Noch schnell das Nötigste einkaufen: In den Lebensmittelmärkten geht das auch am späten Abend.
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Noch schnell das Nötigste einkaufen: In den Lebensmittelmärkten geht das auch am späten Abend.

Offene Geschäfte am Abend: »Früher ging es doch auch!«

Friedberg (vpf). Der Dachverband der Einzelhändler fordert mehr Chancengleichheit gegenüber dem Online-Handel und daher auch uneingeschränkte Ladenöffnungszeiten. In Hessen können Einzelhändler schon jetzt bis in die Nacht öffnen, tun es aber oft nicht. Die WZ hat sich die Situation in Friedberg angeschaut.

Abends vor dem Fernseher ein Paar Schuhe shoppen und nach DVDs stöbern – online Shoppen ist unkompliziert, gemütlich und rund um die Uhr möglich. Kein Wunder, dass das Einkaufen übers Internet boomt wie nie zuvor. Für den Einzelhandel bedeutet das häufig hohe Einbußen. Der Dachverband der Einzelhändler (HDE) fordert daher nun uneingeschränkte Ladenöffnungszeiten für ganz Deutschland, das soll für »ein Stück mehr Fairness im Wettbewerb zwischen On- und Offline-Handel« sorgen, wie ein Sprecher des Verbandes mitteilt. In Hessen ist dieser Schritt bereits getan: Laut Hessischem Ladenöffnungsgesetz (HLöG) darf jedes Geschäft an Werktagen seine Öffnungszeiten frei bestimmen. Dennoch haben viele Läden nur bis 18 oder 19 Uhr geöffnet, bestenfalls Supermärkte nutzen die Freiheit und bieten Öffnungszeiten bis 22 Uhr an. Auch in Friedberg ist das so. Aber warum?

»Wir sind für sie da!« steht am Eingang zum Ruths auf der Kaiserstraße – und zwar montags bis freitags bis 19 Uhr, samstags bis 18 Uhr. Theoretisch dürfte das Modehaus rund um die Uhr geöffnet haben, warum also der frühe Ladenschluss? »Das ist bei weitem ausreichend«, sagt eine Angestellte. Seit 40 Jahren ist sie im Handel tätig, die Erfahrung zeige: »Öffnungszeiten bis spät in die Nacht braucht man nicht.« Natürlich sei der Kundenrückgang durch Online-Shopping spürbar, dass dies aber durch längere Öffnungszeiten aufzuhalten sei, glaubt sie nicht: »Das gehört zur neuen Generation, die jungen Leute sind viel im Internet unterwegs.« Zum Glück gebe es aber noch genügend Kunden, die die Beratung im Geschäft gerne nutzten.

»Wir kaufen gar nichts online«

So wie ein Ehepaar aus Hanau, das am Mittwochvormittag zum Bummeln auf der Kaiserstraße unterwegs ist: »Wir kaufen gar nichts online. Wir genießen es, in Geschäften beraten zu werden«, sagt die Ehefrau. Die Geschäfte länger zu öffnen, hält ihr Mann nicht für notwendig: »Man muss auch an die Angestellten denken.« So sieht das auch Eva Reitz. Von Montag bis Samstag berät sie die Kunden bei Mangels in der Kaiserstraße 36, unter der Woche bis 18, am Samstag bis 14 Uhr. »Jede Stunde Öffnungszeit kostet Geld und irgendwann muss auch mal Zeit für die Familie sein. Das gilt für die Angestellten ebenso wie für die Kunden.« Statt bis tief in die Nacht zu öffnen, setzt Reitz auf maßgeschneiderten Service: »Wenn man merkt, man schafft es nicht, in den Öffnungszeiten vorbeizuschauen, genügt ein Anruf bei uns und wir warten auf unsere Kunden.«

Auch für Domenico Gasbarrone vom Sporthaus Möll gilt: »Um sich gegen den Online-Handel behaupten zu können, muss man guten Service bieten und sich eine zufriedene Stammkundschaft bewahren. Man hat es ja in der Hand.« Die Geschäfte einfach länger zu öffnen, bringe nichts, sagt Gasbarrone. »Nicht in Friedberg. Die meisten Läden schließen um 18 Uhr, danach ist meistens kaum noch etwas los.« Eine Mutter, die mit ihren drei Kindern auf der Kaiserstraße unterwegs ist, wünscht sich, dass sich das ändern würde: »Länger einkaufen können wäre toll.« Da ihr Mann erst um 19 Uhr von der Arbeit komme und auch die Kinder nach Handballtraining, Musikunterricht und anderem Programm erst am Abend eintrudelten, sei es kaum möglich, gemeinsam einzukaufen. »Im Moment kaufen wir viel online, vielleicht würde sich das ändern, wenn wir mehr gemeinsam bummeln könnten.

« Bärbel Spieß von Quick Schuh glaubt nicht an diese Entwicklung: »Wenn jemand gerne online einkauft, macht er das weiter, ganz egal, wie lang die Läden geöffnet haben.«

Wenn viele kleine Geschäfte schließen, beginnt in einigen Supermärkten eine neue Schicht. Öffnungszeiten bis 21, teilweise sogar bis 22 Uhr sind die Regel. In der Rewe-Filliale in der Fauerbacher Straße sind die Türen bis 21 Uhr geöffnet und das auch mit gutem Grund, wie Filialleiter Osman Khaibar berichtet: »Das Einkaufen zur späten Stunde wird sehr gut angenommen. Gerade Leute, die selbst im Handel arbeiten, sind froh, abends noch Besorgungen machen zu können.« Zwar kaufen die meisten zu später Stunde eher Kleinigkeiten, dennoch lohne es sich für die Märkte. Galina Krist aus Dorheim, selbst im Einzelhandel tätig, ist gegen lange Öffnungszeiten: »Es muss nicht sein. Wenn einem abends noch etwas einfällt, das fehlt, besorgt man es eben am nächsten Tag.«

Auch Lidl öffnet seine Pforten täglich bis 21 Uhr, die Bewerbung dieser Öffnungszeit sei nicht ohne Grund so auffällig gestaltet, wie ein Mitarbeiter erklärt: »Wenn es sich erstmal herumgesprochen hat, wird es auch angenommen.« Und zwar von Kunden wie Daniela Wagner: »Ich arbeite bis 20 Uhr und nutze daher gerne lange Öffnungszeiten.« Dass es am Abend entspannter ist, sei für sie kein Argument: »Mir macht es nichts aus, wenn viel los ist.«

Noch eine Stunde länger geöffnet hat die Tegut-Filialle in der Fauerbacher Straße, doch die Resonanz hält sich in Grenzen. »Um ehrlich zu sein, lohnt es sich abends gar nicht. In der letzten Stunde kommen an guten Tagen vielleicht zehn Kunden«, berichtet die stellvertretende Fillialleiterin Verena Sanow. Da sich aber auch diese frische Brötchen wünschten und diesen Wunsch natürlich auch erfüllt bekommen sollen, wandert vieles in den Mülleimer. Die langen Öffnungszeiten hält sie daher für einen unnötigen Kostenfresser: »Alles ist planbar – früher ging es doch schließlich auch.«

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