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Ministerin Puttrich besucht Friedberger Berufsschule

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Übergabe des Zuwendungsbescheids mit (von links) Lehrer Otto Lomb, Ministerin Lucia Puttrich, Schuleiterin Jutta Tschakert und Schülerin Annika Gruber.
Übergabe des Zuwendungsbescheids mit (von links) Lehrer Otto Lomb, Ministerin Lucia Puttrich, Schuleiterin Jutta Tschakert und Schülerin Annika Gruber. © Harald Schuchardt

Friedberg (har). Hohen Besuch begrüßten am Mittwochmorgen Schulleiterin Jutta Tschakert, Lehrerin Eva Tinz und Schülerin Annika Gruber in der Johann-Philipp-Reis-Schule: Europaministerin Lucia Puttrich informierte sich über das Schulprojekt mit dem Liceo Bertolucci im italienischen Parma.

Die Ministerin überreichte einen Zuwendungsbescheid für die fünftägige Fahrt nach Italien. Gekommen war ferner Leitender Schulamtsdirektor Manfred Klebe. Gespannt warteten die 15 Schülerinnen und Schüler aus den 11. Klassen des gymnasialen Zweigs und den 12. Klassen der Berufsfachschule mit ihren Lehrkräften auf die Ministerin. Die begrüßte jeden persönlich, »so viel Zeit muss sein«. Otto Lomb, katholischer Religionslehrer und Organisator der Reise, stellte mit einer Powerpoint-Präsentation das Projekt vor. Ziel der Reise ist Parma, wo die Jugendlichen bei Familien untergebracht werden. In der »Scuola di Pace«, der Friedensschule, die vor zwölf Jahren als Stiftung gegründet wurde, werden die 16 bis 20 Jahre alten Schüler zusammen mit ihren italienischen Gastgebern über die Gräueltaten der SS in der Region Emilia Romana sprechen. Auch der Monte Solo in der Nähe von Marzabotto besucht.

In dem Dorf und der Umgebung erschoss die SS vom 29. September bis 5. Oktober 1944 770 überwiegend ältere Menschen, Frauen und Kinder. »Die Schüler, die sich hier begegnen, erschießen niemanden mehr, da bin ich mir sicher«, sagte Lomb. Geplant sind ferner Besuche in der Kirche von Marzabotto, in deren Grabkammern sich die Opfer des Massakers befinden sowie auf dem Friedhof des Nachbarorts Casaglia.

»Man beklagt sich dort, dass wir Deutschen all dies heute nicht wahrnehmen. Doch wir wollen bewusst mit der Vergangenheit umgehen und mit unserem Besuch zeigen, dass sich junge Menschen durchaus mit der gemeinsamen Geschichte von Deutschen und Italienern im Zweiten Weltkrieg beschäftigen«, erläuterte Lomb, dessen Onkel Otto als 20-jähriger Soldat in Italien erschossen wurde. »Ich trage seinen Vornamen, das ist mein persönlicher Hintergrund.«

Neben der Aufarbeitung der Vergangenheit ist aber auch die gemeinsame Zukunft in einem geeinten Europa Thema der Italienreise; die italienischen Schüler werden dann im September zum Gegenbesuch erwartet. »Da würden wir uns hiermit gerne in den Landtag einladen«, meinte Lomb. Puttrich nahm die »Anregung« sofort auf: »Schreiben Sie uns, das mache ich gerne«, sagte die Ministerin, die feststellte, dass sie zur gleichen Zeit mit Ministerpräsident Volker Bouffier in die Emilia Romana, die seit 24 Jahren Partnerregion von Hessen ist, reist. »Ich wollte wissen, was sie machen und nicht einfach das Geld schicken«, begründete Puttrich ihren Besuch.

Der Populismus eines alten Mannes

Hessen ist als einzige ausländische Institution Mitglied in der Stiftung der Friedensschule, betonte die Ministerin, die kein Verständnis für den »Populismus eines Berlusconi« hat. »Wir bekennen uns dazu, was damals passiert ist.« Da könne der ehemalige italienische Ministerpräsident reden, was er wolle. »Das bringt mich in Rage.«

Den Schülern prophezeite sie, der Besuch in Marzabotto werde ihnen »unter die Haut gehen«. Die Gefahr, dass Menschen so grausam sind, bestehe immer wieder. Den Besuch junger Menschen an solchen Gedenkstätten sieht Puttrich als Chance, »ein Stück daran zu wachsen«. »Ich finde es klasse, dass sie das machen. Genießen sie aber auch Italien und die italienische Gastfreundschaft«, sagte Puttrich und übergab den Zuwendungsbescheid über 1500 Euro an die Schulleiterin.

Bei Käse- und Zwiebelkuchen, gebacken von den Bäckerklassen der Schule, suchte die Ministerin das Gespräch mit den Jugendlichen. Auf die Frage, ob sich schon vorher jemand mit diesem Thema beschäftigt habe, meldete sich Katharina Peters. Die 18-Jährige aus Bad Nauheim besuchte vor zwei Jahren das ehemalige Konzentrationslager in Auschwitz und bekannte: »Ich hatte vor dem Besuch richtig Angst, doch die Schüler dort waren sehr offen und hatten gar keinen Hass gegen uns Deutsche.« Ihr Fazit: »Ich denke jetzt ganz anders über das Thema.« Andere Schüler berichteten über Austauschprojekte mit der Türkei und Frankreich, an denen sie teilgenommen haben.

»Ich wünsche Ihnen eine schöne Zeit in Italien und viele bleibende Eindrücke«, sagte Puttrich und wurde mit Beifall verabschiedet. »Sie war ja richtig locker und interessiert, das hätte ich nicht gedacht«, meinte eine Schülerin.

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