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Ein Foodsharing-Schrank als Ergänzung zur Tafel? Die Linke will das initiieren. Der Friedberger Tafel-Vorsitzende Peter Radl meldet hygienische, aber auch rechtliche Bedenken an.

Diskussion über kostenlose Lebensmittelausgabe

Tafel-Vorsitzender kritisiert Foodsharing-Schrank und Gabenzaun: „Wer haftet bei Problemen?“

  • Jürgen Wagner
    VonJürgen Wagner
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In der Pandemie werden neue Formen entwickelt, um Bedürftige mit Lebensmitteln zu versorgen. Ein Foodsharing-Schrank ist für den Friedberger Tafel-Vorsitzenden Peter Radl keine gute Idee.

Herr Radl, Corona führt zu neuer Armut. Spüren Sie das, etwa an einer steigenden Zahl von Kunden?

Zur Zeit nicht. Wir haben Platz für Neukunden. Es gibt immer eine gewisse Fluktuation. Die Kunden haben wieder Arbeit, fallen aus Hartz IV raus oder erben. Viele Leute ziehen weg, und die, die neu hierher ziehen, wissen noch nicht, dass es die Tafel gibt. Obwohl wir überall Werbung machen: »Kommt zur Tafel, da kriegt ihr Lebensmittel, wenn ihr die Voraussetzungen erfüllt!« Das sind: Grundsicherung, Hartz IV, Sozialhilfe. Und bei geduldeten Flüchtlingen Familien mit Kindern. Diese vier Gruppen nehmen wir auf.

Und wer die Vorraussetzungen nicht erfüllt?

Wenn einer kommt, meine Frau etwa, mit einer Rente von 297 Euro, und sagt: Ich bin eine arme Rentnerin, gebt mir was, sagen wir: Nein, das machen wir nicht. Nicht ohne Bescheid vom Amt. Wer 10, 20 oder 100 Euro über dem Grundsicherungssatz liegt, fällt hinten runter. Wir haben mit unseren Lieferanten, vom Supermarkt bis zum kleinen Bäcker, vereinbart, dass wir die Lebensmittel, die sie spenden, an Bedürftige ausgeben und nicht an Leute, die das kaufen könnten. Die Geschäfte würden sich sonst ja selbst ins Knie schießen.

Wer unentschuldigt fehlt, muss bei Friedberger Tafel zahlen

Wer Fragen hat?

Kann immer dienstags von 10 bis 12 Uhr vorbeikommen und den Bescheid von Sozialamt oder Jobkomm mitbringen. Norbert Simmer macht die Aufnahme neuer Kunden.

Was hat Corona bei der Tafel verändert?

Es war bislang so: Wir vereinbaren mit den Kunden einen Termin, Tag und Uhrzeit. Von 14 bis 17 Uhr ist Ausgabe, in dieser Zeit versorgen wir etwa 120 Kunden. Von denen erwarten wir, dass sie pünktlich sind. Wer zu spät kommt, muss warten. Fehlt jemand unentschuldigt, muss er beim nächsten Mal den Korb, der beim letzten Mal für ihn bestimmt war, trotzdem zahlen.

Das klingt drastisch. Was sind die Gründe dafür?

Das Obst und Gemüse müssen wir abends wegschmeißen. Wir zahlen im Monat 400 bis 500 Euro Entsorgungskosten für Lebensmittel. Daran soll sich dieser Kunde beteiligen.

Die Lebensmittel gibt es bei der Tafel nicht kostenlos. Was steckt dahinter?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Sehr wichtig ist: Wir möchten nicht, dass sich die Kunden als Almosenempfänger empfinden. Mit der Bezahlung verbinden wir, dass der Kunde ein besserers Selbstwertgefühl entwickelt. Wer bezahlt, ist kein Almosenempfänger. Ein zweiter Grund: Unsere Kunden sollen nicht dankbar sein, das erwarten wir gar nicht. Sie dürfen gerne »Danke« sagen, klar. Aber eigentlich sind wir dankbar. Ich sage oft zu Kunden: ›Wenn Sie nicht wären, wär’s mir langweilig.‹ So geht es vielen unserer meist älteren ehrenamtlichen Helfer: Die freuen sich, wenn sie in der Tafel helfen können.

Bis jetzt keine Corona-Fälle in Friedberger Tafel

Was kostet die Kiste Lebensmittel?

2,50 Euro, für jede weitere Person 50 Cent. Eine dreiköpfige Familie zahlt also 3,50 Euro.

Haben Sie die Ausgabe in der Pandemie entzerrt?

Ja, wir haben mehr Wert gelegt auf Pünktlichkeit. Früher kommen und sich hier herumdrücken, das geht nicht mehr. Zu Beginn der Pandemie hatten wir vier Wochen geschlossen. Da haben wir überlegt, wie es weitergeht, welche Voraussetzungen wir schaffen müssen. So mussten die Kunden zeitweise draußen vor dem Fenster warten. Herein durfte niemand. Die Kunden reichten ihre Taschen rein, deuteten auf Ware, die Helfer haben die Taschen gefüllt. Das war ein arger Krampf.

