Wie ein Mahnmal hängen die 16 und die 7 an der Magnettafel im Zimmer von Marius. Sie stehen für das Datum, das das Leben der Familie für immer verändert hat.
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Wie ein Mahnmal hängen die 16 und die 7 an der Magnettafel im Zimmer von Marius. Sie stehen für das Datum, das das Leben der Familie für immer verändert hat.

Nach Grillunfall auf Spielplatz: Die Zeit heilt nicht alle Wunden

Die Vorderseite von Marius’ Oberkörper ist fast vollständig verbrannt.Nach dem Grillunfall auf dem Spielplatz an der Usa liegt der Sechsjährige auf der Intensivstation in einer Kölner Spezialklinik, zwölf schwere Operationen musste er schon überstehen. Die WZ hat mit Angehörigen über die Folgen des Unfalls gesprochen.

Friedberg (chh). Wenn Marius morgens in seinem Kinderzimmer aufwacht, führt sein Weg als erstes zur Magnettafel. Der Sechsjährige ist vernarrt in Zahlen, kein Zähneputzen, kein Toilettengang, ohne das aktuelle Datum auf der Tafel festzuhalten. Doch seit sechs Wochen kann Marius kein neues Datum mehr anpinnen. Wie ein Mahnmal prangen die Zahlen 16 und 7 auf der weißen Fläche. Sie stehen für das Datum, an dem sich das Leben von Marius für immer verändert hat.

Der 16. Juli ist ein Mittwoch. Auf dem Stundenplan der integrativen Kindertagesstätte "Sonnenschein" in Friedberg steht ein Ausflug zum Spielplatz Mathildenruhe. Marius ist eines der zwölf Integrationskinder, die die Einrichtung besuchen. Der Junge ist freundlich und lebenslustig, er lacht laut und viel. Uhren und technisches Spielzeug faszinieren ihn. Wie seine Kindergartenfreunde freut sich auch Marius auf den Ausflug. Zusammen mit zwei Betreuern machen sich die Kleinen auf den Weg, nach einem etwa 20-minütigen Fußmarsch erreichen sie den Spielplatz. Die Kinder toben den ganzen Vormittag, bis sie irgendwann Hunger bekommen. Gegen 11.

30 Uhr will einer der beiden Betreuer den Grill entfachen. Damit es schneller geht, greift er zur Spiritusflasche – ein folgenschwerer Fehler. Eine Stichflamme schießt aus dem Grill und erfasst Marius. Mit schwersten Verbrennungen wird er per Hubschrauber in eine Spezialklinik nach Köln geflogen.

"Inzwischen hat Marius zwölf Operationen hinter sich. Sein Gesicht, Hals, Brustkorb, Arme und Schultern waren extrem verbrannt. Die Ärzte mussten Haut von anderen Körperteilen transplantieren", erzählt seine Mutter. Die Friedbergerin weicht ihrem Sohn nicht von der Seite, sie sitzt den ganzen Tag an seinem Bett, singt ihm Lieder vor oder erzählt Geschichten.

Wie viel der Junge davon mitbekommt, ist unklar, die Ärzte haben ihn nach dem Unfall in einen künstlichen Schlaf versetzt, ernährt wird er über eine Magensonde. Doch er macht Fortschritte. "Da Marius den Großteil der Transplantationen hinter sich hat, werden die Schlafmittel seit einigen Tagen ganz langsam reduziert. Er atmet inzwischen auch ein bisschen selber mit", freut sich seine Mutter. Durch die nachlassenden Schmerzmittel zeigt er auch erste Reaktionen. Er bewegt sich ein bisschen, ab und zu stöhnt und schluchzt er. "Marius kämpft. Er steckt das alles ganz toll weg."

Doch bis zur Genesung hat der Junge noch einen weiten Weg vor sich. Für jeden Verbandswechsel wird er unter Vollnarkose gesetzt, wenn er demnächst aus der Klinik kommt, folgt die Reha. Die nächsten zwei Jahre muss er einen speziellen Kompressionsanzug tragen, eventuell auch eine Gesichtsmaske. Doch damit nicht genug: Wegen der schweren Verbrennungen wird Marius über Jahre die Sonne meiden müssen. Die Narben werden bleiben.

Eine große Herausforderung auch für die Eltern. Da sie Marius beistehen will, geht die Mutter derzeit nicht arbeiten. Der Vater fährt jedes Wochenende nach Köln. Damit die Familie neben all den anderen Belastungen nicht auch noch in finanzielle Not gerät, sammeln die anderen Kita-Eltern Spenden. "Die Versicherung bezahlt nicht immer alle Kosten, besonders für bestimmte Hilfsmittel muss man kämpfen. Außerdem muss Marius regelmäßig nach Köln in die Klinik gefahren werden. Da kommt schon einiges zusammen", weiß eine Freundin von Marius’ Mutter. Ihr mehrfach behinderter Sohn besucht ebenfalls die Kita.

Während Marius in der Kölner Spezialklinik behandelt wird, geht der Betrieb in der Kita weiter – wenn auch in anderer Besetzung. Der Betreuer, der zur Spiritusflasche griff, arbeitet inzwischen in einer anderen Einrichtung. Ein Vater erzählt, was den Fehler umso tragischer macht: "Der Betreuer war super engagiert, ein richtiger Anpacker. Er hat mit den Kindern zum Beispiel kleine Boote gebaut. Die Kinder mochten ihn unheimlich gern."

Verarbeitet haben die Kinder den Unfall noch nicht, viele mussten psychologisch betreut werden. "Das war ein fürchterliches Erlebnis für sie", sagt eine weitere Mutter und erinnert sich an die Feier, die die Kita jüngst für die künftigen Schulkinder abgehalten hat. "Dabei wurden sie gefragt, was ihnen an der Kita-Zeit am besten gefallen hat. Die meisten nannten unterschiedliche Dinge. Als sie gefragt wurden, was ihnen nicht gefallen hat, sagten alle, die an dem Ausflug teilgenommen hatten, das gleiche: der Grillunfall. Marius wird von allen schrecklich vermisst. Von Kindern und Erziehern.

" Das gilt auch für Mika, den das Schicksal von Marius ebenfalls sehr belastet. Der Junge ist gerade fünf Jahre alt geworden. Feiern wollte er jedoch nicht. "Marius ist mein bester Freund. Mit meiner Geburtstagsparty warte ich auf ihn."

Marius wäre nach den Sommerferien in die Schule gekommen. Im Flur vor seinem Kinderzimmer steht schon sein Ranzen bereit. "Er hat sich so auf die Schule gefreut, vor allem auf das Rechnen", sagt seine Mutter. Es wird noch einige Zeit dauern, bis er seine Rechenkünste im Unterricht unter Beweis stellen kann. Aber vielleicht kann er ja bald ein neues Datum an seine kleine Magnettafel pinnen. Eins, das nicht an den furchtbaren Unfall auf dem Spielplatz erinnert. Sondern eins, das für einen Neuanfang steht.

X Um Marius und seinen Eltern während der schweren Zeit unter die Arme zu greifen, sammeln die Kita-Eltern Spenden. Wer der Familie ebenfalls helfen möchte, kann Geld auf folgendes Konto überweisen: Behindertenhilfe Wetterau, Spendenkonto Marius, IBAN: DE37 5185 0079 0027 1242 91, BIC: HELADEF1FRI.

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