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An der linken Seite des Chorraums ragt das Sakramentshäuschen fast 14 Meter in die Höhe. Die Mitglieder des Fördervereins sind begeistert über das Ergebnis der Restaurierung. Spenden sind weiter erwünscht, denn es gibt noch viel zu tun.

Sakramentshäuschen der Stadtkirche in Friedberg restauriert

Nach „Pfusch am Kunstwerk“ erstrahlt Kleinod in Friedberg wieder

  • Jürgen Wagner
    VonJürgen Wagner
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Das bedeutendste Schmuckstück der Friedberger Stadtkirche war Jahrzehnte lang unter dickem Staub verborgen. Am Sonntag freuten sich der Förderverein über die Restaurierung.

Friedberg – Heute begeistert das spätgotische, filigran gearbeitete Sakramentshäuschen vor allem Kunsthistoriker und Menschen, die sich an (Kirchen-)Architektur erfreuen. Der ursprüngliche Zweck war ein religiöser: Hier, im Tabernakel, werden im katholischen Glauben die Hostien aufbewahrt, die als wahrhaftiger »Leib Christi« angesehen werden. Das Sakramentshäuschen entstand in den Jahren 1482/84. Im Jahr 1528 setztein Friedberg die Reformation ein, bald hatte das himmelwärts strebende Zierwerk seine Funktion verloren.

Geblieben ist eine beeindruckende Kleinarchitektur, die, wie Restaurator Stefan Klöckner (Biebergemünd) am Sonntagvormittag vor den Mitgliedern des Fördervereins der Stadtkirche betonte, zu den schönsten und bedeutendsten ihrer Art in Europa zählt. Doch das Bauwerk verstaubte mit den Jahren. Als der Förderverein und die Evangeliscghe Kirchengemeinde den Restaurator für eine erste Inspektion bestellten, wurde deutlich, wie viel Arbeit auf ihn und seine Mitarbeiter wartet. Denn bei der Restaurierung im Jahr 1960 war gepfuscht worden.

Restaurierung in der Friedberger Stadtkirche: Grazile Gestalt, die gen Himmel strebt

Das Sakramenthäuschen war in einem »desolaten Zustand«, sagte Klöckner und erläuterte, wie er und seine Kollegen bei der ersten Sichtung der Schäden und der folgenden Sanierung vorgingen. Viele Einzelteile des filigranen Bauwerks waren zerstört, Steinelemente waren durch Holz, Tuff, Gips oder gar Ytong ersetzt worden. Es gab Kreuzblumen, die im Original nie vorgesehen waren und auch völlig fehl am Platze waren. Auch beim Farbauftrag wurde nicht denkmalkonform gearbeitet. Ein Problem war, dass die aus Gips gegossenen Schmuckelemente mit Eisenstiften befestigt waren. Das führte zu sogenannten Rostsprengungen, die Kreuzblumen lösten sich, fielen herunter. Andere Bauteile wurden abgesägt oder waren angeklebt. Die Restaurierung von 1960 sei eine »Katastrophe« gewesen, sagte Klöckner. Die Denkmalpflege hat damals offenbar weggeschaut.

Bei der Frage, wie man vorgehe, habe man sich auf einen Kompromiss verständigt und das Hauptgewicht auf die Reinigung sowie den Ersatz fehlender Teile gelegt, sagte Klöckner. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Das Sakramentshäuschen strahlt wieder hell, dank der neuen Farbe und der Ergänzungen kommt die grazile, himmelsstrebende Gestalt wieder zur Geltung.

Die Kosten für Restaurierung samt Beleuchtung und Alarmanlage liegen laut Architekt Ulrich Schulteß, der die Arbeiten koordinierte, bei 90 000 Euro. Kassierer Stefan Otto meldete dennoch ein Plus in der Kasse. Den Erläuterungen von Restaurator Klöckner ging die Jahreshauptversammlung des Fördervereins Stadtkirche voraus. Prof. Peter Schubert hatte 2020 den Vereinsvorsitz von Pfarrer Susanne Domnick übernommen, die 20 Jahre lang dem Förderverein vorgestanden hatte. »Das war ein Einschnitt.« Schubert dankte den Spendern und nannte namentlich die Großspender: die Stiftung der Sparkasse Oberhessen, Ovag und Geschichtsverein Friedberg, auch die Stadt und die Friedberger Casino-Gesellschaft stellten »größere Summen« bereit.

Kirchturmuhr in Friedberg: Ziffernblatt muss restauriert werden

Dankesworte richtete Schubert an Architekt Ulrich Schulteß sowie an Vorstandsmitglied Ulrike Wicke und den eigens aus München angereisten Kunsthistoriker Ernst Götz, der mehrfach über die Stadtkirche publiziert hat. Auch mit fast 92 Jahren ist Götz immer noch kritischer Begleiter der Stadtkirche, regt Sanierungen an und ist mit Rat und Tat zur Stelle.

Das war schon in den 1960er-Jahren so. Nach dem Vortrag Klöckners sagte Götz, der Restaurator habe ihn in seiner damaligen Kritik bestärkt. Die Stadtkirche ist wie alle alten Hallenkirchen eine Dauerbaustelle. Die Arbeiten gehen folglich weiter, sagte Schubert. Derzeit wird die Orgel restauriert und erweitert. Das Ziffernblatt der Kirchturmuhr müsse erneuert werden, ein Zugang zum Dach soll ebenso geschaffen werden wie ein behindertengerechter Zugang zum Kirchenschiff. Es gibt noch viel zu tun, um eine der beeindruckendsten gotischen Hallenkirchen Hessens samt ihren vielen Schmuckstücken zu erhalten.

Sakramentshäuschen in Friedberg: Das alte Kunstwerk und die stets neue Botschaft

Kunst ist mehr als nur Schmuck. Sie trägt auch Botschaften in sich. So ist die himmelwärts strebende Formensprache des Sakramentshäuschens als ein ewiges Streben zu Gott zu verstehen. Prof. Peter Schubert erinnerte daran, dass es den Friedbergern im 15. Jahrhundert, als das Sakramentshäuschen beim Frankfurter Steinmetzen Hans von Düren in Auftrag gegeben wurde, wirtschaftlich nicht gut ging. »Die hatten kein Geld. Aber sie haben mit diesem Bauwerk trotzdem ihr Selbstverständnis artikuliert.« Dies sei die Botschaft, welche die Stadt noch heute aus diesem imposanten Kirchenbau ziehen könne, sagte Schubert: Dass man sein Anspruchsniveau trotz leerer Kassen hochhält.

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