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In perfektem Zusammenspiel präsentieren Cornelia Ilg an der Violine, Pilar Carvajal an der Viola und die Cellistin Stefanie Mehnert als Mara-Trio unter anderem drei Werke von Komponisten, die Opfer des NS-Terrorregimes geworden sind.

Musik am Rande des Abgrunds

  • vonGerhard Kollmer
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Friedberg (gk). »Es sind zu Unrecht vergessene Komponisten.« Und darum drehte sich der musikalische Abend mit dem Mara-Trio am Samstag im Alten Hallenbad, der als Livestream übertragen wurde.

Kostbar der Herzschlag jeder Minute, sie schenkt dir den Atem, erlaubt dir anzufangen aufs Neue. In deinem Augenstern kreist die verwirrende Welt, ruht das Himmelsherz jeder Minute.«

Die 1901 geborene deutsch-jüdische Lyrikerin Rose Ausländer war von 1941 bis 1944 im jüdischen Ghetto von Czernowitz interniert und starb 1988 in Düsseldorf. Ihre Gedichte kreisen um die Themen Verfolgung, Leid, Tod.

Zu ihnen zählt auch »Jede Minute«, dessen Vortrag die drei Musikerinnen des Frankfurter Mara-Trios (Cornelia Ilg an der Violine, Pilar Carvajal an der Viola und die Cellistin Stefanie Mehnert) an den Beginn ihres einstündigen bewegenden Konzerts stellten.

Sie intonierten, flankiert von der »Aria« aus J. S. Bachs »Goldbergvariationen« (BWV 988) in einer Bearbeitung Dmitrij Sitkovetskijs, drei Werke heute zu Unrecht vergessener Komponisten, die Opfer des NS-Terrorregimes wurden.

Der 1894 in Prag geborene Erwin Schulhoff starb 1942 in einem Internierungslager unweit der bayerischen Kleinstadt Weißenburg an Tuberkulose. Der Sohn eines jüdischen Wollwarenhändlers zählt zu den einfallsreichsten, experimentierfreudigsten deutschen Tonsetzern der Moderne und stand den musikalischen Strömungen der Jahre nach 1918 aufgeschlossen gegenüber. So bezog er als einer der ersten den Jazz in sein Oeuvre ein. Nach der »Machtergreifung« 1933 fielen die Werke des überzeugten Antifaschisten (darunter sechs Sinfonien) der NS-Zensur zum Opfer.

Cornelia Ilg demonstrierte mit dem Vortrag einer Violinsonate Schulhoffs, dass der von den braunen Machthabern als »entartet« stigmatisierte Künstler den Vergleich mit Werken Alban Bergs oder Anton v. Weberns nicht zu scheuen braucht. Das dreisätzige, an den Rändern der Tonalität angesiedelte Werk weist etliche technische Schwierigkeiten wie zum Beispiel rasend schnelle Kadenzen, abrupte Tempo- und Rhythmuswechsel, schwierige Doppelgriffe auf. Cornelia Ilg ließ die etwa 15-minütige Sonate nicht zum virtuosen Bravourstück »verkommen«, sondern erspürte mit großer Empathie den suggestiven Reiz dieses Werks.

Ein recht düsteres Ende

Dem 1916 geborenen ungarisch-jüdischen Pianisten und Komponisten László Weiner war ein allzu kurzes Leben beschieden: Im Februar 1943 wurde er in ein Zwangsarbeitslager des mit den Nationalsozialisten kollaborierenden ungarischen Horthy-Regimes deportiert, wo er im Juli 1944 an Entkräftung starb.

Das 1939 entstandene Duo für Violine und Viola des 23-Jährigen stand als Nächstes auf dem Programm des Mara-Trios. Betroffen lauscht der Hörer diesen Klängen - entstanden »am Rande des Abgrunds«. Doch auch der nicht um Weiners tragisches Schicksal Wissende kann sich dieser eigentümlichen Musik wohl kaum entziehen. In perfektem Zusammenspiel präsentierten Ilg und Carvajal vier stark kontrastierende Sätze: Auf einen verspielten, koboldhaften ersten folgt ein langsamer Satz mit wunderbarem, kantilenenartigen Bratschensolo zu Beginn. Dann atemlos schnelle Läufe, schrille Dissonanzen. Das düstere Ende ist wie ein Verlöschen.

Wer dieses aufwühlende Duo gehört hat, der ahnt, welche kompositorische Zukunft seinem Schöpfer noch offengestanden hätte, wäre er nicht Opfer eines Gewaltregimes geworden.

Der 1919 geborene tschechisch-jüdische Pianist und Komponist Gideon Klein wurde im Oktober 1944 in ein Außenlager von Auschwitz deportiert, wo sich seine Spuren verlieren. Seine Schwester Eliska überlebte den Terror und rief 1994 die Gideon-Klein-Stiftung ins Leben.

Mit einem Trio aus Kleins zwischen 1929 und 1943 entstandenem Œuvre verabschiedeten sich die drei Musikerinnen des Mara-Trios - den dankbaren Beifall der fünf anwesenden Hörer entgegennehmend.

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