Einen Brief schreiben, eine Einkaufsliste, eine kleine Notiz: Selbst kurze und einfache Texte können für Menschen mit geringer Literalität zur Herausforderung werden. Der Weltalphabetisierungstag macht auf diese Thematik aufmerksam.
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Einen Brief schreiben, eine Einkaufsliste, eine kleine Notiz: Selbst kurze und einfache Texte können für Menschen mit geringer Literalität zur Herausforderung werden. Der Weltalphabetisierungstag macht auf diese Thematik aufmerksam.

Weltalphabetisierungstag

Nicht richtig lesen und schreiben: Auch in der Wetterau gibt es Betroffene

  • vonKatharina Gerung
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Die meisten verheimlichen ihre Schwäche und bleiben unerkannt - Dorothee Schätzle trainiert im Grundbidungszentrum Wetterau mit Betroffenen und kennt ihre kreativen Ausreden.

Das mnechschlie Ghrien ist sher lstuneigäfihg. Wer gut lseen und sreichben knan, hat acuh mit S4TZ3N W13 D1353N kien Pbroelm - mit ein bisschen Anstrengung ist das zu entziffern. Freiwillig würde aber sicher niemand auf die gewohnte Reihenfolge der Buchstaben verzichten. Denn auf Dauer wäre es wahrscheinlich doch etwas mühselig zu lesen. Über sechs Millionen Menschen in Deutschland haben keine Wahl - sie können nicht richtig lesen und schreiben. Selbst die einfachsten Texte werden für sie zur Herausforderung. Ein Problem, auf das die UNESCO am heutigen Weltalphabetisierungstag aufmerksam machen möchte.

»Ich habe meine Brille vergessen« oder »das würde ich mir gerne in Ruhe zu Hause durchlesen« - klassische Vermeidungsstrategie, die sich viele Betroffene zurechtlegen. »Analphabeten« werden sie häufig genannt, doch korrekt wäre »Menschen mit geringer Literalität«, erklärt Dorothee Schätzle, Koordinatorin beim Grundbildungszentrum (GBZ) Wetterau. Der Grund ist einfach: Mit dem Begriff »Analphabet« werde ein Mensch beschrieben, der weder lesen noch schreiben könne - das treffe jedoch nur auf sehr wenige zu. Viel mehr könnten beides, nur nicht ausreichend. Sie werden als »funktionale Analphabeten« bezeichnet.

Wetterau: Nicht alle Betroffenen sind Analphabeten

»Diese Differenzierung ist wichtig«, sagt Schätzle. Zu oft würden die Betroffenen voreilig über einen Kamm geschoren. »Und leider wird Analphabetismus zum Teil immer noch mit mangelndem Intellekt gleichgesetzt.« Dabei können die Ursachen für die Probleme gering literalisierter Menschen vielfältig sein, sagt Schätzle. Es sei ein Zusammenspiel aus der familiären Situation, der eigenen Gesundheit und dem schulischen wie gesellschaftlichen Umfeld. »Vieles davon bedingt sich. Und wer in der Grundschule schon abgehängt wird, hat es später immer schwerer, das irgendwann aufzuholen.« Doch zu spät sei es nie.

Schätzle erzählt von zwei Frauen, mit denen sie trainiert - beide sind über 50. Beide haben eine ganz unterschiedliche Geschichte. Die erste Frau sei als Kind in einer großen Familie mit vielen Geschwistern etwas untergegangen. Habe keinen Schulabschluss geschafft und sei später in der Gastronomie nur angelernt statt ausgebildet worden. Als ihre Schwäche bekannt wurde, sei nicht gerade sensibel damit umgegangen worden. »Das führt dazu, dass die Personen extrem unsicher werden und sich zurückziehen.« Bei der anderen Frau handelt es sich um eine Migrantin. Als sie vor vielen Jahren nach Deutschland gekommen sei, sei sie zunächst in ihrer Muttersprache und erst nach und nach im Deutschen alphabetisiert worden. Das habe aber nie wirklich gereicht.

Wetterau: Betroffene leiden vor allem emotional

Das Programm im GBZ - mit Standorten in Friedberg, Büdingen und Butzbach - ist vor allem auf Erwachsene wie die beiden Frauen ausgelegt. »Auch hier im Wetteraukreis gibt es einige Betroffene«, sagt Schätzle, doch lange sei das Angebot nicht sehr groß gewesen. Unter anderem weil die Betroffenen selbst oft im Verborgenen bleiben würden. »Viele schämen sich und haben Angst, sich zu offenbaren«, sagt sie. »Die Betroffenen haben nur wenig Vertraute. Hilfe wird oftmals gar nicht oder erst spät gesucht.«

Bis zu diesem Punkt leiden die Betroffenen oft sehr - vor allem emotional. »Es geht ja nicht nur darum, den Busfahrplan nicht zu verstehen«, sagt Schätzle. Die Probleme gering literarisierter Menschen sind größer. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung etwa beschreibt es so: »Ihre Lese- und Schreibkompetenzen reichen für eine volle berufliche, gesellschaftliche und politische Teilhabe nicht aus.«

Um diesen Menschen zu helfen, spricht das GBZ Vereine, Verbände und Co. an. Nur wenn die Gesellschaft genügend aufgeklärt und sensibilisiert sei, könne den Betroffenen Hilfestellung gegeben werden, sagt Schätzle. »Man sollte vielleicht nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen, doch es ist wichtig, Verständnis zu zeigen und Unterstützung anzubieten.« Im GBZ gibt es deshalb nicht nur Kurse für Betroffene, sondern für alle Interessierten. »Wir wollen eine breite Masse ansprechen, um zu helfen«, sagt Schätzle. »Lesen zu können, bedeutet unabhängig zu sein.«

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