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Mit Bibel zugeschlagen

Nach Attacke im Zug bei Friedberg: Täter muss in Psychiatrie

  • VonConstantin Hoppe
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Das Urteil ist gefallen: Ein 54-Jähriger muss wegen zwei Fällen von Körperverletzung in die Psychiatrie. Einer der Angriffe ereignete sich in einem Zug bei Friedberg.

»Wir sind der Ansicht, dass Sie auch weiterhin gefährlich sein werden« - mit diesen Worten verhängte Dr. Kathrin Exler als Vorsitzende Richterin der 7. Strafkammer des Gießener Landgerichts am Freitag die Sicherungsverwahrung gegen einen wohnsitzlosen Mann. Der 54-Jährige hatte im September 2019 und im Februar 2020 mehrere Fälle von Körperverletzung am Gießener Bahnhof und in einer Regionalbahn bei Friedberg begangen.

Opfer ein Jahr lang arbeitsunfähig

Vor Gericht wirkte der 54-Jährige am Freitag ruhig. Aufmerksam lauschte er den Worten der Richterin, als diese das Urteil verlas. Seine Hoffnung, dass er das Gericht am Freitagmorgen verlassen konnte, um sich selbst um eine Therapie zu kümmern, erfüllten sich nicht: Er wird die kommenden Jahre in einem psychiatrischen Krankenhaus verbringen. Mit dem Urteil folgte das Gericht in weitesten Teilen der Forderung der Staatsanwaltschaft.

Demnach gilt es als erwiesen, dass der 54-Jährige am 1. September 2019 ohne ersichtlichen Grund eine junge Frau in der Gießener Bahnhofshalle attackiert hat: Unvermittelt und unprovoziert trat und schlug er auf die 24-Jährige ein, die dort wartete. Erst das Eingreifen einiger Passanten konnte den Angriff beenden, doch dabei mussten auch die Helfer Schläge einstecken. Die 24-Jährige, die bereits vor der Tat an einer Angststörung litt, hat bis heute mit den Folgen des Angriffs zu leiden; sie wurde für ein Jahr arbeitsunfähig, und ihr Sicherheitsgefühl ist nachhaltig beschädigt.

Frau sexistisch und rassistisch beleidigt

Der zweite Vorfall ereignete sich am 7. Februar 2020 in einer Regionalbahn zwischen Gießen und Frankfurt, als der Beschuldigte wieder unvermittelt eine junge Frau angriff: Er schlug der Muslima mit einer Bibel ins Gesicht - als diese ihn anschrie, beleidigte er die Frau sexistisch und rassistisch, eher er sich wieder auf seinen Platz setzte, als sei nichts geschehen. In Frankfurt nahm ihn die Polizei in Empfang. Beide Taten wurden aufgrund einer chronischen schizophrenen Erkrankung begangen, an der der 54-Jährige seit mehreren Jahrzehnten leidet.

Ein Unterschied gegenüber der Forderung der Staatsanwaltschaft lag bei einem Detail des Angriffs im Zug: Der Staatsanwalt wertete diese Attacke als gefährliche Körperverletzung, die Kammer sah die Bibel jedoch nicht als gefährliches Werkzeug an, so dass hier wie in den übrigen Fällen von einer »einfachen« Körperverletzung ausgegangen wurde. Damit folgte das Gericht in dieser Hinsicht dem Plädoyer der Verteidigung.

Am eigentlichen Urteil änderte das nichts: Denn die Taten waren aufgrund des strafunfähigen Zustands des Beschuldigten nicht zu bestrafen. Stattdessen wird er nun in einem psychiatrischen Krankenhaus therapiert werden, was ihm eventuell dabei hilft, sein Leben zu ordnen: »Wir sehen deshalb die Unterbringung auch als große Chance für Sie«, erklärte Richterin Exler in Richtung des 54-Jährigen. Wann er das Krankenhaus wieder verlassen kann, liegt am Therapie-Erfolg. Hierzu hatte Gutachter Dr. Jens Ulferts dem Beschuldigten jedoch gute Erfolgsaussichten bescheinigt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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