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Wertvolles Sakramentshaus wird restauriert

Neuer Glanz fürs »Schatzkästlein« Stadtkirche

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Als »große Kostbarkeit« hat der Kunsthistoriker Ernst Götz das 14 Meter hohe Sakramentshaus der Friedberger Stadtkirche bezeichnet. Es ist in die Jahre gekommen, wird nun restauriert.

Für Pfarrerin Claudia Ginkel ist das Sakramentshaus ein »Schatzkästlein«. Dass es restauriert werde, sei »wunderbar«, zu verdanken sei dies dem Förderverein der Stadtkirche. Dessen Vorsitzender Prof. Peter Schubert gibt den Dank an alle Friedberger weiter: Die im Hochmittelalter erbaute Stadtkirche und das Sakramentshaus seien »das Ergebnisse bürgerschaftlichen Engagements«. Die Friedberger selbst waren es, die in schwierigen Zeiten Spenden für den Bau der gotischen Hallenkirche sammelten. Diese Tradition setzt der Förderverein fort.

Ende Januar wurde das Sakramentshaus eingerüstet. Eine schwierige Sache, wie Architekt Ulrich Schultes sagt. Das Gerüst musste der Geometrie des 14 Meter hohen Kunstwerks angeglichen werden. Klettert man mit Restaurator Stefan Klöckner die Leitern hoch und schaut sich die kunstvollen Verstrebungen genauer an, wird zweierlei deutlich: Es gibt viel auszubessern und bei der letzten Restaurierung wurde - man muss das so hart sagen - gepfuscht.

Erbaut wurde das Sakramentshaus 1482 bis 1484. Der Steinmetzmeister Hans von Düren bekam dafür 275 Gulden, freie Kost und Weinlieferungen. Das schlanke Turmtabernakel diente nur etwa 50 Jahre lang seinem Zweck: als Aufbewahrungsort der Hostie, die im katholischen Glauben den lebendigen Christus darstellt. Als sich in der Mitte des 16. Jahrhunderts die Reformation durchsetzte, verlor das Sakramentshaus seine Aufgabe. Nicht aber seine Wirkung auf die Betrachter.

Doch an der zartgliedrigen Ausstattung mit Pfosten, Konsolen und Kreuzblumen hat in den vergangenen 537 Jahren der Zahn der Zeit genagt. Und nicht alles, was wie Stein aussieht, ist auch Stein.

Während der Sockel aus Sandstein besteht, wurden die nach oben strebenden Pfeiler aus Tuffstein gefertigt. Ein sehr weicher Stein, der sich »schnitzen« lässt wie Holz. Doch es gibt auch Holzelemente und sogar Teile aus Ytong, also Gasbetonsteinen. Das Sakramentshaus wurde mehrfach restauriert. Um 1900 wurde eine Art Idealbild wiederhergestellt. Da die nötigen Mittel fehlten, wurden viele Teile aus Holz angefertigt, andere aus Gips gegossen. Die Kreuzblumen etwa bestehen aus Gips, wurden mit Eisendübeln befestigt. Als die Dübel durchgerostet waren, fielen erneut Teile herunter.

Pfusch in mehreren Metern Höhe

1960 war das Sakramentshaus nur noch ein Torso, erneut wurde es restauriert. Für diese Arbeiten fehlten ihm die Worte, sagt Restaurator Klöckner. »Eine schlechtere Restaurierung habe ich noch nicht erlebt.« In rund zwölf Meter Höhe zeigt Klöckner, was er meint: Eine dreieckige Konsole aus Ytong, federleicht und porös. Etliche Kreuzblumen sind zu groß geraten. Feinste Verzierungen der Streben wurden durch »Knubbel« ersetzt, die an den Tuffstein geklebt und mit Lack überpinselt wurden. »Da sind grottenschlechte ›Figuren‹ darunter. Ein wildes Konglomerat.« Mit dem Original, das anhand von Zeichungen vorliegt, hat diese Verschlimmbesserung nichts mehr zu tun. »Aber die Denkmalpflege hat den Restaurator damals über alle Maßen gelobt.« Der Pfusch in mehreren Metern Höhe war von unten nicht zu erkennen.

Ende April soll das Gerüst wieder abgebaut werden, sagt Peter Schubert. Die Restaurierung geht noch weiter. Klöckner hat an einer Stelle den vermutlich originalen Farbauftrag gefunden, ein Ockerton, der golden leuchtet. Damit wird das Sakramentshaus lasiert.

Nicht alles, was 1960 falsch gemacht wurde, kann jetzt behoben werden. Das ist eine Frage des Geldes. Die gröbsten Sünden aber werden entfernt. Im Wetterau-Museum wurde eine Konsole aufbewahrt, die laut Klöckner wohl den Sockel jener Madonenfigur bildete, die in der Karwoche 1956 gestohlen und später durch eine Nachbildung ersetzt wurde.

Museumsleiter Johannes Kögler sagt, ein solch großes Gebäude wie die Stadtkirche sei eine permanente Dauerbaustelle, die auch permanente Pflege benötige. Er hofft zusammen mit dem Förderverein, dass dies ins Bewusstsein der Bürger dringt, sich die Friedberger weiterhin mit ihrer Stadtkirche identifizieren und die Restaurierung finanziell unterstützen. Zumal dies nicht die letzte Restaurierung in der Dauerbaustelle Stadtkirche war.

Sponsoren gesucht

Nicht nur das Sakramentshaus, die Stadtkirche in ihrer Gänze ist ein »Schatzkästlein«, aber ein sehr großes. Folglich fallen permanent Restaurierungsarbeiten an. Die Restaurierung des Sakramentshauses kostet rund 70 000 Euro, die vom Förderverein der Stadtkirche übernommen werden. Gleichwohl werden Sponsoren gesucht. Der Geschichtsverein Friedberg hat sich mit 5000 Euro beteiligt. Wie Prof. Peter Schubert sagt, soll als nächstes ein behindertengerechter Zugang zur Stadtkirche hergestellt werden. Außerdem muss die innere Dachkonstruktion saniert werden. Dann, so Schubert, wären wieder Führungen durchs Dach der Stadtkirche möglich, was für viele Friedberger ein neuer Anreiz wäre, ihre Stadtkirche zu besichtigen. Wer die Restaurierungen in der Stadtkirche unterstützen will, kann spenden (Sparkasse Oberhessen, IBAN: DE53 5185 0079 0050 0500 50). Außerdem freut sich der Förderverein über neue Mitglieder. Infos und Kontakt auf der Internetseite der Evangelischen Kirchengemneinde Friedberg unter »Gemeindeleben«.

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