1. Wetterauer Zeitung
  2. Wetterau
  3. Friedberg

Pferdegeschichte ist Menschengeschichte

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Gerhard Kollmer

Kommentare

koe_LesungPferde_290122_4c
Das Bild und der Buchtitel verraten sofort, mit was sich Stefan Schomann jahrelang beschäftigt hat. Er ist auf der Suche nach den wilden Pferden und hat darüber geschrieben. © Gerhard Kollmer

Friedberg (gk). Ihren Namen verdanken sie einem zaristischen Oberst namens Przewalski, der die letzten freilebenden Exemplare ihrer Art Ende des 19. Jahrhunderts in der westlichen Mongolei entdeckte. Im Unterschied zu den »Tarpanen« als Vorfahren unserer domestizierten Hauspferde sind die Przewalski-Urpferde (in ihrer Heimat am Nordrand der Wüste Gobi »Tachi« genannt) niemals gezähmt worden.

Über den Globus verstreut existierten in den 1960er Jahren weltweit nur noch etwa 30 von ihnen in Zoos. Im Münchner Tierpark Hellabrunn erblickte der vor Ort aufgewachsene Stefan Schomann eines der exotischen Tiere mit der charakteristischen Bürstenmähne und war sofort fasziniert. Die Begegnung wurde der Auslöser für seine mehrjährigen Recherchen über die »Tachi« und ihre Lebenswelt in Mittelasien. Daraus erwuchs das jüngst veröffentlichte umfangreiche, mit zahlreichen Illustrationen versehene Buch »Auf der Suche nach den wilden Pferden«. Der Autor - freier Journalist, Verfasser mehrerer Bücher und zahlreicher Artikel für GEO, Stern, Zeit und andere - stellte sein Werk am Donnerstagabend in der Buchhandlung Bindernagel im Rahmen von »Friedberg lässt lesen« in einer 90-minütigen kommentierten Lesung vor.

Schomann stieß damit auf große Resonanz bei den zahlreich erschienenen Hörerinnen und Hörern. Der Autor eröffnete mit seiner Lesung die aktuelle Saison der Reihe »Friedberg lässt lesen«. Schomanns Werk zeichnet sich dadurch aus, dass es über rein tierkundliche Informationen weit hinausgeht.

Reisen wie ein »Roadmovie«

Getreu seiner Devise »Pferdegeschichte ist Menschengeschichte« ist es eine Kulturgeschichte des Verhältnisses von Pferd und Mensch - beginnend bei den ca. 20 000 Jahre alten Wandbildern in der Höhle von Lascaux, die seit einigen Jahren nicht mehr zugänglich ist. Mehr als die Hälfte dieser großartigen Malereien stellt Pferde dar und zeugt davon, welche Rolle sie seit etwa 5 000 Jahren als Haustiere in der Menschheitsgeschichte gespielt haben - nicht zuletzt im Transport und in zahllosen Kriegen bis hin zum Ersten Weltkrieg.

Ebenso aufschlussreich wie solch kulturhistorische Exkurse sind Schomanns Schilderungen seiner zahlreichen Reisen in die Heimat der »Tachi«, deren Zahl sich in den letzten Jahrzehnten als Resultat von Auswilderungsprogrammen deutlich erhöht hat.

Die ungeheuren Weiten der Wüste Gobi und der kasachisch-mongolischen Steppe einschließlich der dort noch halbnomadisch lebenden Menschen üben - so Schomann - einen anhaltenden Reiz auf ihn aus. Es sind Landschaften jenseits von Raum und Zeit, in denen das Zeitgefühl sich nach längerem Aufenthalt zu verflüchtigen beginnt und die geographische Orientierung oft schwerfällt, wie es der Autor in heiteren Passagen im Stil eines »Roadmovies« beschreibt. All das ist eine Gegenwelt zur naturfernen westlichen Zivilisation, in der die Gesetze der unverstümmelten Natur noch gelten.

Auch die politischen Verhältnisse vor Ort werden nicht ausgespart. So erhält der Leser informative Hintergrundinformationen über den (ehemaligen) kasachischen Autokraten Nur Sultan Nasarbajew.

Am Schluss der Lesung wendet sich Schomann dem 1986 explodierten Kernkraftwerk Tschernobyl zu.

Warum? Zur Regenerierung der seit 35 Jahren von Menschen verlassenen verseuchten Region um die »strahlende« Ruine« an der ukrainisch-weißrussischen Grenze werden auch offenbar strahlungsresistente »Tachi« eingesetzt. So werden sie Teil einer nur scheinbar zerstörten Natur, die allmählich wieder zum Leben erwacht.

Auch interessant

Kommentare