koe_Hokuspokusemh_070921_4c
+
Schwarz-Weiß-Ästhetik auf der Bühne: Es spielen (v. l.): Agda Kjerulf (Kirsten A. Lange), der Gerichtspräsident (Dirk Volpert), Zeugin Frau Kiebuz (Joeri Burger) sowie der Staatsanwalt (Raymond Dudzinski).

Nichts ist, wie es scheint

  • VonHaimo Emminger
    schließen

Friedberg (emh). Die coronabedingt mit nur 130 Plätzen sehr großzügig bestuhlte Stadthalle war am (vorigen) Donnerstag einmal mehr Schauplatz einer Theaterveranstaltung der Friedberger Volksbühne. Nach der umjubelten Aufführung »Spatz und Engel Anfang Juni ist es dem Verein gelungen, diesmal ein Stück von einem der »brillantesten Komödienschreiber« der Nachkriegszeit an Land zu ziehen:

Curt Goetz’ beliebtes Krimi-Stück »Hokuspokus« aus dem Jahr 1953 wurde in den 60er Jahren mehrfach, unter anderem mit Heinz Rühmann und Lieselotte Pulver erfolgreich verfilmt.

Publikum darf mitspielen

Mit dem Team des Kölner Filmtheater Lange & Leder GbR, das sich auf zeitlose unterhaltsame Stoffe der frühen Filmgeschichte konzentriert, feierte das Stück in Friedberg fröhliche Urständ. Das Publikum erlebte eine unglaubliche Geschichte, die auf der Bühne ganz in schwarz-weiß-Ästhetik daherkommt, übrigens ein Markenzeichen der Compagnie (Regie Saskia Leder, Bühne Judith Bayer). Der Kontrast regt die Fantasie ebenso an wie Schwarz-Weiß-Fotos oder -Filme. Dass der Gerichtspräsident (Dirk Volpert) indirekt in den verhandelten Fall eingebunden ist, weil er ein Bild des ermordeten Malers erworben hat, hätten er und das Publikum sich anfangs nicht vorstellen können. Allerdings plagte ihn am Abend vor der Verhandlung die Sorge, er werde in dieser Nacht ermordet. Ein mehrfach abends im Frack erschienener Besucher hätte dies für den 13. August angekündigt. Als dieser plötzlich mit einer Pistole in der Hand auftaucht, geht es drunter und drüber. Großartig der schusselige Butler (Joeri Burger, der in drei weiteren Rollen glänzen darf). Wiederholte Situationskomik tags darauf im Gericht, wenn der gewichtige Präsident nur mit abstrusen Verrenkungen auf seinen Richterstuhl gelangt und der Revolvermann sich als Verteidiger der Angeklagten entpuppt.

Bei der Verhandlung sprechen alle Indizien gegen die junge Angeklagte Agda Kjerulf (Kirsten Lange), die den wenig erfolgreichen Kunstmaler bei einem gemeinsamen Bootsausflug umgebracht haben soll. Die Bilder des Ermordeten fanden nach seiner Beerdigung plötzlich reißenden Absatz. Die einbestellten Zeugen verwirren das Gericht mehr als sie zur Sache beitragen - erneut in begeisternder Form Joeri Burger als abgewrackter Fischer, als skurriler Dandy und sogar als Dame, die hinter Vorhängen mehr geahnt als gesehen hat.

Verteidiger Peer Bille läuft mit überzeugender Rabulistik zu großer Form auf. Zur Urteilsverkündung darf das Publikum mitspielen und erhebt sich, aber nur kurz, denn eine weitere Zeugin, Frau Engstrand (Saskia Leder) stürmt den Saal und man merkt: Nichts ist, wie es scheint, und alles wird gut: Der angeblich Getötete fällt seiner »Mörderin« verliebt in die Arme. Mehr wird nicht verraten.

Eine lange beklatschte überzeugende Leistung des gesamten Ensembles. Die fröhlichen Gesichter des den Saal verlassenden Publikums zeugten einmal mehr von fabelhafter Unterhaltung in der sonst nüchternen Friedberger Stadthalle.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare