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Udo Messer feiert Tag seines Unfalls als zweiten Geburtstag

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Friedberg (jw). An den Aufprall kann sich Udo Messer nicht erinnern. »Ich bin auf die Straße gelaufen und 14 Tage später im Krankenhaus aufgewacht.« Vor 50 Jahren, am 30. Juni 1966, wurde Messer, damals sieben Jahre alt, von einem Auto überfahren. Seither ist der Friedberger halbseitig gelähmt. Den Tag des Unfalls feiert er dennoch. Als seinen zweiten Geburtstag.

Befragt, wie sich seine Behinderung nennt, sagt Udo Messer »Dachschaden« und grinst schelmisch. »Nein, im Ernst: Ich habe eine linksseitige spastische Lähmung, eine Hemiparese.« Messer kann den linken Arm nur eingeschränkt bewegen und hat einen »ataktischen« Gang. Ein Erwachsener habe einmal zu ihm gesagt, er solle »normal« laufen. »Ich habe geantwortet, ich laufe doch normal.« Bei ihm ist es normal, wenn er ein Bein nachzieht. »Ich bin körperbehindert, die anderen sind normal behindert.« Messer lacht. Aber nicht immer war ihm in den vergangenen 50 Jahren zum Lachen zumute.

Der Unfall ereignete sich, als er in Hofheim wohnte. »Gegenüber gab’s Pfützen, ich habe mit einem Freund gespielt. Ich wollte über die Straße, habe nach links und nach rechts geschaut, wie man das lernt.« Dann folgte der Filmriss.

Ein Gutachter hat den Unfall etwas eigenartig beschrieben: »Nachmittags auf dem Weg nach Hause ist er beim Überqueren der Straße in ein Auto gelaufen, hat sich mit dem Kopf am Kotflügel gestoßen und hat sich überschlagen.« Nicht das Auto traf ihn, er traf demnach das Auto.

Für Udo Messer ist das Glas halbvoll

Es gibt Ungereimtheiten in dem Fall. Später erfuhr Messer, dass der Autofahrer tags zuvor den Führerschein verloren hatte, wegen Fahrens unter Alkoholeinfluss; nur für sein Geschäftsauto habe er eine Fahrerlaubnis besessen. Eine Nachbarin habe den Autofahrer gegenüber der Polizei in Schutz genommen. »Dabei konnte sie den Unfall aus ihrem Fenster nicht sehen, ein Baum stand davor.« Messer erlitt einen Schädelbasisbruch, mit der Folge der halbseitigen Lähmung. »Wären beide Gehirnhälften betroffen gewesen, säße ich heute im Rollstuhl oder hätte nicht überlebt.« Die Frage, was aus ihm ohne den Unfall geworden wäre, stelle sich nicht. »Ich bin so, wie ich bin.« Es gibt Leute, bei denen ist ein halbvolles Glas halbleer. Udo Messer gehört nicht dazu.

Als er aus dem Krankenhaus kam, musste er sich in der Schule Hänseleien anhören. »Hinkebein« und »Humpelfrosch« riefen die Kinder. Die Erwachsenen waren nicht viel besser. Als eine Klassenfahrt anstand und sich die Mutter Sorgen machte, meinte der Lehrer, der Junge könne nur dann mitfahren, wenn sich jemand aus der Klasse um ihn kümmere. Es meldete sich niemand. Die Mitschüler fuhren in die Rhön, Udo kam für eine Woche in eine andere Klasse. »Wir sind dann nach Schwalbach umgezogen, ich kam auf eine andere Schule. Bei der nächsten Klassenfahrt war ich natürlich dabei, für den neuen Lehrer war das kein Problem.«

Als er nach der Realschule eine Lehre als Chemielaborant bei der Hoechst AG begann, war er einer der ganz wenigen Beschäftigten mit Behinderung. Sein Vater machte Druck, damit er die Ausbildungsstelle bekam. »Eine ältere Dame hat mich neulich gefragt, in welcher Werkstatt ich arbeite. Für manche Leute können Behinderte nur Schrauben sortieren.« Messer hatte gute Zeugnisse, blieb seinem Beruf treu, ist heute bei der Sanofi AG in Frankfurt-Höchst beschäftigt.

Früh zog er zu Hause aus, mietete sich eine Wohnung in Bornheim. Er wollte selbstständig sein, wurde aber auch zum Einzelkämpfer. Wenn andere samstagabends in die Disco gingen, saß er zu Hause und hörte Schallplatten. »Ich hatte eine riesige Zappa-Sammlung.« So riesig, dass er sein Konto überzog und monatelang Schulden abstotterte. Nach Friedberg kam Messer vor rund 25 Jahren durch Zufall. Seine damalige Frau saß im Rollstuhl, ein anderer Rollstuhlfahrer zog aus seiner Wohnung in der Burg aus. »Ich bin durchs Burgtor gegangen und dachte: Hier willst du wohnen.« Mittlerweile ist die Ehe Geschichte (»Wir sind glücklich geschieden«), er lebt in einer Wohnung in der Stadtmitte, zum ersten Stock führt eine schmale und steile Treppe. »Ich quäle mich da nicht hoch, ich gehe da hoch wie jeder andere«, sagt Messer. »Ich stöhne auch nicht, wenn ich die 800 Stufen des Adolfsturms besteige, um die Türen zu den Plattformen aufzuschließen.« Als Mitglied des Geschichtsvereins öffnet er den Adolfsturm für Besucher.

Mobilität ist für ihn kein Problem. Einen Autoführerschein besitzt er, aber kein Auto. Er müsse sich nicht unbedingt in das Verkehrsmittel setzen, das ihn über den Haufen gefahren hat. Messer fährt mit Bussen und Bahnen, kennt sich damit aus. 25 Jahre lang war er im Verkehrsclub Deutschland aktiv, bot telefonische Fahrgastberatung an.

Schwierig sei das Thema Partnerschaft, besonders in der Pubertät. »Wer will schon mit einem ausgehen, der hinkt? Die Leute suchen Normalität. Ich bin aber, wie ich bin. Wer das nicht mag, hat Pech gehabt.« Er selbst hat mal wieder Glück gehabt und eine Frau kennengelernt. Mehr will er nicht verraten, nur so viel: »Wir haben uns angeguckt, und die Hütte hat gebrannt.«

Als Jugendlicher sei er am 30. Juni nicht vors Haus gegangen, erzählt Messer. »Ich habe mich verkrochen.« Irgendwann sei der Tag dann nichts mehr besonderes für ihn gewesen. Heute weiß er: Der Tag ist sein zweiter Geburtstag, da wird gefeiert. Das Gutachten von 1966 kam übrigens zu dem Schluss, der »Knabe« sei »psychisch unauffällig« und werde keine Probleme haben, sich in der Welt zurechtzufinden. Da hat der Gutachter doch noch ein weises Wort gesprochen.

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