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»Sistanagila« zeigen ihr hohes Niveau: Der Name ist ein Kompositum aus »Sistan«, einer iranischen Provinz, und dem hebräischen Lied »Hawa nagila« (»Lasst uns fröhlich sein«).

Musik, die Grenzen überwinden kann

  • VonGerhard Kollmer
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Friedberg . Nach dem Sturz des Schah-Regimes im Jahr 1979 wird im Iran unter dem charismatischen Ayatollah Khomeini ein in seinen Grundzügen bis heute bestehendes theokratisches Regime etabliert, in dem die hohe Geistlichkeit sowohl Innen- wie Außenpolitik des Landes bestimmt. Dem Staat Israel als erklärtem Hauptfeind wird unverhohlen die Vernichtung angedroht.

Besonders unter der Präsidentschaft Mahmud Ahmadineschads erreichte die hasserfüllte antisemitische Polemik der iranischen Führung einen traurigen Höhepunkt.

Umgekehrt lässt die israelische Außenpolitik keinen Zweifel daran, dass Israel bei einem iranischen Angriff atomar zurückschlagen werde. Die Fronten sind bis auf den heutigen Tag wie versteinert, nichts bewegt sich - ungeachtet der Proteste in der Bevölkerung.

Gibt es, wenn schon nicht auf hoher politischer Ebene, eine Chance, diese gefährliche Konfrontation zu überwinden? Drei in Deutschland lebende israelische und zwei iranische Musiker nahmen dies zum Anlass, im Jahr 2012 die Band »Sistanagila« zu gründen. Der Name ist ein Kompositum aus »Sistan«, einer iranischen Provinz, und dem bekannten hebräischen Lied »Hawa nagila« (»Lasst uns fröhlich sein«). Und ihr Motto lautet: »Schalom alejkum« - eine Verknüpfung der hebräischen und arabischen Grußformel »Friede sei mit dir«.

»Wir verstehen uns als politisches Projekt«, betont Yuval Halpern, »Spiritus Rector« und Frontmann der Gruppe. Aber vor allem wolle man gute Musik machen und die Tagespolitik aus dem Programm heraushalten. Dazu gehört vorab die Pflege der jüdisch-persisch-arabischen Musiktraditionen, die weit mehr Gemeinsamkeiten aufweisen als die meisten Europäer ahnen.

Ebenfalls moderne Musik, wie zum Beispiel der Jazz, steht auf dem Programm. Dass dieses grenzüberschreitende, interkulturelle Konzept aufgeht, beweist der große Erfolg von »Sistanagila« seit vielen Jahren.

Auch ihr erneuter Auftritt im Großen Saal des Theaters Altes Hallenbad am vergangenen Mittwochabend (im Rahmen der »Interkulturellen Woche«) legte eindrucksvolles Zeugnis vom hohen Niveau der Musiker ab.

Bereits die Rhythmen und Melodien der ersten Nummer - ein Lied einstmals in Marokko beheimateter »sephardischer« Juden - gingen ins Blut. Und so sollte es in den nächsten 90 Minuten bleiben. Zur Begeisterung des Auditoriums gesellte sich das Staunen über die Virtuosität der einzelnen Bandmitglieder. Das gilt vor allem für den Gitarristen Hemad Darabi wie auch Omri Abramow am Sopran-Saxofon. Jawad Salkhordeh an der persischen Trommel löste mit einem großartigen Soloauftritt Begeisterungsstürme aus. Auch der Kontrabassist Avi Ben Chamo glänzte mit dem bekannten jüdischen Segensgruß »Schabbat Schalom«.

Bandleader und Sänger Yuval Halpern steuerte etliche Eigenkompositionen zum bunten Programm bei - unter anderem zwei Stücke aus seinem »Vier Jahreszeiten«-Zyklus.

Die virtuosen Soloauftritte waren eingebettet in ein perfektes Zusammenspiel, das an keiner Stelle abgegriffen-routiniert wirkte.

Vor diesem Hintergrund gemeinsamer persisch-jüdischer Musiktraditionen (welcher Nichtkenner hätte ohne Ansage zu sagen gewusst, ob der gespielte Titel jüdischer oder persischer Herkunft ist?) erscheinen die politischen »Hasstiraden der Gegenwart«, die angedrohten Kriege »im Namen Gottes« mehr als absurd.

Hoffen wir, dass verdienstvolle Projekte wie »Sistanagila« beim Zuschütten der aufgerissenen Gräben ein wenig hilfreich sein können. Sala’am alejchem! Gerhard Kollmer

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