Jan Seghers bei »Friedberg lässt lesen«

Neuer Roman: »Der Solist« und das Attentat auf dem Breitscheidplatz

  • Sabine Bornemann
    VonSabine Bornemann
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»Der Solist« ist der neue Roman von Jan Seghers alias Matthias Altenburg. Es geht um das Attentat auf dem Berliner Breitscheidplatz. Sein Werk stellt der Autor bei »Friedberg lässt lesen« vor.

In Ihrem neuen Roman geht der Frankfurter Ermittler Neuhaus nach Berlin zur »Sondereinheit Terrorabwehr« und erfährt zunächst wenig Unterstützung. Ist der damit der »Solist«?

Na, klar. Der Titel beschreibt meinen Kommissar ja im doppelten Sinn. Einerseits ist er im Polizeiapparat ein Solist, da er niemandem untergeben ist, außer dem Präsidenten des Bundeskriminalamtes. Andererseits ist er auch ein Einzelgänger und als solcher zwar ein cooler Hund, aber auch manchmal ein unerträglicher Kollege.

Fühlten Sie sich in der Pandemie und alleine beim Schreiben auch als Solist?

Ach, als Autor ist man doch eigentlich immer allein. Wie sollte es auch anders gehen? Das Schreiben ist und bleibt eine einsame Tätigkeit. Das ist schon in Ordnung so.

Ist der gedankliche Bezug zu einem musikalischen Solisten gewollt?

Da Neuhaus ja viel Musik hört, könnte man auf diese Idee kommen.

Wie geht der »Neue« mit seiner Rolle als »Einzelkämpfer« um?

Er ist ja niemand, der sich viele Gedanken über sich und sein Befinden macht. Vor allem will er, dass man ihn in Ruhe lässt.

Wer Marthaler vermisst, warum sollten die Leser Neuhaus eine »Chance« geben?

Vielleicht, weil es doch sehr wahrscheinlich ist, dass Neuhaus und Marthaler im nächsten Buch aufeinandertreffen und gemeinsam ermitteln. Oder, wer weiß, vielleicht auch gegeneinander.

Sie stellen Neuhaus eine besondere Ermittlerin zur Seite. Verraten Sie etwas über sie?

Ja, sie ist ein echter Knaller. Sie heißt Suna-Marie, ist in Berlin geboren und aufgewachsen, Tochter einer deutsch-türkischen Familie, ein Kind der Sonnenallee. Wegen ihrer Kurzsichtigkeit wird sie Grabowski genannt, wie der Maulwurf in dem alten Kinderbuch. Ihre dicke Brille lässt sie manchmal ein wenig unbedarft wirken. Und ihr kompakter Körperbau könnte vermuten lassen, sie sei träge.

Dem ist aber nicht so?

Beides erweist sich schnell als Irrtum. Grabowski ist ziemlich smart und ziemlich sexy, auch wenn sie selbst das anders sieht. Neuhaus jedenfalls, obwohl er sich dagegen wehrt, bleibt keineswegs unbeeindruckt von ihr.

Warum haben Sie den Schauplatz nach Berlin gelegt?

Warum denn nicht? Berlin ist doch eine aufregende, schnelle, keuchende Stadt. Zumal der Bezirk Neukölln. Bei meinen Recherchen in der Hauptstadt habe ich festgestellt, dass viele alteingesessene Berliner niemals über den Hermannplatz hinausgekommen sind. Also musste ich als Auswärtiger mit dem Indianerblick auf die Stadt ihnen das Viertel nahebringen.

Hatten Sie Hilfe bei der Recherche?

Ohne Hilfe kommt man als Autor von Kriminalromanen ja nie aus. Wissen Sie, ich müsste ansonsten Spezialist für alles sein: für Forensik, für Kriminaltechnik, für Ballistik, für Strafrecht und so weiter. Aber das geht natürlich nicht. Also suche ich mir Spezialisten, die mich unterstützen. Und meist bekommt man sehr freundliche Hilfe.

Sie sagten einmal, man müsse im Krimi nicht im Blut waten, um Spannung zu erzeugen. Ist das nach wie vor Ihr Credo beim Schreiben oder haben sich die Erwartungen der Leser an Spannung geändert?

Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass die Leser und inzwischen auch die Leserinnen immer »härtere Kost« verlangen. Trotzdem bleibe ich dabei: Spannung entsteht nicht durch immer mehr Brutalität. Ich muss das Spiel ja nicht mitspielen.

Ihre Marthaler-Romane haben vom Lokalkolorit Frankfurts gelebt. Wird es am neuen Berliner Schauplatz ähnlich sein?

Lokalkolorit hört sich nach Apfelwein, Handkäse und Grüner Soße an. So was ist mir egal; ich schreibe keine sogenannten Regio-Krimis.

Waren Sie oft vor Ort, um lokale Besonderheiten »einzufangen«?

Aber natürlich. Ich kann überhaupt nicht anfangen zu schreiben, wenn ich einen Ort nicht kenne, rieche, höre, schmecke. Ort sind für mich - neben den Figuren und der Geschichte - das Allerwichtigste. Aber Ortskenntnis ist eben das Gegenteil von Lokalkolorit.

Sie sind jetzt wieder auf Tour. Haben Ihnen die Lesungen vor Publikum gefehlt?

Eine Lese-Tour ist für einen Autor immer auch eine Ochsentour - sehr anstrengend, ermüdend, ablenkend. Insofern war es auch erholsam, einmal nicht durch die ganze Republik reisen zu müssen. Aber jetzt merke ich doch, wie ich mich auf den direkten Kontakt mit den Leserinnen und Lesern freue, auf die Fragen und Einwände und auf den Blick in die Augen.

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Rubriklistenbild: © Sabine Bornemann

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