Ostern ist ein Fest der Freude, und die will sich Pfarrer Bernd Weckwerth nicht nehmen lassen. Den Gottesdienst am Karsamstag wird er (fast) alleine halten, aber in Gedanken und im Herzen ist die Gemeinde mit dabei. 
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Ostern ist ein Fest der Freude, und die will sich Pfarrer Bernd Weckwerth nicht nehmen lassen. Den Gottesdienst am Karsamstag wird er (fast) alleine halten, aber in Gedanken und im Herzen ist die Gemeinde mit dabei. 

Ostern ohne Gottesdienste

Ostergottesdienst: Wenn der Pfarrer alleine auf der Kanzel steht

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Am Ostersamstag wird Pfarrer Weckwerth einen Gottesdienst halten, wie ihn Ockstadt noch nicht erlebt hat. Und auch nicht erleben wird. Bis auf drei weitere Christen wird die Jakobuskirche leer sein.

Osternacht heißt für katholische Christen: Osterfeuer auf dem Kirchhof und Kerzenschein, feierlicher Einzug in die bis auf den letzten Platz besetzte Kirche, wo erstmals seit Gründonnerstag wieder die Orgel spielt und die Glocken läuten. Die Auferstehung Jesu Christi wird im großen Stil gefeiert: mit Wechselgesängen zwischen Pfarrer und Gemeinde, mit der Weitergabe des Lichts, mit Lesungen, Tauferneuerung und Eucharistie.

Ostern ist das Fest der Freude, und die entsteht am zuverlässigsten, wenn man sie teilt. Schwierig, in Zeiten von Corona. Aber vielleicht, nein, hoffentlich steckt in der Krise auch ein Neuanfang, sagt Bernd Weckwerth, Pfarrer der katholischen Pfarrgemeinden St. Jakobus Ockstadt und St. Michael Rosbach. "Viele Menschen spüren jetzt, dass wir alle in einem Boot sitzen und dass das Miteinander besser ist als das Gegeneinander." Daraus könne man Kraft schöpfen, für einen selbst und für die Gesellschaft.

Nur vier statt 700 Teilnehmer

Den Hauptgottesdienst am Ostersamstag um 21 Uhr wird Pfarrer Weckwerth alleine gestalten. "Die Tür wird geschlossen sein." Bis zu fünf Gemeindemitglieder sind zugelassen. Außer dem Küster wird ein Ehepaar anwesend sein. "Die Gemeindemitglieder wissen: Ich feiere diesen Gottesdienst stellvertretend für die gesamte Gemeinde." Bis zu 700 Besucher passen in die Ockstädter St. Jakobuskirche, den heimlichen "Dom der Wetterau". In Sachen Osternacht gibt sich Weckwerth pragmatisch, ihm bleibt keine andere Wahl: "Ich schaue mir um 23.30 Uhr die Osternacht aus dem Mainzer Dom im ZDF an. Das ist für die Gemeindemitglieder eine Gelegenheit, den Bischof zu erleben. In Ockstadt macht es keinen Sinn, großen Aufwand zu betreiben und die Osternacht fürs Internet zu filmen."

Wichtig sei, das Gemeindeleben aufrecht zu halten. Das funktioniere. Am vergangenen Palmsonntag steckte Weckwerth wie in all den Jahren zuvor Palmzweigen an den Eingang der Kirche. Auch ohne Gottesdienst holten die Gläubigen ihre Zweige ab, erzählt Weckwerth. Auch Spendenaufrufe würden trotz Corona beachtet: "Die Hilfswerke rechnen mit hohen Einbußen."

Hilfsangebote für Alleinstehende

Auch sonst wird manches getan, um das Gemeindeleben in Schwung zu halten. Der Pfarrgemeinderat hat Menschen, die sich einsam fühlen, Gesprächsangebote gemacht. Der ökumenische Jugendgottesdienst mit Kreuzweg über den Kirschenberg am Karfreitag, an dem regelmäßig bis zu 200 jungen Menschen teilnahmen, kann alleine mit einer Handy-App abgeschritten werden; Infos dazu gibt es im Schaukasten an der Kirche. Ostern ist und bleibt für Weckwerth eine frohe Botschaft. Sein Osterwunsch in Zeiten der Corona-Krise lautet: "Ich wünsche mir, dass die Menschen auf diesem Wege neu anfangen, über Dinge nachzudenken und nicht, dass alles wie so oft nur abgehakt und nach den großen Festtagen vergessen wird."

Pfarrgemeinderatsvorsitzende Angela Wätjer erzählt vom Sonderblatt mit Impulsen zu den Osterfeiertagen, das katholische und evangelische Christen in Ockstadt an alle Haushalte verteilt haben. "Auf der Rückseite stehen alle TV-Gottesdienste." Wer kein Internet habe, bekam den Text eines Wortgottesdienstes ausgedruckt nach Hause gebracht. "Rund 30 mal haben wir den Text verteilt."

Den Ostergottesdienst könne man auch am Fernseher miterleben. "Schlimmer ist, wenn Menschen durch die Virusepidemie überhaupt keine sozialen Kontakte mehr haben. Es gibt Menschen, die jetzt sehr einsam sind." Gesundheit gehe momentan vor, sagt Wätjer. Trotzdem halte man die St. Jakobuskirche über Ostern für Gebete offen - mit der Maßgabe, dass stets nur zwei Menschen das Gebäude betreten.

Vormittags arbeiten, mittags der Frau beim Eierfärben helfen und um 17 Uhr Feierabend - der erste Teil des Ostersamstag werde nicht anders als andere Ostersamstage auch, sagt Pfarrgemeinderatsmitglied Uli Henritzi. Nur die Osternacht wird anders, die werde er am Fernseher verfolgen, "notgedrungen". Was vielen Ockstädtern auch fehlen wird, ist das "Nachspiel" der Osternacht: Nach dem Gottesdienst schenkt der Pfarrgemeinderat seit ein paar Jahren im Kirchhof Wein aus. Dazu gibt’s türkisches Fladenbrot, das Osterfeuer knistert und wärmt, stets herrscht fröhliche Stimmung, gerne bis nachts um halb Eins. "Das wird fehlen", sagt Henritzi. "Aber das Leben geht weiter."

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