Nicht jedes Video, das es im Internet zu sehen gibt, ist für Kinder geeignet. Pädagoge Guido Glück rät Eltern deshalb, ihre Kinder nicht mit einem Gerät alleine zu lassen, sondern stets zu kontrollieren, was sie sich ansehen. 	FOTO:S: DPA/ALH
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Nicht jedes Video, das es im Internet zu sehen gibt, ist für Kinder geeignet. Pädagoge Guido Glück rät Eltern deshalb, ihre Kinder nicht mit einem Gerät alleine zu lassen, sondern stets zu kontrollieren, was sie sich ansehen. FOTO:S: DPA/ALH

Gefahren im Internet

Pädagoge Guido Glück: »Wir müssen unsere Kinder schützen«

Tablet, Smartphone und Laptop gehören für viele zum Alltag. Und auch Kinder lernen immer schneller, mit den Geräten umzugehen. Das Internet kann für sie aber auch schnell gefährlich werden.

Am Frühstückstisch kurz eine E-Mail schreiben. Mittagessen per App bestellen und abends mit den Freunden chatten. Das alles geht dank dem Smartphone. Für viele ist es zum täglichen Begleiter geworden - innerhalb kürzester Zeit. Für Guido Glück ging diese Entwicklung zu schnell. » Um 50 Millionen Menschen zu erreichen, haben PC und Internet gerade mal vier Jahre gebraucht«, sagt der Pädagoge und Leiter der Fachstelle Suchtprävention. Welche Probleme das mit sich bringt, erklärt Glück im Interview.

Herr Glück, Sie sagen, dass wir von der Digitalisierung geradezu überrollt worden sind. Warum?

Weil wir eigentlich keine Eingewöhnungszeit hatten. Dass wir als Erwachsene wissen, wie man sich in unserer Gesellschaft benimmt, haben wir 10, 15 oder 20 Jahre lang gelernt. Täglich und mit vielen Lehrmeistern: Mama, Papa, Erzieher, Lehrer, Oma, Opa und viele mehr. Die Digitalisierung ist wie ein Tsunami über uns gekommen. So schnell, dass wir kulturell keine Chance hatten, darauf zu reagieren. Wir haben es einfach mitgemacht. Wir sind im Prinzip in ein piekfeines Restaurant eingelassen worden und wussten nicht, wie man sich dort benimmt. Wir haben für alles Regeln, wie man sich begrüßt, wie man sich bestimmten Personen gegenüber verhält. Aber für den digitalen Bereich fehlen sie.

Solche Regeln wären aber notwendig?

Ja. Man hat sich an das Smartphone gewöhnt, aber sich nie Gedanken gemacht, wie man es sozialverträglich und vernünftig nutzt. Jetzt beschweren wir uns, dass die Jugend sich nur noch hinterm Smartphone versteckt. In Asien gibt es Gehwege, die in Handynutzer und Nicht-Handynutzer unterteilt sind, weil es so viele Unfälle gab. Andere deutsche Städte haben an Fußgängerampeln LED-Streifen in den Boden eingebaut, weil die Leute die Fußgängerampeln übersehen.

Regeln lernt man ja am besten im Kindesalter. Wie wichtig ist die Medienerziehung?

Sehr wichtig. Wenn Kinder einen Laptop, ein Smartphone oder ein Tablet ungefiltert in die Hand bekommen, dann kommen sie im Netz oft in Welten, in die sie nicht hingehören. Wir Erwachsene sind in der Verantwortung, unsere Kinder davor zu schützen.

Wie können wir sie schützen?

Da gibt es viele Möglichkeiten. Oft sieht man Kleinkinder mit einem Smartphone in der Hand. Entwicklungspsychologisch weiß man, dass Kinder bis drei Jahre weder emotional, noch kognitiv, noch verbal fähig sind, mit solchen Medien umzugehen. Ich bin kein Medienfeind, der sagt, Kinder sollten nie ein Smartphone in der Hand halten. Man muss aber vernünftig damit umgehen.

Was ist denn in welchem Alter angemessen?

Dazu kann man pauschal keine Aussage machen. Ein Foto auf dem Handy kann auch ein kleines Kind anschauen. Das ist wie blättern im Fotoalbum. Man kann auch mal Musik hören oder ein altersgemäßes Spiel spielen. Aber die Eltern haben die Entscheidung darüber, wie das Kind das Medium nutzt. Sie geben ihm das Gerät auch nur, wenn sie es beaufsichtigen können. Wenn ich meinem Kind einen Laptop, ein Smartphone, ein Tablet oder auch eine Spielekonsole mit ins Kinderzimmer gebe, gebe ich meine Aufsichtspflicht ab. Dann darf ich mich nicht wundern, wenn das Kind auf nicht altersgemäßen Seiten landet.

Dafür gibt es aber doch Schutzprogramme?

Auch ein solches Programm bietet keine hundertprozentige Sicherheit. Die älteren Kinder googeln als erstes, wie sie Schutzprogramme umgehen können. Das schaffen sie auch.

Eltern komme also aus der Verantwortung nicht raus?

