann-Frau-Beziehungen tragen – so eine von Kalékos "Botschaften" – oft von Beginn an den Keim des Endes in sich. Als Kaléko ein Kind von einem Anderen erwartet, trennt sie sich von ihrem ersten Mann.

Schattenseiten

Zur Melancholie gesellen sich Komik, Heiterkeit – oft bis ins gewollt Kindliche hinein (zum Beispiel in "Kaka-du und Kaka-sie"). Freude am Sprachspiel und Paradox verleihen den Texten Kalékos zusätzlichen Reiz.

Ja, es stimmt: Hin und wieder lassen Kästner, Ringelnatz, manchmal auch die Schicksalsgenossin Else Lasker-Schüler grüßen. Doch Kaléko ist nicht Epigonin; sie übertrifft die anderen an Tiefe und auch Selbstreflexion. Auch in etlichen am Mittwochabend gehörten Texten schaut sie sich gleichsam selbst über die Schulter, hält mit sich einsame Zwiesprache.

Es war ein glücklicher Einfall Alix Dudels, anhand fiktiver Briefe an Mascha Kalék Informationen über deren unstetes Leben zu vermitteln. 1938 emigriert sie als Jüdin mit ihrem zweijährigen Sohn und zweiten Mann nach New York. Hier in der Fremde knüpft die "Philosophin der kleinen Leute" (wie Hermann Hesse sie nennt) enge Bande zu dem Emigranten Heinrich Heine – er wird ihr Lieblingsdichter. 1960 übersiedelt die Familie nach Jersusalem; 1968 stirbt dort ihr erst 32-jähriger Sohn, wenige Jahre darauf ihr Mann. Der letzte, 1973 erscheinende Gedichtband trägt den bezeichnenden Titel "Hat alles seine zwei Schattenseiten". Diese Schatten werden länger; die Stimmung verdüstert sich zunehmend. Eines der von Alix Dudel (der man noch stundenlang hätte lauschen können) in leisem Sprechgesang vorgetragenen Gedichte trägt die Überschrift "An mein Kind". Seine ergreifende dritte Strophe lautet: "Ich kann vor keinem Abgrund dich bewahren, hoch in die Wolken hängte Gott den Kranz. Nur eines nimm von dem, was ich erfahren: Wer du auch seist, nur eines – sei es ganz!".

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