Dr. Kurt Schmidt (Frankfurt) moderiert die Diskussion.
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Dr. Kurt Schmidt (Frankfurt) moderiert die Diskussion.

Organspende-Diskussion: Was heißt schon »Hirntod«?

Friedberg (gk). Die Zahlen sprechen für sich: Jährlich werden weltweit etwa 4000 Herztransplantationen vorgenommen. Die Kehrseite: In Europa sterben jährlich etwa 1000 Menschen, die nicht rechtzeitig ein Spenderorgan erhalten. Das sorgt für Gesprächsstoff.

Die Zahl der Organspenden in Deutschland ist seit 2010 deutlich rückläufig – mit steigender Tendenz. Angesichts von jährlich etwa 800 000 Verstorbenen in Deutschland fanden 2013 gerade einmal rund 800 Organspenden »Hirntoter« statt – also ein Tausendstel.

Diese und andere Zahlen präsentierte Dr. Manfred Richter, Herzchirurg und Transplantationsbeauftragter der Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim, auf einer hochkarätig besetzten Gesprächsrunde am Montagabend im Kreishaus in Friedberg. Zahlreiche Zuhörer waren zu der von der Hospizhilfe Wetterau organisierten Veranstaltung gekommen.

Nach Grußworten von Landrat Joachim Arnold und der Vorsitzenden der Hospizhilfe, Pfarrerin Gisela Theiss, kristallisierte sich bald heraus, dass es grundsätzlich nicht möglich ist, über das Für und Wider von Organspenden zu einem alle Seiten befriedigenden Konsens zu gelangen. Zu unterschiedlich sind die medizinischen, ethisch-moralischen, theologisch-philosophischen und juristischen Positionen. Darauf wies Dr. Kurt Schmidt, Leiter des Zentrums für Ethik in der Medizin am Frankfurter Markuskrankenhaus, als kundiger Moderator der Podiumsdiskussion hin. Während auf bewusster Entscheidung beruhende Organspenden Lebender (z.

B. des Außenministers Frank-Walther Steinmeier an seine Frau) ethisch-medizinisch unbedenklich sind, werden um die Organentnahmen bei »Hirntoten« erbitterte Kontroversen geführt – auch wenn diese bei Vorliegen eines Organspenderausweises oder, bei dessen Fehlen, einer Entscheidung der Angehörigen juristisch korrekt sind.

Warum dies so ist, zeigte eine weitere Teilnehmerin an der Podiumsdiskussion auf. »Wenige Spenderorgane müssen klug verteilt werden«:, sagte Dr. Gertrud Greif-Higer, Psychosomatikerin und Transplantationsmedizinerin an der Uni Mainz. Die verdeutlichte, dass bereits diese Problematik nicht nur medizinische, sondern auch ethische Fragen aufwirft – und immer wieder zu Skandalen wie etwa zuletzt an der Göttinger Universitätsklinik führt.

Aber was bedeutet eigentlich »Hirntod«? Dieser schillernde Begriff wurde vom Anästhesisten Dr. Martin Stahnke kritisch durchleuchtet. Funktionsfähige, lebende Organe können nur einem noch Lebenden, keinem Leichnam, entnommen werden. So lebt denn auch der »Hirntote« noch – angeschlossen an Geräte, die seine elementaren Körperfunktionen (Blutkreislauf, Rückenmark etc.

) zumindest für die Zeit der Organentnahme aufrechterhalten. Da die Transplantationsmedizin bis heute nicht sicher ist, ob der »Hirntote« bei einem Eingriff Schmerz empfindet, finden Organentnahmen in der Regel unter Narkose statt. Auch wenn ein Hirntoter, im Unterschied zum Komapatienten, irreparabel »zum Tod verurteilt« ist, das heißt nach Beendigung »lebenserhaltender« Maßnahmen in aller Regel sehr schnell sterben wird, bestreiten Initiativen wie »KAO« (Kritische Aufklärung über Organtransplatantion) die Legitimität von Organentnahmen bei »Hirntoten«. Begründung: Dieser Begriff sei lediglich ein juristischer Vorwand, um straffrei Organe entnehmen zu können.

Vor allem aber kritisieren die Kritiker die Herabwürdigung noch lebender Menschen zum »Ersatzteillager«, dem beliebig Organe entnommen werden können. In eindrucksvoller, bewegender Weise schilderte eine Zuhörerin, deren 15-jähriger Sohn durch einen Unfall »hirntot« wurde, die deprimierenden Begleitumstände der Organentnahme, nachdem sie und ihr Mann unter großem Druck ihre Zustimmung gegeben hatten.

Und was ist mit der Pietät?

Dr. Dirk Preuß, Mediziner und Theologe an der Katholischen Hochschulgemeinde Frankfurt, brachte den Begriff »Pietät« ins Spiel, um noch einmal auf die ethische Dimension der Problematik hinzuweisen. Vor seinem definitiven biologischen Tod sei auch der Hirntote noch Person, kein »lebender Leichnam«. Ihm gebühre Respekt, »Pietät« – auch wenn dies zulasten nüchterner medizinischer Nützlichkeitserwägungen gehe.

Nach gut zwei Stunden endete eine Veranstaltung, deren Thema jeden Einzelnen vor die Entscheidung stellt: Bin ich, trotz aller Bedenken, zur Spende meiner Organe bereit, oder lehne ich sie ab?

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