"Wir machen keinen Ärger", beteuern die Männer vom Stadtkirchenplatz, deuten mit Gesten aber an, dass ihnen gar nichts anderes übrig bleibt, als sich auf der Straße aufzuhalten. Aber sie haben einen Traum.
+
»Wir machen keinen Ärger«, beteuern die Männer vom Stadtkirchenplatz, deuten mit Gesten aber an, dass ihnen gar nichts anderes übrig bleibt, als sich auf der Straße aufzuhalten. Aber sie haben einen Traum.

Matratzenlager geräumt

Kaufhaus Joh Friedberg: Obdachlose müssen sich eine neue Bleibe suchen

Das Matratzenlager am Hintereingang des ehemaligen Kaufhauses Joh in Friedberg ist seit weg. Die Personen, die sich hier treffen, sind auf den Stadtkirchenplatz umgezogen. Keine Dauerlösung.

Mike schläft jetzt unterm freien Himmel. Im Sommer geht das. Und wenn’s regnet? »Gehe ich dorthin«, sagt er und deutet auf den Eingang der Stadtkirche. »Aber da zieht’s. Das ist auch keine Lösung«, sagt sein Kumpel Rico. »Es ist nicht okay, wenn die Leute nicht wissen, wo sie bleiben sollen.« Rico hat eine Wohnung, wie die meisten in der kleinen Runde auf dem Stadtkirchenplatz. »Aber die Wohnung ist eine Bruchbude. Da wollen Sie nicht leben.«

Im Juli gab es Beschwerden von Geschäftsleuten. Am Hintereingang des ehemaligen Kaufhauses Joh hatten Obdachlose ihr Quartier aufgeschlagen. »Nur drei oder vier sind obdachlos«, korrigiert Rico. Die anderen seien arbeitslos. Auf jeden Fall reichte es den Geschäftsleuten. Von Partys und Saufgelagen war die Rede. »Die haben Recht, das war nicht in Ordnung«, sagt Mike. Es seien aber weniger Leute als behauptet gewesen, »zehn oder elf«. Übernachtet hätten dort nur er und zwei oder drei andere.

Am vergangenen Freitag ließ der Eigentümer des Kaufhauses - am gleichen Tag standen Gespräche im Rathaus über einen städtebaulichen Vertrag an - den Hintereingang räumen und säubern. Mike und seine Kumpels haben nicht genau mitbekommen, wer sie vertrieben hat. Sie hätten sich gefügt. »Es blieb uns nichts anderes übrig«, sagt Stefan.

Rico will etwas klarstellen: »Von uns geht keine Gewalt aus.« Mit den Ordnungspolizisten komme man gut aus, mit den echten Polizisten auch. »Bis auf einen, der immer nur rumschreit. Wir betteln auch nicht aggressiv. Ein paar von uns stellen eine Dose hin, da werfen die Leute was rein. Wir haben ein gutes Verhältnis zu den Leuten, die vorbeikommen. Auch zu den Nachbarn.«

Kaufhaus Joh Friedberg: Verständnis für die Nachbarn

Und ja, man könne die Nachbarn verstehen, wenn diese sich über Lärm aufregen. »Aber andere Leute feiern auch mal, und dann wird’s bei denen auch etwas lauter.«

Das gilt auch für dieses Gespräch. Es ist Nachmittag, alle haben schon reichlich Bier getrunken. Mike hat mehrmals Aussetzer. Er wird aggressiv, schreit seine Kumpel an. »Der hat sich nicht im Griff«, sagt Rico. »Das ist halt so.« Aber dann fängt sich Mike wieder. »Ich bin 29«, sagt er, was jeden erstaunen dürfte, der ihm gegenüber steht. Aus seinen Augen schaut mich ein alter, kranker Mann an, der sich nicht zu helfen weiß.

Jeder, der hier sitzt, hat sein Schicksal. Der eine ist seit über 30 Jahren Opiat-abhängig, der andere wurde nach 35 Jahren aus der Firma wegrationalisiert, wurde krank, verlor die Wohnung und landete im Karl-Wagner-Haus für Wohnsitzlose. »Mit über 50 kriege ich keinen Job mehr«, sagt Martin, der seinen wirklichen Namen nicht nennen will. »Es ist nicht rassistisch, wenn ich nicht verstehe, warum ich nach 35 Jahren Arbeit auf der Straße lande und andere kommen nach Deutschland, tragen Nike-Turnschuhe, haben ein Smartphone und Geld.«

Stefan ist gebürtiger Friedberger. »Wenn ich sehe, wie die Altstadt zugrunde geht, bricht mir das Herz.« Er meint die Wohnverhältnisse. Die Zimmer, die Hartz-IV-Empfängern angeboten würden, seien »Bruchbuden«. »In meinem Bad hängt neben der Dusche ein nicht gesicherter Starkstromanschluss.« 750 Euro Miete zahle er für ein Zimmer. Die Hausbesitzer würden einen Reibach machen, das Jobcenter zahle ja. »Wir kriegen nur Drecklöcher angeboten. Aber teure Drecklöcher.«

Stefan erwähnt die »Knospe« an der Seewiesenpromenade. Die ehemalige Gaststätte mit Minigolfanlage wurde 2013 abgerissen. »Warum? Das wäre ein Ort für uns gewesen.« Auch die übrigen vermissen so einen Ort. Ein altes Haus, eine Wagenburg, ein Gartengrundstück, einfach einen Ort, an dem sie selbstbestimmt leben können. »Früher, als Punk, hatten wir solche Wohnprojekte«, sagt Stefan. Auch Rico ist von der Idee begeistert. »Besser als das Karl-Wagner-Haus.« Wo es Regeln gibt und keine Hunde erlaubt sind. »Irgendjemand müsste uns ein Haus zur Verfügung stellen«, sagt Rico. Seine Augen leuchten. »Das wäre eine feine Sache.« Ob solch ein Projekt funktionieren würde? Die Blicke in der Runde lassen Zweifel aufkommen. Aber Stefan sagt: »Es wäre besser als auf der Straße zu leben.«

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare