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Nachbarn trotzen der Krise

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Friedberg-Ockstadt (jw). Die Nachbarschaft ist in Verruf geraten. Angeblich wissen Nachbarn mehr von einem als man selbst, man grüßt sie am besten von Weitem, und ihr Knallerbsenstrauch wächst über die Grenze. Alles Unfug. Wo es noch echte Nachbarschaft gibt, dort sind Nachbarn ein Schatz, gerade in Krisenzeiten. Ein Beispiel für eine solche gute Nachbarschaft findet man im Dorfkern von Ockstadt. Allabendlich um 19 Uhr öffnen sich in der Born- und der Pfarrgasse an mehreren Häusern die Fenster für lebendige Gespräche über Politik, das Leben, die Welt. Das Wein- oder Wasserglas wird erhoben, man prostet sich zu. Spaß und gute Laune sind angesagt.

Anfangs dauerten die Fenstergespräche 15 Minuten, mittlerweile eine Stunde oder länger, erzählt Nachbarin Nici Merz. Die Anwesenheit werde sehr ernst genommen, dafür würden Termine verschoben. »Die Treffen geben dem Tag in der Quarantäne eine besondere Struktur«, ergänzt Nachbarin Evelin Langensiepen. Man nehme sich gegenseitig die Angst, es entstehe ein hohes Maß an Verbundenheit und Hilfsbereitschaft untereinander. »Durch die Gespräche können wir emotionale Belastungen lindern und Erfahrungen austauschen. Zum Beispiel: Wo bekommt man WC-Papier?«, sagt Evelin Langensiepen und muss lachen.

Im Ernst: Die Nachbarschaft bekommt eine neue Qualität. »Jeder wird mit seinen Befindlichkeiten ernst genommen.« Evelin Langensiepen wünscht sich, dass die Treffen in irgendeiner Form bestehen bleiben, wenn die Krise überwunden ist. »Sie wirken heilsam.«

Nachbar Manfred Förster sieht das genauso. Die allabendlichen Treffen dienten der Nachbarschaftspflege, die sonst im Alltag oft zu kurz komme. »Das ist ein kleines Tages-Highlight in außergewöhnlicher Zeit.« Man spüre dabei: »Mit Humor erträgt man die Einschränkungen leichter.« Und weiß am Ende: »Wieder einen Tag Richtung Normalität geschafft.«

Nachbarin Michaela Wähner freut sich jeden Tag auf den »Kontakt auf Distanz«: »Seit dem Kontaktverbot empfinde ich einen größeren Zusammenhalt unter den Nachbarn. Man erfährt mehr voneinander. Früher ging man oft aneinander vorbei, hat sich einen schönen Tag gewünscht. Jetzt ist das Verhältnis persönlicher, auch wenn man sich von Fenster zu Fenster unterhält.«

Die Treffen dienten auch dazu, den Nachbarn zu zeigen: »Uns geht’s gut, und wir wollen wissen, wie es euch geht.« Auch Michaela Wähner will diese Freundschaft nach Corona mit den Nachbarn fortsetzen. »Ich freue mich auf ein gemeinsames Grillen, könnte mir auch einen wöchentlichen Umtrunk vorstellen.«

Neue Möglichkeiten Kontakte zu pflegen

Jetzt, wo alle eingeschränkt seien und Kontakte im Homeoffice weitgehend per Telefon oder E-Mail erfolgten und man Freunde nicht treffe, sei es umso schöner, wenn man andere Möglichkeiten finde, soziale Kontakte zu pflegen. »Aufs abendliche Gespräch freue ich mich immer wieder«, sagt Michaela Wähner - und spricht allen anderen Nachbarn aus dem Herzen. Nachbarn sind ein echter Schatz - eine frohe Botschaft in dieser etwas anderen Osterzeit.

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