Und momentan?

Seit den Lockerungen dürfen drei Kunden in den Laden, mit Kindern oder mit Begleitung bei Behinderten. Geht der eine an die Kasse, kann die andere zum Bauchladen. So geht das reihum.

Hatten Sie Corona-Fälle im Helferteam?

Nein. Allerdings sind einige Helfer, die Angst hatten, nicht gekommen.

Als die Tafel schließen musste, initiierte der UWG-Vorsitzende Friedrich Wilhelm Durchdewald einen Gabenzaun: Am Zaun des Bauamtes hingen Tüten mit Lebensmitteln. Was ging Ihnen durch den Kopf, als sie von dieser Aktion erfuhren?

Mir ging durch den Kopf: ›Warum hat keiner mit uns geschwätzt?‹ Wir haben die Kompetenz für Lebensmittelabgabe, aber mit uns hat keiner geredet.

Friedberger Tafel-Vorsitzender sieht auch Gabenzaun kritisch

Linke wollen Foodsharing-Schrank installieren und betreuen

Ein Foodsharing-Schrank funktioniert denkbar einfach: Alle Menschen können dort Lebensmittel hinbringen und kostenlos von dort mitnehmen. Die Linke hat im Friedberger Stadtparlament angeregt, in der östlichen Altstadt nicht nur eine weitere Büchertausch-Telefonzelle aufzustellen, sondern auch einen Foodsharing-Schrank. Wie die Stadtverordneten Lena Binsack sagte, wolle man damit der Lebensmittelverschwendung entgegenwirken: »Das ist ein kleiner Beitrag zur Klimakrise.« Die Schränke sollen auf einer »Grünfläche« gegenüber des »Roten Ladens« aufgestellt werden, die derzeit vorrangig der illegalen Entsorgung von Kleinabfällen und Zigarettenkippen dient. Betreuung, Überwachung und Kosten übernehme man selbst, sagte Binsack. Während Florian Uebelacker (Grüne) sagte, der Antrag gehe in die richtige Richtung, hatte Achim Güssgen-Ackva (FDP) Bedenken. Im Ausschuss für Stadtentwicklung soll weiterdiskutiert werden.

Sie sehen die Aktion demnach kritisch?

Aus rechtlicher und hygienischer Sicht gibt es viele Bedenken, so etwas zu machen. Was, wenn durch diese Lebensmittel jemand zu Schaden kommt und der, der es in den Verkehr bringt, haftet? Steht so im Gesetz! Der, der den Gartenzaun initiiert hat, ist dann der Dumme. Darüber hat sich vorher niemand Gedanken gemacht. Was, wenn jemand die Lebensmittel vergiftet, weil er andere schädigen will? Nein, das kann es nicht sein, dass irgendwelche wildfremden Leute etwas an den Zaun hängen. Was ist in der selbstgemachten Marmelade drin? Genügt die den Hygienevorschriften? Diese Fragen waren alle nicht beantwortet. Ich habe das damals dem Iniator Friedrich Wilhelm Durchdewald gesagt. Man hätte das anders machen müssen.

Es gibt eine neue Idee: Die Linke will einen Foodsharingschrank aufstellen und sich auch darum kümmern. Das System gibt es in anderen deutschen Städten. Spricht etwas dagegen?

Es gibt die gleichen Bedenken wie beim Gabenzaun. Wer haftet bei Problemen? Wer sagt, dass sich nur Bedürftige bedienen? Ein Foodsharingschrank muss immer öffentlich zugänglich sein. Es sei denn, da steht jemand von der Linken daneben und macht daraus eine Straßentafel. Nächstes Problem: Die Kühlung. Die Kühlkette darf nicht unterbrochen werden. Wer kontrolliert das? Wir nehmen kühlpflichtige Lebensmittel erst dann aus dem Kühlschrank, wenn der Kunde vor uns steht. Wir haben ein Tiefkühlauto, zwei Kühlautos, ein Tiefkühllager hier und zwei Tiefkühlhäuser. Die Kühlkette ist immer gewährleistet. Das sind wir unseren Kunden schuldig, das ist auch eine Frage der Achtung. Ich bedauere, dass wir nicht vorab angesprochen wurden. Darüber hätte man reden können. Die Linke kann uns gerne ansprechen.

Jetzt wird nach der Antragstellung darüber geredet, die Stadtverordneten wollen im Ausschuss für Stadtentwicklung darüber reden. Herr Radl, müssen Menschen in Deutschland verhungern?

Nein. Wer nicht verhungern will, muss in Deutschland nicht verhungern. Es sei denn, man gibt sein Geld für Alkohol statt für Nahrung aus.

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