Reha-Lehrer Jürgen Gruber zeigt, wie man sich mit dem Langstock in der Stadt bewegt.
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Reha-Lehrer Jürgen Gruber zeigt, wie man sich mit dem Langstock in der Stadt bewegt.

»Woche des Sehen«: Friedberger Blindenschule informiert

Ohne Augenlicht über die Straße: Plötzlich wird’s laut

  • Jürgen Wagner
    VonJürgen Wagner
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Wie fühlt es sich an, ohne Augenlicht die Straße zu überqueren? Zur »Woche des Sehens« macht unser Reporter in Friedberg den Test und fühlt sich mit Blindenstock schnell orientierungslos.

Friedberg – Den meisten Passanten dürften die taktilen Bodenleitsysteme vor Fußgängerampeln nicht größer auffallen. Es gibt sie an vielen Orten, man hat sich an den Anblick gewöhnt und weiß: Sie ermöglichen Blinden und Sehbehinderten das Überqueren einer Straße. Und da es unterschiedliche Formen von Bodenplatten gibt, mit Noppen, Längs- und Querrillen, dürfte so eine Straßenüberquerung für Blinde doch eine Klacks sein! Denkt der Laie und irrt sich gewaltig, sobald er selbst diese Aufgabe meistern soll.

Meine erste Wahrnehmung, als ich die Augenbinde aufsetze und den Langstock in der Hand halte: Es wird laut. Überall Geräusche. Als hätte jemand den Lautsprecher aufgedreht. Motorenbrummen, Klappern und Rascheln, in der Ferne Hupen, rings um mich Stimmengewirr. Alles überlagert sich. Wie soll man sich da bloß orientieren?

Die Antwort halte ich in der Hand: ein faltbarer Langstock. Die Größe ist variabel, sollte aber bis zu den Achselhölen reichen, erklärt Jürgen Gruber. Der 60-Jährige ist Rehabilitationslehrer an der Johann-Peter-Schäfer-Schule für Blinde und Sehbehinderte. Er zeigt, wie ich den Stock halten muss, damit ich ihn bequem von links nach rechts schwenken kann, so weit, wie die Schultern breit sind. Auch der Winkel ist wichtig. Damit ich nicht hängenbleibe. Ich taste mich vorsichtig vor und bleibe hängen.

Noppen, Rillen und ein Piepen

Der Stock verfängt sich in einem Werbeschild, das vor der »Schillerlinde« an der Hauswand steht. Die taktilen Bodenelemente, das weiß ich, liegen weiter links. Der Langstock hat am unteren Ende eine rollende Kugelspitze. Als erstes ertaste ich damit die Noppen. Sie sind ein Warnhinweis. Ich soll die Längsrillen suchen, sie führten zur Ampel, sagt Gruber. Das sagt sich so leicht. Ich stochere mit dem Stock auf dem Boden herum, kann nach ein paar Schwenks nicht mehr Längs- und Querrillen voneinander unterscheiden, und jetzt piept auch noch die Ampel. Schaffe ich es noch rechtzeitig, da rüberzukommen? Die Richtung immerhin weiß ich, da hilft ein kleiner Pfeil auf dem vibrierenden Tastfeld der Ampel.

Doch was, wenn mich jemand umrennt? Komme ich jemals heil auf der anderen Straßenseite an? Ich kann eine leichte Panik nicht verbergen, erreiche aber wundersamer Weise das rettende Ufer. Jetzt schnell die Augenbinde runter, ich will wieder sehen können.

Aufklärung in der »Woche des Sehens«

Bis zum Freitag läuft bundesweit die »Woche des Sehens«. Mehrere Kooperationspartner machen mit Aktionen wie jener in Friedberg auf die Bedeutung guten Sehens, auf Möglichkeiten zur Verhütung von Blindheit und auf die Situation blinder und sehbehinderter Menschen aufmerksam.

Die Schulklassen der Johann-Peter-Schäfer-Schule haben am Donnerstag vor den Herbstferien auf der »Kleinen Freiheit« Tische mit Infomaterial und Hilfsmitteln aufgebaut. Da gibt es ein Monokular, eine Art Piraten-Fernrohr, mit dem Sehbehinderte die Geschäfte auf der anderen Straßenseite erkennen können. Oder eine Hellfeldlampe mit Lupe, um Kleingeschriebens zu entziffern. Eine Schulklasse probiert Testbrillen aus, mit denen sich die Sehschärfe verringert: Alles sieht weiß und milchig aus. Für die Kinder nicht nur ein großer Spaß. »So können sie ausprobieren, wie Sehbehinderte die Umgebung wahrnehmen«, sagt Gruber.

Dass mein Test mit dem Langstock eher ein langes Stochern war, verwundert den Reha-Lehrer nicht. Gut 20 Stunden Training seien nötig, nur um die grundlegende Technik im Umgang mit dem Blindenstock zu erlernen. Doch es gibt noch viel mehr zu lernen. Wie funktionieren Ampeln? Wie orientiert man sich anhand der taktilen Bodenelemente? Welche Fallen lauern auf Gehwegen und Straßen? Auch gebe es unterschiedliche taktile Systeme und viele Fußgängerüberwege ohne diese Platten.

Viele Passanten informierten sich über die Hilfsmittel, weil sie Angehörige oder Bekannte mit eingeschränktem Sehvermögen hätten, erzählt Gruber. Er freut sich über die gute Resonanz des Infostandes. »Der Austausch ist wichtig«, sagt er. Geht er mit seinen Schülern durch die Stadt und einer bleibt an einer Wand oder einem Hindernis hängen, verhielten sich viele Passanten hilflos und stellten sich stumm, hat Gruber beobachtet. Dabei sei es doch einfach: Blinde Menschen könne man ganz normal ansprechen.

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