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Man muss aus jeder Situation das Beste machen, sagt Chris Cantow und sattelt um: Der ehemalige Leiter eines Online-Shops lässt sich zum Fachinformatiker umschulen und kann dies nur empfehlen.

In der Pandemie auf Jobsuche

Jobsuche mit über 50: Umschulung macht Neustart für Wetterauer möglich

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Mit über 50 plötzlich ohne Job, mitten in der Pandemie: Chris Cantow aus Ockstadt sattelt um zum Fachinformatiker. Für die Zwischenprüfung gab’s eine Prämie über 1000 Euro.

Chris Cantow hat eine fast schon klassisch zu nennende Quereinsteiger-Karriere hinter sich: Vom Taxifahrer zur leitenden Position bei einem Onlinehändler für PC-Bedarf. »Team- und Shop-Leiter: Ich dachte, das mache ich bis zur Rente.« 15 Jahre lang war der 55-jährige Ockstädter in einem Betrieb in Großen-Linden beschäftigt, dann wurde seine Stelle ersatzlos gestrichen. Und nun? Großes Rätselraten. »Ich bin ein positiv denkender Mensch und bin in kein Loch gefallen.« Dafür sorgte die Arbeitsagentur. Cantow drückt wieder die Schulbank, macht eine Umschulung, absolviert ein Praktikum und hat die erste Zwischenprüfung auf dem Weg zum »Fachinformatiker Systemintegration« gerade mit Bravour bestanden.

Eine Affinität zur Computertechnik hatte Cantow schon immer. Nur bei der Berufswahl war er sich nicht sicher. Über den zweiten Bildungsweg holte er das Abitur nach, studierte eine Kombination aus Neueren Fremdsprachen und Volkswirtschaftslehre (VWL), brach ab, wechselte zu Musikwissenschaft und Englisch, war auch damit nicht wirklich glücklich. Das ist er, wenn er auf der Bühne steht und E-Bass spielt. Mit seinem Fretless-Bass (ohne Bünde, wie bei Geige oder Cello) sorgt er für warmen, singenden Groove. Zehn Jahre lang tourte er mit der »Stage Band« durch Europa. »Für eine Profi-Karriere hat es leider nicht gereicht«, gibt er sich bescheiden.

Im Jahr 2000 erlitt Cantow einen Bandscheibenvorfall. Taxifahren war nicht mehr. Nach einem kurzen Zwischenspiel als Luftsicherheitsassistent am Frankfurter Flughafen heuerte er bei einem Softwarelizenz-Händler an, wechselte nach zwei Jahren zu dem Online-Händler in Großen-Linden.

Und jetzt wieder lernen und Prüfungen ablegen? Eine Überwindung sei das schon gewesen, sagt Cantow. Aber es läuft. Beim Bildungsträger DAA (Deutsche Angestellten-Akademie) hat er im März 2020 eine Umschulung mit IHK-Abschluss begonnen. »Eine Berufsausbildung habe ich ja bisher nicht.«

Zwei Jahre lang dauert diese Maßnahme. Die Kosten trägt die Arbeitsagentur, die außerdem weiter das Arbeitslosengeld zahlt und auch alle Fahrtkosten übernimmt. Cantow ist verheiratet, hat zwei Kinder und eine Familie zu versorgen. Pause machen gilt da nicht.

Umschulung: Zwischenprüfung locker bestanden

Die Corona-Pandemie machte die Sache nicht einfacher. Statt in den DAA-Räumen im Haingraben in Friedberg in einem Klassenraum zu sitzen, lernt er im Home-Office. Sechs bis acht Stunden konzentriertes Lernen im »virtuellen Klassenzimmer«, das ist nicht ohne. Cantow kommt damit gut zu recht, gründete eine »Büro-Gemeinschaft« mit seinem Sohn, der sich im Home-Office aufs Abi vorbereitet.