Nein. Ein Beispiel: Kein Elternteil würde ein dreijähriges Kind beim Spaziergang in der Stadt alleine lassen. Das übt man, bis die Kinder es sicher können. Da nimmt man sich viel Zeit. Genau der gleiche Aufwand ist bei den digitalen Medien nötig.

30 Minuten Fernsehen und dann ist Schluss. Diesen Satz kennt jeder. Inwieweit sollte man den Medienkonsum zeitlich begrenzen?

Eine Begrenzung ist eine Regel. Daher ist sie sinnvoll. Alles Lernen besteht aus Regeln. Feste Zeiten nutzen aber nichts, wenn der Inhalt nicht kontrolliert wird. Es kommt immer auf beides an. Die Eltern müssen die Kinder außerdem medial begleiten. Wenn Kinder etwas Neues sehen, wollen sie Fragen stellen, sie wollen vieles erklärt haben.

Und wie findet man die passende Zeit?

Da kann ich ebenfalls keine pauschale Aussage machen. Ich frage Eltern immer: Was soll Ihr Kind so alles können? Der Tag ist begrenzt. In den verfügbaren Stunden muss alles untergebracht werden. Von Schule und Hausaufgaben über das Helfen im Haushalt, den Sport und vielleicht den Besuch bei der Oma. Da bleibt nur ein kleines Zeitfenster für Mediengebrauch. Sonst bleibt etwas anderes auf der Strecke. Etwa: Wie räumt man auf? Wie hört man gut zu? Wie setzt man seine Ideen durch?

Kann sich ein zu hoher Medienkonsum also auf die Entwicklung des Kindes auswirken?

Definitiv. Das Risiko, dass sich Kinder nicht altersgemäß entwickeln, steigt überproportional mit dem zu hohen Mediengebrauch.

Verbote durchzusetzen kann schwierig sein.

Ja. Vielleicht hilft da eine andere Sichtweise: Wenn ich den Medienkonsum beschränke, verbiete ich meinem Kind nichts, sondern ich erlaube ihm, sich richtig zu entwickeln. Es darf Neues lernen. Und das hat dann, so lästig es ist, auch mit Grenzen setzen zu tun.

Die aktuelle Zeit ist für viele Eltern eine Herausforderung. Darf es da auch mal ein bisschen mehr Medienkonsum sein?

Ja, man darf auch mal fünf gerade sein lassen. Solange man trotzdem alters- und kindgerechte Inhalte aussucht. Eine Grenze hat man sich mit den Kindern in der Regel aber hart erarbeitet. Will man diese Arbeit in der Corona-Zeit zunichte machen? Nein. Also sollte es bei Ausnahmen bleiben.

Und wenn Mama und Papa selbst den ganzen Tag am Handy oder Tablet hängen?

Kinder schauen sich von den Eltern ab, wie die Welt funktioniert. Wenn die Eltern in der Freizeit ständig mit Handy oder Tablet beschäftigt sind, will das Kind das auch. Es ist also wichtig, was die Eltern vorleben. Sie können nur Regeln durchsetzen, die sie auch selbst befolgen.

Medienerziehung: Tipps zum Umgang mit dem Smartphone

Guido Glück hat ein paar Tipps für einen sozialverträglichen Umgang mit dem Smartphone zusammengestellt. Der Smartphone-Knigge sei aber kein starres Regelwerk. »Ich sehe es mehr als Anregung und Diskussionsgrundlage.« Regeln sollten in der Familie festgelegt werden. »Ein Smartphone ist praktisch. Manchmal tut es aber auch gut, es mal auszuschalten.«

1. Menschen haben Vorrang! Leg das Handy zur Seite, wenn du mit jemandem redest.

2. Frag deinen Gesprächspartner um Erlaubnis, wenn du ihn via Lautsprecher auf Mithören schalten möchtest.

3. Wenn dir jemand sein Smartphone gibt, um ein Foto anzuschauen, wische nicht unerlaubt weiter.

4. Mach niemandem einen Vorwurf, wenn er dir nicht sofort auf eine Nachricht antwortet.

5. Starre nicht auf das Display von anderen Smartphones. Der Inhalt des Bildschirms geht dich nichts an.

6. Bei Mahlzeiten oder anderer gemeinsamer Zeit sollte das Smartphone aus oder lautlos sein.

7. Wenn du in der Öffentlichkeit Musik hörst, Videos schaust oder Spiele spielst, benutze Kopfhörer. Achte dabei auf eine angemessene Lautstärke, damit niemand belästigt wird.

8. Keine Bilder von Freunden oder Familienmitgliedern ohne deren Wissen und Erlaubnis bei Facebook oder anderswo im Internet veröffentlichen.

9. Smartphones haben am Bett nichts zu suchen. Vor dem Schlafengehen sollten alle Familienmitglieder ihr Gerät an einem anderen Ort ablegen.

10. Such deinen Klingelton mit Bedacht aus. Ein dezenter Klingelton ist ebenso wichtig wie die passende E-Mail-Adresse.

»Wenn man Mitmenschen nach ihrem letzten, beeindruckenden Erlebnis fragt, sind die Antworten etwa: ein Abenteuer, das Gefühl, verliebt zu sein oder tolle Feste, die man gefeiert hat«, sagt Guido Glück. »Das, was uns wirklich wichtig ist, kann man nicht mit dem Smartphone erzeugen.«

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