Frühlingsstimmung am Schuckardtbrunnen in Bad Nauheim: Halten die Leute, die sich beim "Coffee to go" im Freien treffen, genügend Abstand? Auch wenn die Regeln gelockert werden, ist weiterhin Vorsicht angesagt.		FOTOS: NICI MERZ/JÜRGEN WAGNER
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Frühlingsstimmung am Schuckardtbrunnen in Bad Nauheim: Halten die Leute, die sich beim »Coffee to go« im Freien treffen, genügend Abstand? Auch wenn die Regeln gelockert werden, ist weiterhin Vorsicht angesagt. FOTOS: NICI MERZ/JÜRGEN WAGNER

Werden Corona-Regeln eingehalten?

Nicht »Mit Abstand die besten Kunden«, aber es geht so

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Abstandsregeln, Maskengebot: Wird das auch eingehalten? »Das klappt ganz gut«, sagt ein Bekannter. »Ganz gut« ist die niedliche Schwester von »so lala«. Die WZ hat sich umgesehen.

Der neueste Schrei auf dem Laufsteg des Lebens sind Schutzmasken mit Hundeschnauze. Leider habe ich noch keine entdeckt, aber festgestellt: Modebewusste Menschen setzen auf knallige Farben und Designs. Eine stylische Gesichtsmaske gilt als Statussymbol. Beim Bummel klemmt sich der moderne Kleinstädter die Maske gerne lässig unters Kinn. Das ist so cool wie eine Basecap mit dem Schild nach hinten. Man kommt sich vor wie der Chefarzt zwischen zwei Herz-OP.

Auf der Friedberger Kaiserstraße tragen viele Passanten Schutzmasken. Vor allem ältere Menschen. Jüngere gehen unbekümmerter mit der Epidemie um. Was auffällt, sind die vielen Paare. Überall sitzen oder stehen Paare, mit gebührendem Abstand. Kommt eine dritte Person hinzu, ist der Abstand zwischen ihr und der zweiten Person größer als jener zwischen der zweiten und der ersten. Ich habe das oft beobachtet, ich kann’s mir nicht erklären, es ist einfach so.

In der Altstadt nimmt die Maskendichte ab. Weniger bei Frauen, aber bei Männern, die vor Kneipen stehen. Die sind zwar zu (die Kneipen), üben aber dennoch eine große Anziehungskraft aus. Treffen sich die Männer abends in großer Runde, sieht man dies anderntags noch. Dann liegen ausgespuckte Sonnenblumenkern-Schalen auf dem Boden. Auch dagegen gibt’s keine Arznei.

Auch dagegen gibt es kein Medikament

Neulich muss sich eine Hundertschaft von Sonnenblumenkernschalen-Ausspuckern auf dem Parkplatz der Stadthalle getroffen haben. Vermutlich feuerten sie den Fahrer des Sportwagens an, dessen kreisrunder Reifenabrieb auf dem Boden noch Tage danach von seiner Testosteron-gesteuerten Heldentat kündete.

Trotz Warnung, trotz bis dato 7275 Toten: Die jungen Leute treffen sich auf Parkplätzen, auf der Seewiese, zeigen wenig Berührungsängste. Polizei und Ordnungsamt fahren Streife, können aber nicht überall gleichzeitig sein.

Auf dem Spielplatz an der Seewiese herrscht Betrieb. An einem Tisch sitzen vier Frauen und sieben Kinder, keiner trägt Schutzmaske oder hält Abstand. Es muss sich um eine Großfamilie handeln. Auf der Seilrutschte sitzen zwei Mädchen eng umschlungen mit verschränkten Beinen auf dem schmalen Sitz und sausen davon, grobe Richtung Bürgerhospital. Vor einem der Tore auf dem Bolzplatz legen sich drei Jungs die Arme auf die Schultern, ein Schlachtruf ertönt, das Fußballspiel kann beginnen. Warum ist die Calisthenics-Anlage noch gesperrt? Sind Klimmzüge gefährlicher als Seilrutschfahrten zu zweit?

Auf dem Wochenmarkt gilt Maskenpflicht. Wer am Joh entlang einfach nur den Elvis-Presley-Platz überqueren will, benötigt keine Maske. Schwierig, das auseinander zu halten. Zumal der Blumenhändler seinen Stand falsch herum aufgebaut hat. »Da müssen wir nachbessern«, verrät ein Mann vom Ordnungsamt.

Was in diesen Tagen auffällt: Entgegenkommende weichen einem aus, alle laufen Slalom. Na ja, nicht alle. Es gibt Leute, die sich an gar nichts halten. Ständig wollten Männer in Begleitung ihrer Frauen ohne Einkaufswagen in den Supermarkt, sagt ein Security-Mann in Bad Nauheim. »Die wollen das nicht kapieren.« Genauso wie die Regel, dass an Supermarkteingängen Linksverkehr gilt. Warum auch immer.

Vor den Geschäften in der Bad Nauheimer Fußgängerzone stehen Kunden geduldig an und halten Abstand zum Vordermann. Ob das reibungslos klappt, überwacht ein Ordnungshüter in Zivil, der schräg gegenüber an einer Hauswand steht. Ein Undercover-Einsatz.

Sitzen die Leute zu dicht aufeinander?

Im Kurpark geben sich die Leute leger. Vorm Teichhaus stoßen Frauen mit Bier und Wein auf die jüngste Lockerung der Ausgangssperre an. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich kriege Corona nicht aus dem Kopf. Sitzen die Leute auf dem Holzdeck nicht zu eng beieinander? Wenn man vor der Eisdiele ansteht und jemand kreuzt den Weg, wo bleiben da die 1,50 Meter Abstand? Hocken sich die Leute vor den Cafés zu dicht auf der Pelle oder sind die alle eh verheiratet und ich sollte mir keine Sorgen machen? Ist das Corona-Paranoia? Oder geht mich das Verhalten anderer Leute nicht doch etwas an?

»Die Masken sind notwendig, aber nervig«, sagt ein Rentner. »Man sieht die Leute nicht richtig. Man weiß nicht, ob sie einem die Zunge rausstrecken oder lächeln.« Eine Rentnerin ergänzt, die Masken hätten auch ihr Gutes. »Einige Leute gewinnen dadurch.« Sie grinst dabei, man kann das an den Augenfältchen hinter der Gesichtsmaske erkennen.

Die Geschäftsleute geben sich viel Mühe. An den Eingängen steht Desinfektionsmittel bereit, überall hängen Warnhinweise. Ein Geschäft plakatiert: »Sie sind mit Abstand die besten Kunden!« Das ist witzig, aber gemäß den Gesetzen des Marketings leicht übertrieben. Trotzdem: Die Sache mit dem Abstand und den Masken - das klappt schon ganz gut.

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