Doch dann kam die Suche nach einem Praktikumsplatz. »Da war ich anfangs völlig desillusioniert.« Er schrieb Bewerbung um Bewerbung, aber es kamen nicht einmal Absagen. Es kamen überhaupt keine Reaktionen. Die Firmen hatten in der Pandemie ganz andere Sorgen. »Das hat mir schon ein paar schlaflose Nächte bereitet.« Cantow fand dann doch noch einen Praktikumsplatz, in einem Unternehmen in Friedrichsdorf, das sich um elektronisches Dokumentenmanagement kümmert.

»Die Kollegen sind alle jünger, aber das passt«, sagt Cantow. Die Arbeit mache ihm großen Spaß. Das Praktikum läuft bis September, im November folgt die Abschlussprüfung. Die Zwischenprüfung hat er vor ein paar Tagen in der Gießener Hessenhalle abgelegt, mit Erfolg: »Man muss 50 Prozent der Punkte erreichen, ich kam auf 84 Prozent.« Von der Arbeitsagentur gibt es dafür einen Bonus von 1000 Euro. Am 31. Januar ist die Umschulung beendet und Cantow wird sich eine neue Stelle suchen müssen. Davor ist ihm aber nicht bange. »Ich habe durch den Praktikumsplatz schon einen Fuß in der Tür, vielleicht klappt es ja in Friedrichsdorf.«

Die IT-Branche sucht händeringend Fachkräfte, sagt Sylvia Brill von der Arbeitsagentur in Friedberg (siehe Kasten). »Ich bin ein positiv denkener Mensch«, sagt Cantow. »Was passiert, das passiert. Man muss halt nur das Beste draus machen.«

Umschulung: So funktioniert’s

»Herr Cantow ist ein Musterschüler«, sagt Sylvia Brill, Arbeitsvermittlerin bei der Arbeitsagentur in Friedberg. »Aber es war eine kleine Geburt, bis ich ihn soweit hatte.« Wie alle Arbeitssuchenden sei auch Chris Cantow skeptisch gewesen, habe sich gefragt, ob er das schaffe. »Er hat sich ohne Ausbildung hochgearbeitet und stand plötzlich mit leeren Händen da. Da ist es ganz natürlcih, dass man sich Sorgen über die Zukunft macht.« Vom Träger der Umschulung genauso wie vom Praktikumsbetrieb habe sie bislang nur positive Rückmeldungen erhalten. »Er hat bisher alles gewuppt. Ich bin immens stolz, dass wir das geschafft haben und er nach der Maßnahme einen Berufsabschluss hat.« Viele Umschüler hätten ein falsches Bild von dem, was auf sie zukommt. Die Arbeitsagentur übernehme sämtliche Kosten der Umschulung, zahle weiter das Arbeitslosengeld und auch die Fahrtkosten. »Viele denken, wenn sie eine Umschulung beginnen, hätten sie keine Einkünfte mehr. Das stimmt nicht.« Auch nach der bestandenen Abschlussprüfung winkt den Umschülern eine Geldprämie. In der IT-Branche gebe es viele Jobs, sagt Brill. Die Branche boomt nach wie vor. Freie Stellen gebe es auch im Handwerk: »Kraftfahrzeug-Mechatroniker, Elektriker, Maler und Lackierer«, zählt Brill auf. »Das will keiner machen. Die jungen Leute wollen alle ins Büro. Viele Arbeitgeber sind froh, wenn sie Fachkräfte finden.« Bei einem Job zuckten viele zusammen: Altenpflege. »Das kann icht nicht«, hört Brill dann oft. Auch Erzieherinnen und Erzieher würden gesucht. »Viele Beschäftigte gehen raus aus diesen Jobs, weil sie ausgelaugt sind. Wer im sozialen Sektor arbeiten will, findet dort eine neue Stelle.« Als Arbeitsvermittlerin müsse sie schauen, was die Kunden mitbringen, wofür sie geeignet sind. Im Internet gibt es viele Informationen rund um Umschulungen. Wer sich informieren will, dem empfiehlt Brill den »Job-Futuromat«: Hier kann jeder selbst prüfen, welche der rund 7000 Berufe in einigen Jahren noch zukunftsträchtig sind. Journalist gehört übrigens nicht unbedingt dazu.

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