Mutter muss in Haft

  • vonOliver Potengowski
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Wetteraukreis (sax). Zu vier Jahren Haft ist eine 38-Jährige aus dem Osten der Wetterau vom Schöffengericht am Landgericht Gießen verurteilt worden: Sie hatte versucht, sich und ihrer Tochter das Leben zu nehmen. Nur durch Notrufe der damals Zehnjährigen wurden der Suizid und der Mordversuch verhindert. Staatsanwalt und Richter sehen die lange Haft als Chance für die Mutter, Schritte in ein neues Leben zu beginnen.

In seinem Plädoyer sparte der Staatsanwalt nicht mit teilweise sehr direkter Kritik am Vorleben der Mutter. Dabei begann die Erläuterung des von ihm beantragten Strafmaßes von vier Jahren Haft zunächst im üblichen juristischen Ton. Er rekapitulierte die Ereignisse jener schicksalhaften Nacht im November 2019. Die Beweisaufnahme habe eindeutig ergeben, dass die Mutter ihre Tochter mit einem Vorwand dazu gebracht habe, große Mengen eines in Wasser aufgelösten Schlafmittels zu trinken, bevor sie selbst den Rest zu sich nahm. Die Mengen wären, wenn nicht von der Zehnjährigen alarmierte Notärzte die beiden gerettet hätten, unzweifelhaft tödlich gewesen.

Um die Tat der Mutter als Mord zu beurteilen, ist es notwendig, dass diese heimtückisch gehandelt hat. Diese Heimtücke, welche die Arg- und Wehrlosigkeit der Tochter gegen den Angriff voraussetzt, begründete der Staatsanwalt mit dem besonderen Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kindern. Das habe dazu geführt, dass die Tochter die Geschichte, dass ein Tornado auf das Haus zurase und sie deshalb Medizin trinken müsse, geglaubt habe.

Im zweiten Teil seines Plädoyers widmete der Staatsanwalt sich dem bisherigen Leben der Mutter. »Das sind Zustandsbeschreibungen. Damit will ich Sie nicht beleidigen, aber man muss auch mal Tacheles reden.« Er kennzeichnete es als »asoziales Leben«, in dem die Mutter von drei Kindern es sich »in der sozialen Hängematte bequem« gemacht habe. Dass sie mit der Erziehung überfordert sei, zeige die Begleitung der Mutter seit der Geburt des ersten Kindes durch die Familienhilfe. »Arbeiten nein - Transferleistungen ja«, fasste er zusammen.

Die Probleme, die sich bei der 38-Jährigen angesammelt hatten, sah der Staatsanwalt nicht als ausreichenden Grund für einen Suizid. Schließlich seien sie zusammen mit dem Familienhelfer angegangen worden. »Da säuft man, dann kommt noch Weltschmerz dazu, irgendeine Verliebtheit, die man nicht leben kann, und dann kommt es zu solchen Übersprungshandlungen«, versuchte er eine Erklärung. Das könne aber keinesfalls einen Mordversuch rechtfertigen.

Der Verteidiger der 38-Jährigen kritisierte, der Staatsanwalt habe mit dieser massiven Kritik Grenzen überschritten. »Erziehung, Schutz, Anleitung, gerade das ist, was meiner Mandantin in ihrer Kindheit gefehlt hat«, betonte er, dass die 38-Jährige die Funktionen als Mutter, die der Staatsanwalt von ihr einfordere, als Kind nie erfahren durfte.

Drei Promille zum Tatzeitpunkt

Den Vorwurf des versuchten Mordes wies der Verteidiger zurück. In der Hauptverhandlung sei es nicht gelungen, der Mutter nachzuweisen, dass sie sich und ihre Tochter umbringen wollte. Auch wegen der ebenfalls angeklagten gefährlichen Körperverletzung könne die Mutter nicht verurteilt werden. Denn bei einem Alkoholpegel im Blut von drei Promille gehe die Rechtsprechung von Schuldunfähigkeit aus. Er beantragte Freispruch. »Ich möchte vom Gericht die Chance bekommen, noch mal von vorne anzufangen«, bat die Angeklagte, dass sie nicht zu einer Haftstrafe verurteilt wird.

Doch gerade in einem solchen Gefängnisaufenthalt und den damit verbundenen straffen Strukturen sehen Richter und Staatsanwalt die Chance, dass die 38-Jährige ihr Leben ordnen kann. Sie könne sowohl eine Ausbildung als auch eine Verhaltenstherapie während der Haftzeit machen.

Obwohl er in seiner Urteilsbegründung eine harte Kritik an der Angeklagten vermied, ließ Vorsitzender Richter Andreas Wellenkötter keinen Zweifel, dass er den Mordversuch an der Tochter als »selbstbezogen und selbstsüchtig«, verurteilt. Indem die Angeklagte »sich angemaßt hat, zu entscheiden, ob ihre Tochter weiterleben darf«, habe sie ihre »Schutzpflicht gegenüber ihrer Tochter in einem Maße verletzt, das fast nicht höher sein kann.«

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