Spätestens Ende 2015 ist Schluss: Der Miele-Standort in Friedberg wird geschlossen. Der Innendienst wird künftig von Gütersloh aus erledigt.
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Spätestens Ende 2015 ist Schluss: Der Miele-Standort in Friedberg wird geschlossen. Der Innendienst wird künftig von Gütersloh aus erledigt.

Miele schließt Standort, Mitarbeiter sind schockiert

Friedberg (jw). Bei der Belegschaft des Vertriebs- und Servicezentrums (VSZ) der Firma Miele ist die Stimmung im Keller. "Die Mitarbeiter sind niedergeschlagen. Sie haben Existenzängste, es geht allen sehr schlecht", sagt Betriebsratsvorsitzender Hartmut Gerlach.

Was am Donnerstag ein Gerücht war, war am Freitag Gewissheit: Miele schließt deutschlandweit sechs VSZ, darunter auch das "Center Frankfurt", das seit 1983 im Industriegebiet Süd angesiedelt ist. Man plane eine "Bündelung der Kräfte" am Firmensitz in Gütersloh, teilt das Unternehmen mit. In Friedberg sind 43 Mitarbeiter betroffen. Sie sollen weiterbeschäftigt werden, müssten dann aber umziehen oder einen Arbeitsweg von 275 Kilometern in Kauf nehmen. Ein Mitarbeiter beschrieb gegenüber der WZ die Stimmungslage: "Wir fühlen uns ausgenutzt. Wir haben hier sehr gute Arbeit geleistet und schwarze Zahlen geschrieben. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan und kann gehen."

Als Gründe für die Schließung nennt Miele in einer Pressemitteilung die "stetig steigenden Marktanteile der Fachmarktketten und des Internets, die rückläufige Zahl der Fachhändler" und den Preisdruck. Man rechne mit jährlichen Kosteneinsparungen in mittlerer siebenstelliger Höhe. Dies habe bei den Überlegungen aber nicht die entscheidende Rolle gespielt, sagt Frank Jüttner, Leiter der Miele Vertriebsgesellschaft Deutschland. "Um künftig noch schneller und flexibler auf die Anforderungen des Marktes und der Kunden reagieren zu können", würden Vertrieb und Service künftig zentral von Gütersloh aus gesteuert.

Die Schließungen erfolgten schrittweise, jedoch nicht vor dem vierten Quartal 2015. Für die insgesamt 300 betroffenen Mitarbeiter gilt eine "Jobgarantie": Allen wird ein Arbeitsplatz in Gütersloh zugesichert, bei gleichem Entgelt. Man werde mit den Betriebsräten ein "Leistungspaket" vereinbaren, um "die persönlichen Folgen des Umziehens oder Fernpendelns" abzufedern. Dies gelte auch für Beschäftigen, die aus persönlichen Gründen nicht mit nach Gütersloh gehen.

Nicht die erste "Bündelung"

"Wann wir in Friedberg schließen, wissen wir noch nicht", sagt Betriebsratsvorsitzender Gerlach. Er weiß, was es heißt, über größere Strecken zu pendeln. 2004 hat Miele schon einmal mehrere VSZ geschlossen. Seither arbeiten in Friedberg Mitarbeiter aus den früheren Standorten Kassel, Darmstadt und Würzburg. Von dort kommt auch Gerlach. "Jeder Mitarbeiter soll eine Stelle in Gütersloh bekommen? Schwierig, wenn der Lebensmittelpunkt hier ist." In Friedberg seien auch zwei Auszubildende betroffen.

Gegen die Entscheidung könne der Betriebsrat nichts unternehmen, sagt Gerlach. Dank der frühzeitigen Information mit einem Vorlauf von einem Jahr könne man aber einen guten sozialverträglichen Interessensausgleich erstellen und die Entscheidung durch Abfindungszahlungen abmildern. Das Vertriebs- und Servicezentrum im Industriegebiet Süd (für den das Stadtparlament eigens eine Mielestraße benannte) betreut Elektro-Fachhändler und Küchenhäuser in fünf Bundesländern, vertreibt und wartet Wasch- und Trockenautomaten, Spülmaschinen, Küchen-Einbaugeräte, Staubsauger und vieles mehr. Auch der technische Außendienst wird künftig von Gütersloh aus gesteuert; diese 85 Mitarbeiter müssen nicht umziehen. Seit April 2012 wird bereits die Sparte "Professional" zentral verwaltet, der Kundendienst für Krankenhäuser, Gastronomie und Wäschepflegefirmen. Gerlach: "Die nahe Anbindung fällt weg, die Mitarbeiter vereinsamen ohne persönliche Kontakte."

"Die Stimmung ist mies", sagt ein Mitarbeiter. Er will wie andere Kollegen seinen Namen nicht nennen. Seine berufliche Zukunft ist ungewiss. "Alles, was wir hier aufgebaut haben, wird mit einem Schlag zunichte gemacht", sagt er. Jüngere Kollegen würden vielleicht nach Gütersloh ziehen. "Wer hier ein Haus gebaut hat, kann das nicht." Genau das hat ein anderer Miele-Mitarbeiter getan. Die Ehefrau hat eine Anstellung in der Wetterau, da beide berufstätig sind, muss die Betreuung der Kinder organisiert werden. "All die Arbeit, die wir in den Standort gesteckt haben. Wirtschaftliche Gründe können bei unseren Zahlen nicht entscheidend sein. Da geht es um Gewinnmaximierung, die kriegen den Rachen nicht voll genug", schimpft er. Die Motivation vieler Kollegen sei "sehr weit unten".

"Einige können vielleicht vorzeitig in Ruhestand gehen", meint eine Kollegin. "Viele Mitarbeiter haben hier ihre Ausbildung gemacht und sind seitdem hier beschäftigt. Darunter sind viele Ehepaare, das ist besonders traurig und hart." Gerüchte habe es schon immer gegeben. "Aber keiner wollte glauben, dass das Wirklichkeit würde." Am Samstag las sie in der WZ von der Neueröffnung der Firma Pegasus im Industriegebiet Süd, gegenüber von Miele. "Da sieht man, wie nah Freud und Leid beieinander liegen: Zur selben Stunde, in der bei Pegasus gefeiert wurde, bestimmten 100 Meter weiter Trauer und Sorge das Leben der Miele-Mitarbeiter."

"Versammlung hat nichts gebracht"

"Dass die Kolleginnen und Kollegen eine solche Nachricht erst mal verarbeiten müssen, versteht sich von selbst", sagt Unternehmenssprecher Carsten Prudent. "Miele ist dafür bekannt, auch für schwierige Situationen faire Lösungen zu entwickeln." Prudent verweist auf die Mitarbeiterversammlungen, die nun anstehen. Es gelte mit den Betriebsräte nach Wegen zu suchen, "die möglichst vielen Beschäftigten weitestmöglich gerecht werden.

" Die Mitarbeiter haben offenbar ihre Zweifel. Gestern Nachmittag war die Firmenspitze in Friedberg. "Die Versammlung hat nichts gebracht, die Leute sind noch unzufriedener", sagt ein Mitarbeiter am Abend. "Wir fühlen uns in keinster Weise vom Arbeitgeber geschätzt. Die Unternehmensleitung vergleicht Marktsegmente miteinander, die man nicht vergleichen kann. Die Argumente sind nicht nachvollziehbar."

Auch für den Gewerbestandort Friedberg ist die Schließung ein Schlag ins Kontor. Der Verlust sei "schmerzhaft, aber nicht aufzuhalten", sagt Stadtverordnetenvorsteher Hendrik Hollender.

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