In einer Nacht im November 2019 soll die Angeklagte ihrer zehnjährigen Tochter in Wasser aufgelöste Schlaftabletten zu trinken gegeben haben. Den Rest soll sie selbst getrunken haben. Beide sind noch am Leben – weil das Mädchen einen Notruf absetzen konnte. Nun muss die Mutter sich wegen versuchten Mordes vor Gericht verantworten.
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In einer Nacht im November 2019 soll die Angeklagte ihrer zehnjährigen Tochter in Wasser aufgelöste Schlaftabletten zu trinken gegeben haben. Den Rest soll sie selbst getrunken haben. Beide sind noch am Leben – weil das Mädchen einen Notruf absetzen konnte. Nun muss die Mutter sich wegen versuchten Mordes vor Gericht verantworten.

Verzweiflungstat?

Mordprozess in der Wetterau: Wollte sie ihre zehnjährige Tochter töten?

  • vonJürgen W. Niehoff
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War es die Verzweiflungstat einer 38-Jährigen, die sich das Leben nehmen und dabei ihre zehnjährige Tochter mit in den Tod nehmen wollte? Oder geschah das alles unter Alkoholeinfluss und war gar nicht so gewollt? Diese Fragen muss das Gießener Schwurgericht klären.

Vor dem Gießener Schwurgericht gibt sich die dreifache Mutter aus dem Osten der Wetterau ahnungslos. Sie will in der Nacht vom 18. auf den 19. November vergangenen Jahres gegen 20 Uhr ihre zehnjährige Tochter zu Bett gebracht und dann vor dem Fernseher eine halbe Flasche Wodka getrunken haben. Sie sei erst am nächsten Tag in einem Bett der Gießener Uni-Klinik wieder zu sich gekommen. An die Zeit dazwischen könne sie sich nicht erinnern.

Der Vorwurf der Anklage lautet: Kurz nach Mitternacht soll die Frau ins Zimmer ihrer Tochter gekommen sein und diese mit den Worten geweckt haben, dass sich ein Tornado dem Wohnort nähere. Sie habe deshalb ein Beruhigungsgetränk gemixt, und davon solle ihre Tochter ein paar wenige Schlucke trinken. Den Rest würde sie selbst trinken.

Mordprozess in der Wetterau: 50 zerkleinerte Schlaftabletten

Tatsächlich habe die Tochter drei Schluck aus dem Becher getrunken und die Mutter dann offensichtlich den Rest. Der Inhalt bestand aus 50 kleingestampften verschreibungspflichtigen Schlaftabletten, aufgelöst in Wasser. Die leere Packung wurde später vom Notarzt im Mülleimer gefunden.

Als der Cocktail bei der Tochter zu wirken begann und sie immer schläfriger wurde, rief das Mädchen selbst den Notruf an und bat um Hilfe. Als der Rettungswagen kurz darauf erschien, lag die Mutter bereits im Flur auf dem Boden, unbekleidet und kaum noch ansprechbar. Auch die Zehnjährige soll nach Aussage der Rettungssanitäter völlig apathisch in ihrem Bett gelegen haben. Weil auch der herbeigerufene Notarzt nicht mit Bestimmtheit sagen konnte, was Mutter und Tochter eingenommen hatten und vor allem in welcher Konzentration, ließ er die beiden nach Gießen in die Universitätsklinik überführen. Wie sich dort herausstellte zu Recht, denn der Zustand des Mädchens war zeitweise lebensbedrohlich.

Dem behandelnden Arzt in Gießen habe das Mädchen den Vorfall in der Nacht noch schildern können. Dass die Mutter sich das Leben nehmen und ihre Tochter mit in den Tod reißen wollte, so wie es die beiden Polizeibeamten und auch die Rettungssanitäter in ihren polizeilichen Aussagen geschildert hatten, das habe der Arzt von dem Kind allerdings nicht gehört.

Vom Gericht daraufhin angesprochen, verwiesen die beiden Polizisten auf die Aussage der Sanitäter. »Nein, wir haben in dieser Nacht weder mit der Angeklagten noch mit deren Tochter gesprochen. Wir haben das mit dem Suizidversuch und dem Mordanschlag aus den Angaben der Sanitäter gefolgert«, räumten die beiden Beamten vor Gericht offen ein.

Auch die Sanitäter gaben auf mehrfache Nachfrage des Gerichts zu, dass sie den Tathergang nur aufgrund der Tablettenfunde vermutet hätten. »Wir hatten in diesem Moment wirklich andere Sachen zu tun, als uns um Einzelheiten zu kümmern. Wir hatten nur die Gesundheit der beiden Geschädigten im Auge«, sagten beide übereinstimmend.

Mordprozess in der Wetterau: Wenig Kontakte, viel Alkohol

Viel wenn und aber. Deshalb scheint die Beweiskette der Staatsanwaltschaft, die der Mutter Mordversuch und Körperverletzung vorwirft, noch Lücken aufzuweisen. Entscheidend wird deshalb die Aussage der Tochter sein, die aber erst für einen der nächsten Verhandlungstage vorgesehen ist.

Die alleinerziehende und von Sozialhilfe lebende Angeklagte hat bereits zwei Selbstmordversuche hinter sich, 2011 und 2014. Sie lebe sehr zurückgezogen, habe kaum Kontakte zur Außenwelt, dafür umso mehr Probleme mit dem Alkohol. Auch in psychiatrischer Behandlung sei sie erst vor Kurzem gewesen, berichtete sie. Der Grund: Sie leide unter Depressionen und bekomme ihr Leben nicht mehr in den Griff. Auch habe sie Angst, dass ihre jüngste Tochter - die beiden älteren Kinder sind schon aus dem Haus - bald auch erwachsen werde und sie dann ganz alleine sei.

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