Im coolen Keller (v. l.): Andi Saitenhieb und Rainer Wöffler spielen Blues der 20er- und 30-Jahre.
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Im coolen Keller (v. l.): Andi Saitenhieb und Rainer Wöffler spielen Blues der 20er- und 30-Jahre.

Ockstadt hat den Blues und Rainer Wöffler zu Gast

Friedberg-Ockstadt (jw). Die Cool-Blues-Night in Ockstadt lebt. Am Samstag war der Münchner Gitarrist Rainer Wöffler zu Gast, und er brachte im zweiten Set des Ausnahme-Bluesharp-Spieler Klaus "Mojo" Kilian aus Frankfurt mit. Die Zuhörer waren hin und weg.

Was Blues bedeutet, das, erzählte Rainer Wöffler, stecke alles in dem Song "I’m gonna move" von Casey Bill Weldon. Die Arbeit ist Mist, zu Hause langweilt sich eine wunderschöne Frau, die ständig Besuch vom Eismann oder dem Postboten bekommt, und wenn am Abend die Familie am Tisch sitzt, fällt dem Mann auf, dass keines seiner zwölf Kinder ihm ähnlich sieht. Deshalb muss er raus aus der Stadt aufs Land, "way out on the outskirts of town, to Ockstadt", wie Wöffler zum Amüsement des handverlesenen Publikums sang, das am Samstagabend zur dritten Cool-Blues-Night erschienen war.

Handverlesen deshalb, weil Gitarrenlehrer Andy Saitenhieb diesmal "back to the roots" ging und nach den beiden ersten Abenden im Jugendheim ein Wohnzimmerkonzert veranstaltete. Der Keller des Schloss-Cafés, in den rund 40 Zuhörer passen, gab mit seinen Bruchsteinwänden das passende Ambiente. Echte Handarbeit lieferte der in München lebende Bluesgitarrist Rainer Wöffler ab. Wöffler, der sich auch als Kolumnist in Fachzeitschriften und als Leiter von Gitarrenworkshops einen Namen in der Szene gemacht hat, gilt als einer der bestens seines Faches in Deutschland, manche Fans meinen sogar weltweit.

Und er hatte einen hochkarätigen Gast mitgebracht. Klaus "Mojo" Kilian (Matchbox Bluesband) aus Frankfurt, Sänger, Gitarrist und an der Bluesharp ein Tier, stieß im zweiten Set dazu, ebenso wie Andy Saitenhieb selbst.

Über zwei Stunden Blues – das hat, wie Kenner wissen, wenig mit Melancholie und Depression zu tun. Blues ist Lebensfreude pur und bedeutet für ein Livekonzert vor allem eines: Spielfreude. Wöfflers Spezialität ist das Bottleneck-Spiel. Wie er dieses mit Picking- und Schlagmustern kombiniert, witzige Riffs, Hammerings und Pull-offs einbaut und dann in aberwitzigen Höhen Flageoletts übers Griffbrett tanzen lässt – das ist großartig und atemberaubend. Aber es ist nicht die Perfektibilität, die sein Spiel ausmacht, sondern der "Soul", die lässige Haltung, der spontane Einfall und die Bereitschaft, auf das Publikum einzugehen.

Einen Fahrplan für den Abend gab es nicht, Bluesmusiker brauchen keine Setlist. "Was spielen wir jetzt?", fragt Wöffler. "Mojo" schlägt den "Phonograph Blues" von Robert Johnson vor, Wöffler erwähnt schnell die sexuellen Anspielungen in dem Song ("We played it on the sofa") und dann jault die Stimme zum gleichmäßig dahintreibenden Blues-Riff auf der Gitarre und dem herzzerreißenden Wimmern auf der Bluesharp und man könnte glauben, Ockstadt liege mitten im Mississippi-Delta, wo statt Baumwolle eben Runkelrüben angebaut werden.

Kurzum: Ein grandioser Abend mit vielen Geschichten und Liedern, an dessen Ende Andi Saitenhieb verriet, dass er bereits die nächsten coolen Blues-Nächte plant, sowohl im kleineren Format als Hauskonzert als auch wieder im größeren Rahmen.

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