Prof. Reimer Gronemeyer
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Prof. Reimer Gronemeyer

Kritik an der Kirche

Niedergang der Kirche und ihre Chance

  • Sabrina Dämon
    vonSabrina Dämon
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Der Gießener Soziologe Prof. Reimer Gronemeyer hat kürzlich das Buch "Niedergang der Kirchen" geschrieben. Er sagt: Die Kirche zerfällt, aber hat damit die Chance, sich auf ihren Kern zu besinnen.

In Ihrem Buch schreiben Sie: "Die Kirche ist so überflüssig wie nie zuvor, aber die Kirche ist auch so notwendig wie nie zuvor." Warum ist sie überflüssig?

Die Zahl der Kirchenaustritte explodiert. Und die Zahl der Menschen, die sich ganz im Diesseitigen zurechtfinden, nimmt sehr schnell zu. Denen sagt Kirche eigentlich nur etwas über Kirchensteuer, über Brimborium oder über Missbrauch. In der Wahrnehmung vieler Menschen in Deutschland ist die Kirche ganz an den Rand gerückt.

Warum ist die Kirche dann so notwendig wie nie zuvor?

Ich sage es mal etwas platt, denke aber, damit treffe ich den Nagel auf den Kopf: Die Sehnsucht nach Sinn und die Sehnsucht nach Nächstenliebe ist dramatischer denn je auf der Tagesordnung. Fragen wie: Woher komme ich? Was ist der Sinn meines Lebens?, beschäftigen viele Leute. Ich sage nicht, dass die Kirche die alleinige Antwortgeberin darauf ist. Aber sie könnte einer der großen Player bei diesen Fragen sein. Sie sollte sich diesen Themen zuwenden statt den Fragen wie: Wo können wir in der Politik noch mitmischen, und in welcher Ethikkommission müssen wir vertreten sein?

Ihr Buch trägt den Titel "Der Niedergang der Kirchen"…

Diese Kirche, in der ich aufgewachsen bin und in der viele aus meiner Generation auch eine Heimat haben, diese Volkskirche zerfällt. Das zeigen neueste Untersuchungen. Es gibt eine Prognose über die Kirche in Deutschland im Jahr 2060, katholische, evangelische: Die Mitgliederzahl ist dann noch einmal um die Hälfte reduziert. Das heißt: Diese Power-Institution mit Macht und politischem Einfluss wird verschwinden. Ich wage aber zu behaupten, dass das eine Chance für die Kirche ist.

Inwiefern?

Nun ist die Zeit, sich aus den Bereichen zurückzuziehen, in denen die Kirche keine Rolle mehr spielen wird. Und sich stattdessen dem zuzuwenden, was man Seelsorge nennen könnte - dem Erblühen von Liebe zueinander und von Gemeinschaftlichkeit. Für mich gehört die Geschichte vom barmherzigen Samariter dazu, der sich um den kümmert, der nicht zu ihm gehört, der ihm einfach vor die Füße gefallen ist. Davon gibt es ja nun in unserer Welt ungeheuer viele. Das Aufgabenspektrum der Kirche, die Sorge für die Schwachen, wird mit jedem Tag größer. Die Menschen, die im Mittelmeer ertrinken, die Menschen, die verhungern, die, die sich bei uns von Tafeln ernähren. Es kann und darf der Kirche nicht um sich und ihren Status gehen. Im Zentrum der Botschaft soll stehen: "Ich bin für Dich da. Auch um den Preis, dass ich dabei untergehe."

Glauben Sie, die Kirche schafft es, diesen Schritt zu gehen?

Es gibt bei den Christen sozusagen einen Lavastrom, einen Wärmestrom, der überkrustet und vielleicht nicht immer sichtbar ist, der aber jederzeit hervorbrechen kann. Ob er gerade bei Bischöfen und Kardinälen losbricht, weiß ich nicht. Bei den nachdenklichen Leitungen der Kirche ist ja angekommen, dass es eine Stunde der Entscheidung ist. Dass die Frage ansteht: Welchen Weg wollen wir gehen? Wollen wir uns mit Hochglanzbroschüren um Anerkennung bemühen, oder wissen wir, dass wir eine schwache Kirche sein werden? So wie die zentrale Figur Jesus irgendwie eine schwache Figur ist, die sich sozusagen mit den Schwachen ihrer Gesellschaft verbündet hat. Die Kardinäle und die Bischöfe gehören dahin, wo die Geprügelten, die Trostbedürftigen und die Ertrinkenden sind. Nicht in glänzende Hallen von Palästen.

Und wenn wir auf die Krisen schauen, die uns bevorstehen, insbesondere die Klimakrise, dann ist es jetzt an der Zeit für die Kirchen, darüber nachzudenken: Wie werden wir damit umgehen?

Dazu ein Beispiel: In Wölfersheim gibt es Kritik an dem Bau eines Logistikzentrums auf Ackerboden. Das katholische und das evangelische Dekanat gehören zu den Kritikern des Vorhabens. Ist es die Aufgabe der Kirche, in dieser Debatte mitzumischen?

Ich denke, da geht es um die Basis, um die Ängste und Hoffnungen der Menschen. Um ein Stück Ackerboden zu kämpfen ist sicher heute und übermorgen die Aufgabe der Kirche. Also darum, die Schöpfung zu schützen, in einer Zeit, in der in erschreckender Weise mehr als die Hälfte aller Lebewesen und Pflanzen auf dem Globus gefährdet ist, auszusterben.

Wie sind die Reaktionen vonseiten der Kirche auf Ihr Buch?

Es gibt Pfarrerinnen und Pfarrer, die das ganz genau so sehen. Ich habe für das Buch viel Zustimmung bekommen, von Menschen, die einen kirchlichen Beruf haben. Es gab aber auch negative Reaktionen. An einer Stelle habe ich zum Beispiel geschrieben, die Stunde der alten weißen Männern, zu denen auch ich gehöre, ist vorbei. Das hat viele sehr empört. Kann ich auch verstehen. Aber ich bleibe dabei: Es ist wichtig, dass wir Alten uns unserer Rolle bewusst werden. Greta Thunberg zum Beispiel ist für uns eine wichtige Gesprächspartnerin. Da steht es uns nicht an, von oben herab zu reden. Stattdessen müssen wir darauf hören, was eine beunruhigte Jugend zu Recht kritisiert.

Zur Person

60er Jahre. Hamburg. "Unter den Talaren - Muff von 1000 Jahren". Prof. Reimer Gronemeyer sagt über diese Zeit, in der er Theologie studiert hat: "Wir wollten alles ändern, haben an den alten Traditionen gerüttelt." In Hamburg trat er eine Pfarrstelle an. "Wenn ich gepredigt hatte, stand der Bischof in der Woche darauf auf der Kanzel und stellte meine aufsässige Predigt richtig." Sein Weg führte ihn schließlich in die Soziologie und an die Uni Gießen. Heute, mit 81 Jahren, ist er noch immer dort. Er schreibt Bücher. Hält Vorträge, nicht nur in Deutschland, und betreibt Forschung. Zwei seiner wichtigsten Themen sind Hospizarbeit und Demenz, worüber er viel geschrieben hat (zum Beispiel "Ein kritisches Wörterbuch über die Sprache in Pflege und sozialer Arbeit" oder über Migration und Demenz). Zudem ist er mit Projekten in Afrika aktiv. Sein neuestes Buch jedoch beschäftigt sich mit der Kirche.

Reimer Gronemeyer: "Der Niedergang der Kirchen. Eine Sternstunde?" ISBN: 9 78-35 32 62 85 22

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