Krummer als eine Banane ist die Pfeife durch ihr Gewicht geworden. Theo Hölper (l.) und Orgelbauer Kilian Gottwald putzen sie.
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Krummer als eine Banane ist die Pfeife durch ihr Gewicht geworden. Theo Hölper (l.) und Orgelbauer Kilian Gottwald putzen sie.

Orgelsanierung: Ausgebaut und durchgepustet

Friedberg (ini). Gar nicht so einfach, die bis zu zweieinhalb Meter langen Holzpfeifen die enge Wendeltreppe von der Empore in den Kirchenraum herunter zu bugsieren. Das erforderte höchste Konzentration von den Männern, die vergangene Woche in der katholischen Heilig-Geist-Kirche die dortige Orgel im wahrsten Sinne des Wortes auseinander nahmen.

Die Ende der 70er Jahre gebraucht gekaufte Orgel wird einer gründlichen Reinigung unterzogen. Außerdem wird das Instrument durch eine technische Sanierung dem Kirchenraum, für den sie ursprünglich nicht konzipiert war, klanglich besser angepasst.

Mehr als 1000 Pfeifen waren es, die Orgelbaumeister Kilian Gottwald aus Amöneburg bei Marburg mit Hilfe von Elmar Egerer, Hubert Kaufhold, Theo Hölper und Dr. Markus Büchele ausbaute. Anschließend pusteten die Helfer die Pfeifen mit Pressluft durch und wuschen sie aus, um Staub und Schmutz von mehr als drei Jahrzehnten zu entfernen. Nach elf Stunden war die Arbeit getan, das Orgelgehäuse bis auf die Prospektpfeifen leer, alle Pfeifen durchgeblasen, ausgewaschen und in Kästen sortiert zur Lagerung bis zum Wiedereinbau um das Taufbecken abgestellt. "Das ging außergewöhnlich schnell", lobte der Orgelbaumeister die ehrenamtlichen Helfer.

Die Orgel mit zwanzig Registern ist 1959 von der Firma Walcker für die Kirche Maria Himmelskron in Heusenstamm gebaut worden. "18.12.1959" und der Name "Eisenmann", wahrscheinlich der Orgelbauer, sind auf einer Pfeife mit Hand eingeschlagen. 20 Jahre später wurde sie von der katholischen Kirchengemeinde Mariä Himmelfahrt für 50 000 Mark gekauft und für weitere 100 000 Mark in die 1960 geweihte Heilig-Geist-Kirche eingebaut. "Der Einbau wurde damals recht sorgfältig gemacht, und die Größe der Orgel passt zum Kirchenraum", urteilt Gottwald, der 30 Jahre Erfahrungen im Orgelbau hat. Allerdings wurde das Instrument nie an den Kirchenraum angepasst.

Es sind zwei Aufgaben, die der Orgelbaumeister jetzt erfüllt. Da ist zum einen die routinemäßige Wartung und Reinigung, die bei Orgeln etwa alle 20 Jahre durchgeführt werden sollte. "Dabei werden alle Pfeifen ausgebaut, durchgeblasen, ausgewaschen und wieder eingebaut", erklärt Gottwald. Verschlissene Teile werden ersetzt, das Instrument betriebssicher gemacht. Für die Organisten dürfte die Arbeit nach der Sanierung wesentlich einfacher werden.

"Jetzt ist es schwierig, präzise und genau zu spielen", zeigt Gottwald am Spieltisch. Die Tasten müssen teils weit herunter gedrückt werden, damit ein Ton erklingt. Erschwerend kommt hinzu, dass jede Taste ein wenig anders funktioniert, manche Töne sogar überhaupt nicht mehr.

Viel interessanter und für die Gemeinde auch hörbar ist die klangliche Anpassung des Instruments an den Kirchenraum und damit an die geänderten liturgische Bedingungen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. "In den 50er Jahren war es Mode, dass Orgeln einen scharfen, spitzen, glasklaren Klang hatten. Alles Barocke, Weiche wurde abgelehnt", sagt Gottwald. Durchhörbarkeit hieß das Schlagwort. Der Zuhörer sollte Strukturen in der Musik erkennen statt Emotionen zu empfinden. "Früher wurden rationale, klare Strukturen bevorzugt", erläutert der Orgelbaumeister, schränkt aber ein: "Das war die Meinung von Sachverständigen. Die Kirchenbesucher wurden nicht gefragt. Es wurde vergessen, dass die Musik auch für den Menschen da sein sollte." Heute werden wieder poetische und farbige, warmherzige Töne zugelassen.

Für die Orgel der Heilig-Geist-Kirche bedeutet das, dass mehrere Register überarbeitet und ein Register, Sesquialtera, eine Solostimme für Liedvorspiele, neu hinzugefügt werden. Fast alle Pfeifen wird der Orgelbaumeister nachbearbeiten, um ihnen einen weicheren Klang zu verleihen. Durch die Vergrößerung der Öffnungen soll er runder gemacht werden. Etwa 200 kleine Pfeifen werden komplett ersetzt. Der höchste Ton der Orgel von fast 14 000 Hertz, ein G3 der nur fünf Millimeter große Sifflöte, und der tiefste von 32 Hertz bleiben unverändert. Einige der aus einer Zink-Blei-Legierung gefertigten Pfeifen sind durch ihr Gewicht krumm geworden und müssen wieder gerade gebogen werden.

In etwa vier Wochen soll die Orgel für eine neues Klangerlebnis sorgen. Die Kosten für die Sanierung werden auf 30 000 bis 40 000 Euro geschätzt.

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