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In eindringlichen Szenen beschäftigt sich die Theatercompagnie Tagträumer mit dem Thema Gewalt gegen Frauen - vor allem in der »Dritten«, aber auch der westlichen Welt.

Pandämonium männlicher Gewalt

  • VonGerhard Kollmer
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Friedberg (gk). »Wir fordern die Hälfte der Welt!« Mit diesem Schlachtruf begehrte die englische Suffragettenbewegung um 1900 gegen politische Unterdrückung und häusliche Gewalt auf. Einige ihrer Forderungen, wie die Einführung des Frauenwahlrechts, sind heute in vielen Ländern Realität.

An der weltweiten, vor allem sexualisierten Gewalt gegen Frauen, an ihrer Macht- und Rechtlosigkeit hat sich jedoch bis heute wenig geändert. Noch immer wird ihnen in vielen, vor allem muslimischen, Ländern jegliche Mitwirkung am politischen Leben verweigert. Noch immer sind sie, beginnend in der Familie, wehr- und schutzlos männlicher Willkür ausgesetzt. Noch immer werden sie als »Lohnsklavinnen« ausgebeutet und in die Prostitution gezwungen. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen.

Aufwühlende Variationen

Die italo-schweizerische Autorin Emanuelle delle Piane hat in über 30 Hörspielen, Kurzgeschichten und Theaterstücken, von denen mehrere auch auf Deutsch vorliegen, das Thema »Unterdrückung der Frau« thematisiert. Im großen Saal des Alten Hallenbads ging nun am Samstag und Sonntag vor jeweils 70 Zuschauerinnen und Zuschauern und im Beisein der Autorin die deutsche Erstaufführung ihres jüngsten Stücks »Variations sérieuses« erfolgreich über die Bühne.

In eindringlichen, beklemmenden Szenen variierten acht weibliche Darstellerinnen und zwei männliche Darsteller der Theatercompagnie Tagträumer das Thema »Gewalt gegen Frauen« - vor allem in der »Dritten«, aber auch der westlichen Welt.

Ein junges Mädchen (verkörpert von Anja Becker) tanzt fröhlich über die Bühne und versucht, ihren kleinen Bruder im Off fast beschwörend zum gemeinsamen Spiel zu bewegen. Vergeblich. Er lässt sich nicht hören und sehen. Schließlich träumt sich die Schwester in das hinein, was ihr in der Realität verweigert wird - ein freies Leben ohne Angst und Demütigung.

»Mit Mädchen spielt man nicht, und sei es auch deine Schwester«. Diese geist- und gefühllose Maxime wird den Söhnen vor allem im islamischen Kulturkreis von ihren Eltern eingebleut, die es ihrerseits von ihren Eltern zu hören bekamen usf. Statt unbeschwert mit seiner Schwester spielen zu dürfen, hat er über ihre »Ehre« zu wachen. Bereits diese zweite der zwölf »Variationen« berührt, greift ans Herz.

In der folgenden Szene steht ein uniformierter Mann (Hans-Peter Schupp) auf der kahlen Bühne und schwärmt von Vergewaltigung als »Kriegswaffe«, die nicht tötet. Denn wer durch Vergewaltigung (und Folter) Angst und Schrecken verbreitet, muss nicht mehr zur Waffe greifen, trägt also gewissermaßen zur »Humanisierung« des Krieges bei. Diese an Zynismus unüberbietbare »Logik« lässt den Atem stocken, das Blut gefrieren.

Kann ein Mensch bzw. Mann so weit sinken? Offenbar ja. »Schwule« Männer gelten in vielen Ländern weiterhin als pervers. Sie müssen operativ oder wie auch immer von ihrer »Krankheit« befreit werden. Dass nicht der »Schwule«, sondern diese »Logik« pervers ist, wird in der fünften Variation von Frederic Jennewein als »geheilt« aus der Klinik entlassenem Sohn und Uta Eckhard als seiner schweigend am Tisch sitzenden Mutter eindrucksvoll vor Augen geführt.

Die musikalische Begleitung der zwölf Variationen übernahm Susanne Resch am Saxofon, während Silvia Sauer für die passende Geräuschkulisse sorgte.

Groteske »Gangbang-Shows«, millionenfache Verstümmelung afrikanischer Frauen durch Genitalbeschneidung, Abtreibung von Mädchen in Indien.

All diese offene, aber auch subtile Gewalt (Mobbing, etc.) gegen Frauen brachten Regisseurin Veronika Brendel und ihre professionell agierenden Darstellerinnen und Darsteller in aufrüttelnden Variationen auf die Bühne - wofür sie nach zwei Stunden zu Recht mit lang anhaltendem Beifall belohnt wurden.

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