»Noch viel zu krank, um entlassen zu werden«

  • VonConstantin Hoppe
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Friedberg/Gießen (con). »Würde er jetzt entlassen werden, würde es aus meiner Sicht mit nahezu einhundertprozentiger Wahrscheinlichkeit weitere solcher Vorfälle geben.« Am Mittwoch stand vor dem Gießener Landgericht die nächste Runde im Sicherungsverfahren gegen einen 54-jährigen wohnsitzlosen Mann wegen mehrerer Fälle von Körperverletzung an. Der Mann befand sich zum Zeitpunkt der Vorfälle am 1.

September 2019 in der Bahnhofshalle in Gießen und am 7. Februar 2020 in der Regionalbahn zwischen Gießen und Frankfurt in Friedberger Gemarkung (diese Zeitung berichtete) in schuldunfähigem Zustand: Er leidet seit mindestens 30 Jahren an einer chronischen Schizophrenie.

»Er glaubt, dass ihm von anderen Personen Gedanken eingegeben werden, hört Stimmen und glaubt, dass sich Tote unter den Lebenden befinden«, erklärte der psychologische Gutachter Dr. Jens Ulferts am Mittwoch vor Gericht.

»Deshalb kommt es dazu, dass der Beschuldigte andere Menschen berühren möchte, um zu erfahren ob sie real sind oder nicht.« Auch bei dem Vorfall in der Regionalbahn am 7. Februar 2020 soll es sich um einen solchen Fall gehandelt haben: Damals schlug er einer jungen Frau mit einer Bibel auf den Kopf und beschimpfte sie unter anderem als »muslimische Hure«.

Geschädigte reine Zufallsopfer

Auch paranoide Ideen kommen bei dem Beschuldigten vor. So wollte er sich bei seinem ersten Treffen mit dem Psychiater nicht im Untersuchungsraum treffen: »Er hatte Angst davor, dass ihm die Polizeibeamten seinen Tabak aus der Zelle stehlen, während wir sprechen«, berichtete Ulferts. Auch glaubt der 54-Jährige während seiner aktuellen Klinik-Unterbringung, dass dort eine Intrige gegen ihn laufe: »Er weißt ein buntes Bild einer Schizophrenie auf«, sagte der Psychiater.

Während der letzten Monate in der dortigen Behandlung habe sich der Zustand des Beschuldigten aber deutlich gebessert. Jedoch geht von dem 54-Jährigen nach Meinung des Sachverständigen immer noch eine Gefahr für andere Menschen aus: »Vor allem da alle Geschädigten reine Zufallsopfer sind und es für die Angriffe keinen vorhergehenden Auslöser gab.« Der Mann sei »noch viel zu krank, um entlassen zu werden«. Jedoch sieht Ulferts auch gute Behandlungsaussichten für den Beschuldigten: Denn eine gewisse Krankheitseinsicht sei bei dem 54-Jährigen gegeben. Immer wieder in den vergangenen Jahren wies er sich selbst in Krankenhäuser ein, brach diese jedoch nach wenigen Tagen auf eigenen Wunsch ab: So etwa am 13. und 15. Januar 2020 in die Vitos-Klinik Gießen - innerhalb von vier Tagen wies er sich hier zweimal selbst ein, um die Klinik am nächsten Tag zu verlassen. »Ich denke, dass man bei Ihnen in relativ kurzer Zeit Erfolge erzielen könnte«, wandte sich der Psychiater an den Beschuldigten.

Die Entscheidung über eine eventuelle Sicherungsverwahrung für den 54-Jährigen wird am heutigen Freitag erwartet.

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